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Meine Woche in Serie

"Jack Ryan" - ich konnte meine Augen nicht abwenden

 

Unsere Kolumnistin Ulrike Klode fand die Spionage-Serie "Tom Clancy's Jack Ryan" alles andere als gut. Und doch hat sie bis zum bitteren Ende durchgehalten - ganz freiwillig. Jetzt versucht sie zu ergründen, warum sie nicht abschalten konnte.

von Ulrike Klode
15.09.2018 - 09:49 Uhr

Manchmal gucke ich Serien weiter, obwohl sie mir nicht gefallen. Und dann ist es schwierig für mich nachzuvollziehen, warum ich das mache. Ein ganz aktuelles Beispiel: die neue Amazon-Serie "Jack Ryan". Dass ich in die Produktion, für die Amazon einen großen Aufwand betreibt - sowohl was Geld für die Serie als auch für die weltweite Marketingkampagne angeht - mal reinschauen würde, war keine Frage. Schon allein aus beruflichem Interesse. Doch eigentlich hätte ich nach Folge 1 auch einfach aufhören und mich anderen, interessanteren Serien zuwenden können. Stattdessen habe ich Folge um Folge geschaut, bis die Staffel beendet war. Obwohl ich unterdessen sehr oft den Kopf geschüttelt, geseufzt oder mich sogar geärgert und aufgeregt habe. Kurz: Es war alles andere als ein Guckvergnügen. 

Dabei waren die Bedingungen nicht schlecht: Ich mag Spionage-Geschichten, ich schätze John Krasinski und freue mich über Serien mit hohem Produktionsaufwand. Es hätte also etwas werden können mit "Jack Ryan" und mir. Doch schon nach kurzer Zeit war mir klar: So wird das nichts. Vorhersehbare Entwicklungen, oberflächliche Figuren an der Grenze zur Cartoonhaftigkeit, fehlende Spannung trotz etlicher Explosionen, viele, viele Klischees. Dazu ein zweifelhaftes USA-Bild gepaart mit einem überkommenen Männerbild. Nö, "Jack Ryan" ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mir unter einer guten Serie vorstelle. Das naheliegenste für mich wäre also gewesen: auszuschalten. 

Ich habe während des Guckens und auch danach mehrfach darüber nachgedacht, warum ich nicht aufgehört habe. Wenn es mir nur darum ginge, etwas zu beenden, hätte ich mir eine x-beliebige andere neue Serie schnappen und sie zu Ende gucken können, schließlich ist die Veröffentlichungsdichte in diesem Spätsommer sehr hoch. Das kann es also nicht gewesen ein. Vielleicht war es die Faszination an der Katastrophe - jetzt mal übertrieben gesprochen. Also dass man, wenn etwas Schlimmes passiert, die Augen nicht abwenden kann? Doch nein, dafür war die Umsetzung nicht schlimm genug. Schließlich waren die Schauspieler gut, die Kulissen und die Bilder ebenso. Es war auch kein "hate watching" meinerseits - also dieses Phänomen, dass man eine Serie oder eine Show abgrundtief hasst und sich über jeden weiteren Fehltritt freut und darüber lästert. Nein, dafür muss man tiefe Gefühle für das Hass-Objekt entwickeln. "Jack Ryan" dagegen ließ mich eher kalt. Und nein, ich bin auch kein John-Krasinski-Fangirl, das jede Sekunde jedes Auftritts verfolgen muss.  

