© Netflix/Per Arnesen
Meine Woche in Serie

"The Rain": Das hätte was werden können

 

Die dänische Serie "The Rain" gehört zu den Produktionen, auf die sich unsere Kolumnistin Ulrike Klode in diesem Jahr gefreut hat. Doch so recht will der Funke nicht überspringen - mittlerweile ist sie bei Folge 4 angekommen und fragt sich, ob sie nicht doch besser aussteigen sollte.

von Ulrike Klode
12.05.2018 - 08:30 Uhr

Nach nur zwölf Minuten in der ersten Folge flossen bei mir Tränen - doch nach Folge 4 überlege ich nun, bei der dänischen Serie "The Rain" auszusteigen. Was ist da schiefgegangen?

Ein paar Sätze vorweg: Ich hatte mich aus mehreren Gründen auf die dänische Serie gefreut. Erstens: die Nähe. Ich lebe in Hamburg, war schon sehr oft in Dänemark im Urlaub - das Land ist mir also nicht nur geografisch näher als jeder US-Bundesstaat, sondern auch persönlich näher. Damit haben Landschaft und Orte einen gewissen Wiedererkennungswert. Zweitens: das Thema. Ich gucke postapokalyptische Serien gerne und finde die Idee, dass jeder einzelne eigentlich lebensspendende Regentropfen plötzlich zur tödlichen Gefahr wird. Drittens: die Kombination von Thema und Nähe. Ich kann mich an keine postapokalyptische Serie erinnern, die je in einer Region gespielt hat, die ich kenne. Dass "The Rain" nun beides miteinander vereinen würde, fand ich reizvoll.

Ich schalte die erste Folge ein. Die Optik gefällt mir, die Gegend kommt mir bekannt vor, und die Geschichte nimmt Fahrt auf. Ich schaue über die eine oder andere kleine Unstimmigkeit hinweg. Die Ereignisse wühlen mich auf, ich muss weinen. Die Vorstellung, dass der kleine Rasmus (Lucas Lynggaard Tønnesen) und seine große Schwester Simone (Alba August) auf sich allein gestellt und voller Angst in einem Bunker leben müssen, weil die Welt um sie herum vergiftet ist, trifft mich hart. Trotz aller Traurigkeit baut sich in meinem Hinterkopf schon jetzt langsam die Frage auf: Warum handeln die Kinder so, wie sie handeln? Diese Frage wird gegen Ende der Folge immer größer, bis ich mehrfach Dinge sage wie: "Oah, unlogisch. Das würde doch in so einer Situation NIE jemand machen. Warum sind die so doof geschrieben?" Oder: "Haben die Figuren da noch nie eine Mysteryserie gesehen? Man weiß doch, dass sowas IMMER schief geht!"

Eine nüchterne Betrachtung nach dem Ende der ersten Folge ergibt: eine gewisse Enttäuschung darüber, dass die sechs einsamen Jahre im Bunker so schnell abgehandelt wurden. Mit dem kleinen Bruder dessen Pubertätsjahre abgeschlossen von der Außenwelt zu verbringen, während man selbst gerade mal erwachsen wurde, muss wirklich schwierig sein - wie hat die Hauptfigur Simone das bewältigt? Diese Geschichte hätte mich interessiert! Und: Wie kommt es, dass Bruder und Schwester nie den Glauben an die Rückkehr/das Wiederfinden des Vaters aufgegeben haben? Neben der Enttäuschung macht sich eine unerfreuliche Vorahnung breit: Die nächsten Folgen werden sie unterwegs sein. Unterwegs in einer postapokalyptischen Welt, wo die wenigen überlebenden Menschen zu dem geworden sind, was mit dem Hobbes'schen Menschenbild noch freundlich umschrieben ist. Kann man machen, klar. Aber angesichts der vielen Jahre, die uns "The Walking Dead" nun schon mit dem gleichen versorgt, ist das vielleicht nicht der einfallsreichste Ansatz.

Die zweite Folge scheint mich in meiner Befürchtung zu bestätigen: Die Gruppe ist unterwegs. (Zwischenfrage: Ist das eigentlich dasselbe Gebäude, das in der vierten Staffel von "Rita" als Schule dient?) Dritte Folge: Wieder sind sie unterwegs. Und ich frage mich: Sollte ich lieber abschalten? Es gibt genug andere Serien, die woanders auf mich warten. Allerdings: Die spielen nicht in einer Gegend, die ich kenne. Und so gucke ich weiter und werde zumindest mit beeindruckenden Bildern belohnt: Kopenhagen, sechs Jahre nach der Katastrophe. Der schmucke Backstein-Eingang zum Vergnügungspark Tivoli wird prominent ins Bild gesetzt, davor ein umgestürzter Linienbus, der seit mehreren Jahren dort liegen soll. Es ist tatsächlich reizvoll, eine europäische Hauptstadt in einem postapokalyptischen Stil zu sehen, wie ich ihn für New York, Washington oder auch Los Angeles schon mehrfach auf Bildschirmen gesehen habe.

Das Gefühl des Hin- und Hergerissenseins verlässt mich leider auch in Folge vier nicht. Die Entwicklung der Haupthandlung bleibt vorhersehbar (ich meine seit Folge 1 das Ende zu kennen, hoffe aber, dass ich falsch liege), die Zahl der logischen Fragen steigt weiter an, und die Hintergrundgeschichten zu den einzelnen Figuren interessieren mich nicht in allen Fällen. Doch zwischendrin: immer mal wieder die eine oder andere unerwartete Szene oder beeindruckende Szenerie. Und ja, irgendwie ist mir Simone sympathisch. Vielleicht ist das eine unvermeidbare Grundsympathie von einer großen Schwester zur anderen? Ich schalte ab, aber nehme mir vor, am Abend noch die fünfte Folge zu schauen. Und danach zu entscheiden, ob ich weitergucke oder aussteige.

"The Rain" ist bei Netflix verfügbar, bisher gibt es eine Staffel mit acht Folgen. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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