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Meine Woche in Serie

"Wynonna Earp": Revolverheldin, die Dämonen jagt

 

Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat im tiefen Westen der USA eine Serien-Perle entdeckt, mit der sie selbst nicht gerechnet hatte: "Wynonna Earp", einen Horror-Fantasy-Western, der so ganz anders ist, als man von diesem Genre-Mix erwarten würde.

von Ulrike Klode
10.03.2018 - 10:00 Uhr

Die Ururenkelin von Wyatt Earp, die die als Dämonen wiederauferstandenen Bösewichte jagt, die ihr berühmter Vorfahre vor langer Zeit ins Jenseits befördert hat - Western trifft auf Horror-Fantasy. Und damit ist "Wynonna Earp" eigentlich überhaupt nichts für mich. Dachte ich. Doch ich lag völlig daneben: Zwei Wochen nachdem ich wagemutig der ersten Folge eine Chance gegeben habe, verdrücke ich beim nervenaufreibenden Finale der zweiten Staffel Tränen. Bei einer Western-Horror-Fantasy-Serie. Hä?!

Darum geht's: Wynonna Earp kehrt an ihrem 27. Geburtstag in ihren Heimatort Purgatory in der Nähe der Rocky Mountains zurück. Kaum angekommen, bricht die Hölle los: Dämonen machen den Ort unsicher, und sie ist diejenige, die sie besiegen kann. Und muss - denn als Earp-Erbin trifft sie der Earp-Fluch. Dieser besagt, dass alle Schurken, die der legendäre Revolverheld Wyatt Earp zur Strecke gebracht hat, wiederauferstehen, sobald der oder die älteste Nachfahre 27 Jahre alt wird. Und nur der Erbe oder die Erbin selbst kann die Dämonen wieder in die Hölle zurückschicken - mit Wyatt Earps alter Pistole. 

Jepp, beim Schreiben des obigen Absatzes stelle ich wieder fest: Das ist eigentlich absolut nichts für mich. Allerdings kommt der Tipp, die Serie doch einfach mal einzuschalten, von einer serienverrückten Bekannten, mit der ich schon oft auf einer Wellenlänge lag (lieben Dank für den Hinweis, Meike!). Und tatsächlich bin ich schon in der ersten Folge drin und möchte mehr sehen - allerdings nicht wegen, sondern trotz der überirdischen Figuren. Ich möchte mehr sehen von dieser Wynonna (Melanie Scrofano) und ihrer jüngeren Schwester Waverly (Dominique Provost-Chalkley). Wynonna: tough, zu jedem Kampf bereit, schlagfertig, risikobereit, grummelig, grundwütend. Waverly: belesen, was die Earp-Geschichte und alles andere angeht, sanftmütig, gutgelaunt, von ihrer großen Schwester unterschätzt. In der Charakterzug-Kombination zwar in der Serienwelt nicht unbedingt etwas Neues, aber es macht Spaß, das endlich mal wieder als reine Frauen-Kombination zu sehen. Nach besagter erster Folge will ich wissen, was diese besondere Beziehung zwischen den beiden ausmacht, was ihnen Schreckliches widerfahren ist und wie sie damit umgegangen sind. Und ja, es muss sehr schrecklich gewesen sein - den Andeutungen und Erinnerungsflashs nach zu urteilen.

Nach und nach gewöhne ich mich tatsächlich an die überirdischen Aspekte in dieser Serie, die zunehmen, je mehr die Geschichte fortschreitet. Ich fange an, mich auch auf diesen Teil einzulassen und stelle höchst erfreut fest, dass hier mit meinen Erwartungshaltungen und mit gelernten Erzählmustern gespielt wird. Nur ein kleines Beispiel, ganz ohne Spoilergefahr: Von sengender Hitze und flirrender Luft, die für Western so typisch sind, ist hier nichts zu merken, weil viele Folgen der ersten und der zweiten Staffel im Schnee spielen.

Und ich entdecke, mit wieviel Sorgfalt und Bedacht Showrunnerin Emily Andras und ihr Team die anderen Hauptfiguren geschrieben haben. Mit welch interessanten Facetten sie sie ausgestattet haben und welch unerwartetes Eigenleben sie sie führen lassen. So wächst mir zum Beispiel Doc Holliday (Tim Rozen) ans Herz, früher bester Freund von Wyatt Earp, jetzt unsterblich. Er musste, verzaubert von einer Hexe, 130 Jahre in einem Brunnen ausharren und auf die Ankunft von Wynonna warten. Und es fällt ihm nicht leicht, sich nun an die ihm fremde Gegenwart zu gewöhnen und herauszufinden, wer Feind und Freund ist. Selbst die wichtigsten Dämonen sind, entgegen dem anfänglichen Eindruck, ambivalent - womit das Freund-Feind-Bild durchbrochen und in Frage gestellt wird, mit dem man sich das Erzählen einfach machen würde.

