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Seine Woche in Serie

Tote Mädchen sprechen das an, was wichtig ist

 

Mit der zweiten Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" hat Netflix neue Folgen an den Start geschickt, die noch eine Schippe drauflegen. Viel Kontroverse war das Ergebnis. Unser Kolumnist findet jedoch, dass Showrunner Brian Yorkey den richtigen Weg geht.

von Kevin Hennings
09.06.2018 - 11:00 Uhr

“Das Unternehmen hat durch die Weiterführung der Serie bereits potentiell das Blut der Kinder an seinen Händen”. Das ist das Statement des Parents Television Council (kurz PTC) zur Netflix-Serie “Tote Mädchen lügen nicht”. Aussagen wie diese muss der Streaming-Gigant mit Verweis auf den Werther-Effekt - also dass schon Berichterstattung über Suizide zu einem Anstieg solcher führen - zuhauf schlucken. High-School-Schülerin Hannah Baker, ihr Suizid und all die Geschichten, die sich darum versammeln, könnten gefährlich für jene Zuschauer sein, die selbst mit dem Leben zu kämpfen hat. Und das sind eine Menge, ist Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache unter Teenagern. Lange wollte kaum jemand öffentlich über dieses Thema sprechen, doch Jay Asher schrieb darüber und Showrunner Brian Yorkey fand mit Netflix einen Partner, der mutig gewesen ist, Ashers Worte in bewegte Bilder zu verwandeln.

 

Doch sollte man ein Projekt kritisieren, das eine Welt zu zeigen, die so viele Kinder und Jugendlichen selbst nur zu gut kennen? So mancher Mensch unter uns mag es zwar nie erlebt haben, aber was im Kern von “Tote Mädchen lügen nicht” passiert, geschieht in so gut wie jeder Schule auf diesem Planeten. Ob in abgeschwächter, oder sogar noch schlimmerer Form. Vielleicht ist es aber auch der Fakt, dass die Netflix-Produktion nicht als Lehrmaterial konzipiert wurde. Sondern als Unterhaltungsstück. Ja, als Clay Jensen (verkörpert von Dylan Minnette) die Box mit den Kassetten gefunden hat, die die 13 Gründe beinhalten, warum Hannah sich umgebracht hat, wird auch ein Storybogen angestoßen. Eine Erzählung mit Dramaturgien, überraschenden Nebensträngen und Twists, die es in sich haben. Nicht umsonst ist dies eine Serie, die den Begriff “Bingewatching” mitgeprägt hat.

Und natürlich stellt “Tote Mädchen lügen nicht” viele Situationen in ein extremes Licht. Damit ist die erste Staffel gleichermaßen gemeint, wie die Zweite. Doch dies geschieht nicht, um Mobbing und Suizid zu fröhnen. Yorkey und sein Team haben die gezeigten Bilder so drastisch inszeniert, um zu schockieren und um zu zeigen, dass dies Probleme sind, die es in der echten Welt zu beheben gilt.

Dabei beschränkt sich die Serie nicht nur auf ein Mädchen, das sich scheinbar wie eine Drama Queen in den Mittelpunkt stellt und sich umbringt, obwohl sie doch alles im Leben hat. Liebevolle Eltern, ein hübsches Gesicht, gute Noten. Ja, das hatte sie. Doch dass es wirklich Menschen gibt, die glauben, dass Mädchen wie Hannah keine Probleme haben dürften und sollten, gehört mit zum Problem, weshalb Hannah sich ungehört fühlte. Neben ihr spielen auch weitere Figuren eine zentrale Rolle, auch wenn es nicht immer so scheint.

Es gibt den unglücklich Verliebten. Den Footballer, der vor seinen Jungs Dinge tut, die er eigentlich nicht tun möchte. Den Einzelgänger, der nur einstecken muss, nie gelobt wird. Die Cheerleaderin, die ihre Vergewaltigung nicht publik machen möchte, aus Angst, dass ihr niemand glaubt. Den Sohn eines reichen Elternhauses, der sie vergewaltigt hat, weil er nie gelernt hat, dass es ein “Nein” zu respektieren gilt. “Tote Mädchen lügen nicht” strotzt voller Figuren, die alle ihre Probleme mit sich tragen. Für Außenstehende mag manches Problem nicht schlimm klingen, für die Betroffenen sind sie es dennoch immer. Hier wird ihnen ein Gehör geschenkt.

Dass Netflix diesen Weg der Unterhaltung unterstützt, ist wichtig. So gelangen Themen an die breite Masse, die sonst in Nischenbesprechungen untergehen. Auch Amazon hat dies erkannt und vor Kurzem “Dietland” ins Programm aufgenommen. “Dietland” basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarai Walker und wurde ursprünglich von AMC adaptiert. In der Erzählung, die an “Fight Club” angelehnt sein soll, geht es um Plum Kettle. Grob gesagt: Sie ist eine übergewichtige Autorin, die es satt hat, keine wahrhaftige Liebe zu bekommen und stets kritische Blicke zu ernten. Dieses Thema wird öffentlich zwar bereits breiter behandelt und dennoch: Serien wie diese zeigen, dass es machbar ist, gesellschaftliche Hilfe gekonnt in kommerzielle Produktionen zu platzieren.

Ob die Ausschlachtung von Jay Ashers Buch, das lediglich die erste Staffel von “Tote Mädchen lügen nicht” erzählt, in Ordnung sei, habe ich mich bei der Ankündigung der zweiten Staffel zunächst auch gefragt. Wenn etwas gut läuft, wird es nur ungern abgesetzt. Das beste Beispiel dafür dürften die unzähligen Star Wars-Filme sein, die in der Planung liegen. Und auch die knappe Aussage des Netflix-CEO Reed Hasting halte ich für schwierig: “Es muss sich ja niemand ansehen”, meint er entgegen der Kritiker. Dies sollte in der Argumentationsliste ganz weit unten stehen, hat die Serie doch viel bessere Daseinsberechtigungen. Auch die dritte Staffel wird diese haben.

So überraschte mich die zweite Staffel dahingehend, wie der Fokus gekonnt allmählich von Hannah Baker weggenommen wird, ehe immer klarer wird, dass in der dritten Staffel ein neues Szenario in den Fokus rückt. Es wird um das nächste Problem gehen, das in dieser Form ebenfalls dringend angesprochen werden muss. Auf der einen Seite mag es zwar scheinheilig wirken, dass die Serie dann dennoch weiterhin den Titel “Tote Mädchen lügen nicht” bzw. im Original “13 Reasons Why” trägt. Marketing mit Film- und Serientiteln ist aber nichts neues und macht mich bei schlechten Remakes deutlich aggressiver, als hier.

Die perfekte Hilfe wird hier natürlich dennoch nicht dargestellt. Selbst die Serie an sich muss sich noch an ihre Pionier-Rolle gewöhnen und hat so beispielsweise erst spät bemerkt, dass jede Folge mit Warnhinweisen versehen werden sollte. Nein, es liegt weiterhin an den Menschen außerhalb jeder Fernsehserie, vernünftig mit dem Gegenüber umzugehen, damit so etwas gar nicht erst Thema wird. Doch so lange das der Fall ist, braucht es kontroverse Projekte wie dieses, die mit ihrer schonungslosen Art zur Diskussion anregen.

Sollten Sie oder eine Ihnen nahestehende Person mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge wenden. Sie erreichen Sie unter der Telefonnummer 0800 111 0 111. Im akuten Fall können Sie sich an den Notarzt wenden.

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