Was also war es dann? Vielleicht war es doch eine Art Faszination. Oder eher gesagt: ein aufrichtiges Interesse. Ein Interesse daran, zu verfolgen, wie aus sehr guten Voraussetzungen etwas noch nicht einmal Mittelmäßiges entstehen kann. Und mit Voraussetzungen meine ich jetzt nicht, die Bedingungen, die ich am Anfang von Absatz 3 aufgezählt habe - das sind ja Bedingungen, die auf mich als Zuschauerin bezogen waren. Ich meine damit solche Dinge wie: dass die Serie ein hohes Budget hatte (8 Millionen Dollar pro Folge), dass sie in einer Zeit entsteht, in der das Storytelling weit fortgeschritten ist, dass erfahrene Drehbuchautoren beteiligt sind, dass es viele Möglichkeiten gibt, eine solche Spionage-Geschichte neu zu erzählen. Und, was ich ebenfalls als eine sehr gute Voraussetzung einstufe: dass die Serie nicht direkt auf einem Jack-Ryan-Buch von Tom Clancy basiert, sondern dass die Figur aus den Büchern in eine neue Geschichte verpflanzt wurde - was die Serie einerseits gegenwärtig und relevant und andererseits überraschender machen kann.  

Allerdings - und das ist vermutlich der Grund, warum ich etwas länger brauchte, um meine Motivation für das Fortsetzen zu erklären - hat mich das Gucken der Antwort nicht näher gebracht. Natürlich nicht! Ich kann nicht sagen, warum aus den sehr guten Voraussetzungen nichts geworden ist, das ich mit Freude und Begeisterung weiterschauen würde. Natürlich gibt es Knackpunkte in den Handlungsbögen und in der Zeichnung der Figuren, an denen ich sagen kann: Wenn das jetzt so und so weitergegangen wäre, wenn es die und die Wendung gegeben hätte oder wenn die Figur sich jetzt so und so entwickelt hätte, dann hätte daraus eine gute Serie werden können. Aber die spannende Frage ist doch: Warum hat man sich dazu entschieden, die Serie genau so zu machen, wie sie jetzt ist? Und selbst der Versuch meinerseits, diese Frage vom reinen Zugucken her zu beantworten, ist aussichtslos. Es gibt vielleicht Hinweise - die Orientierung an einer bestimmten Zielgruppe wäre naheliegend. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung. Doch eine definitive Antwort findet sich beim Gucken nie. Das wäre ja genauso, als wenn ich mich bei "The Americans" fragen würde, warum man sich entschieden hat, dies und jenes zu tun, was zur Folge hatte, dass diese Serie zu einer der bemerkenswertesten Serien der 2010er Jahre wurde. Und doch stellte sich mir beim Gucken von "Jack Ryan" immer wieder die Fragen: Warum haben sie das gemacht? Warum haben sie sich für diese oder jene Entwicklung entschieden, warum für diese und jene Figur? Welche Motivation hatten sie, die Serie so auszurichten? (Ja, natürlich kann ich dazu Interviews lesen, aber die helfen auch nur eingeschränkt weiter.) 

Was übrigens zusätzlich ein Antrieb zum Weitergucken für mich gewesen sein könnte: Hoffnung. Ich gehöre zu denjenigen Menschen, die bei mittelmäßigen bis schlechten Serien ganz selten die Hoffnung aufgeben. Die Hoffnung darauf, dass es noch besser wird - wofür mir bei "Jack Ryan" zum Beispiel die Nebenhandlung mit dem Drohnen-Piloten Anlass gegeben hat. Hoffnung darauf, dass man sich mittendrin besinnt oder dass es am Ende vielleicht doch einen Clou gibt, der die vorhersehbaren Wendungen in einem besseren Licht erscheinen lässt, der den Figuren mehr Tiefe gibt. Oder so. Weshalb ich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht ausschließen will, dass ich nicht doch ganz eventuell in die zweite Staffel von "Jack Ryan" reinschauen werde. Denn: vielleicht besinnen sich die Macher und Macherinnen und machen mehr aus den sehr guten Voraussetzungen. 

Übrigens: Wer nach einer Serie mit Hochspannung sucht und nach dem Lesen des Textes auf keinen Fall "Jack Ryan" gucken möchte: Ich kann die dänisch-schwedische Serie "Greyzone" empfehlen. Sorgt für echten Nervenkitzel mit interessanten Figuren und mit einer Variation der bereits bekannten Terrorismus-Geschichten. Läuft donnerstags bei ZDFneo und ist bereits komplett in der ZDF-Mediathek verfügbar. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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