Die Serie macht in Staffel eins und zwei eine Entwicklung durch: Während man am Anfang die Struktur des "Monsters der Woche" wählte, also für jede Folge eine abgeschlossene Dämonen-Jagd-Geschichte, ergänzt um Folgen übergreifende Handlungsstränge, wird nach und nach das große Ganze aufgezogen, in dem zwar immer wieder einzelne, abgeschlossene Handlungsstränge auftauchen, aber in der Minderheit sind. Und das Schöne: Fast immer, wenn ich denke "Ah, das wird jetzt in die und die Richtung weitergehen" kann ich mir sicher sein, dass es eine unerwartete Wendung nimmt. Allerdings ist die Wendung immer nur so scharf, dass ich ihr folgen kann - nie so, dass ich sagen würde "Jetzt drehen sie aber zu sehr ab". Ein schmaler Grat, von dem schon einige Fantasy-Serien abgerutscht sind. 

Eine kleine Warnung muss ich allerdings loswerden: "Wynonna Earp" ist eine Produktion für den amerikanischen Sparten-Sender Syfy und den kanadischen Sparten-Sendern CHCH-DT beziehungsweise Space, das Budget ist also nicht mit hochwertigen Horror-Fantasy-Dramen wie "True Blood" vergleichbar. Entsprechend niedrig muss man die Erwartungen bei Special Effects ansetzen. Aufwändige Effekte werden zwar ohnehin nur dosiert eingesetzt, aber selbst dann kann man den Effekten ansehen, dass dafür nicht viel Geld ausgegeben werden konnte.  

"Wynonna Earp" gibt's auf Netflix. Die Serien basiert auf der gleichnamigen Comicreihe von Beau Smith.

Zum Vorgeschmack hier ein Trailer: 

Und ganz zum Schluss werde ich noch über etwas schreiben, das sich nur an diejenigen richtet, die beide Staffeln gesehen haben (und sich wie ich nun auf Staffel drei freuen). Daher kommt jetzt eine fette Warnung:


- ACHTUNG, AB HIER FOLGEN SPOILER AUF WICHTIGE EREIGNISSE IN STAFFEL 2 -

Ich war sehr überrascht, dass Wynonna schon in Staffel 2 schwanger wurde - einen solchen Handlungsstrang hatte ich frühestens in Staffel 4 oder 5 erwartet. Ich bin aber tatsächlich nicht auf die Idee gekommen, während des Guckens mal zu googeln, welchen Grund es für diese Entwicklung geben könnte, sondern dachte stattdessen: "Wow, die trauen sich aber was!" Und im Laufe der Staffel war ich gleichzeitig fasziniert davon, wie die Macher mit diesem Handlungsstrang umgehen und machte mir gleichzeitig Sorgen, dass dieses Wagnis schiefgehen und in einem erzählerischen Desaster enden könnte. Außerdem konnte ich mir einfach nicht vorstellen, wie sie ein Baby in künftige Geschichten einbauen würden - zu feindselig erschien mir das Leben der Earp-Schwestern. Mit einer Lösung wie der am Ende der zweiten Staffel hatte ich überhaupt nicht gerechnet, obwohl sie konsequent ist. Respekt!

Und dieser Respekt ist noch größer geworden, als ich nach dem Finale feststellte, dass es für die Schwangerschaft in der Serie einen Grund in der Wirklichkeit gab: die Schwangerschaft der Hauptdarstellerin Melanie Scrofano. Eine große Herausforderung für das Autorenteam um Emily Andras, diese Schwangerschaft in die Geschichte zu übernehmen und nicht - wie es ja in einigen Serien gehandhabt wird (ich sage nur: riesige Taschen vor großen Bäuchen in "How I Met Your Mother) - zu vertuschen. Aber das Annehmen dieser Herausforderung hat die Serie auf erzählerische Wege gebracht, die andernfalls nicht denkbar gewesen wären.

Lese-Empfehlung in dem Zusammenhang: ein Interview mit Showrunnerin Emily Andras, in der sie über das Finale und den Schwangerschaftshandlungsstrang spricht. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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