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Meine Woche in Serie

Muss eigentlich immer alles in Berlin spielen?

 

Wer neue deutsche Serien einschaltet, könnte fast den Eindruck bekommen, dass Deutschland nur aus Berlin besteht. Unserer Kolumnistin Ulrike Klode geht dieser Berlin-Fokus in Serien mittlerweile auf die Nerven - denn Deutschland hat viel mehr zu bieten.

von Ulrike Klode
01.12.2018 - 10:52 Uhr

Berlin ist eine spannende Stadt, Berlin ist eine geschichtsträchtige Stadt, Berlin ist eine vielfältige Stadt, Berlin ist eine unterhaltsame Stadt, Berlin ist eine tonangebende Stadt. Das mal vorneweg. Denn ich habe nichts gegen Berlin an sich, und mir würde auch noch mehr Positives zu unserer Hauptstadt einfallen. Ich fahre gerne hin, habe dort auch gerne einige Zeit gelebt. Aber. Und jetzt kommt ein dickes ABER. Deutschland besteht nicht nur aus Berlin. Diesen Eindruck, dass Berlin = Deutschland und Deutschland = Berlin ist, könnte man tatsächlich bekommen, wenn man sich die neuen deutschen Serien der vergangenen drei bis vier Jahre anschaut.  

Allein für das Jahr 2018 sind mir ganz spontan, ohne Recherche, die folgenden neuen Serien eingefallen, die in Berlin spielen: "Dogs of Berlin", "Beat", "Die Protokollantin", "Just Push Abuba", "Die Heiland", "Nix Festes". Dazu noch folgende zweite Staffeln: "Ku'damm 59", "4 Blocks", "You Are Wanted", "Jerks", "Deutschland 86". Und wenn ich jetzt recherchieren würde, kämen sicher noch ein paar dazu. Diese Konzentration auf Berlin ist sehr schade. Denn Deutschland ist groß und vielfältig. Es gibt unterschiedliche Kulturräume, große und kleine Städte, Mini-Dörfer, Metropolregionen, fast verlassene Landstriche; es gibt die Ostsee-Küste, die Nordsee-Küste, die Alpen, viele Flüsse, viele Mittelgebirge und einige Inseln. Überall dort leben Menschen, die ganz unterschiedliche Hintergründe haben, Menschen, die den Anstoß für spannende Geschichten geben können. 

Natürlich gibt es bestimmte Geschichten, die eben nur in Berlin spielen können. "Weissensee", zum Beispiel. Oder "Babylon Berlin". "4 Blocks" ebenso. Aber daneben gibt es ganz viele Serien, die in Berlin spielen, die auch woanders hätten spielen können. Dann wären die Handlungsbögen vielleicht etwas anders verlaufen und die eine oder andere Figur hätte leicht verändert werden müssen. Aber die Geschichte an sich hätte funktioniert, und die Serie hätte sich wohltuend von diesem Berlin-Fokus abgesetzt. 

Klar, finden sich ein paar Gründe für die Konzentration auf Berlin. Mir fallen logistische Gründe ein: In Berlin leben nun mal viele Leute, die in den unterschiedlichen Bereichen der Film- und Fernsehbranche arbeiten, es ist also wenig aufwändig, sie zu finden und praktisch vor der Haustür arbeiten zu lassen. Das gleiche gilt für vorhandene Produktionsstätten. Abseits der Logistik kann es den Grund haben, dass man sich mit Berlin-Bezug größere Chancen auf dem internationalen Markt ausrechnet. Das mag sein - ich kann es nicht beurteilen -, aber von den Serien, die ich oben aufgezählt habe, sind längst nicht alle mit Blick auf den internationalen Markt produziert worden. Und: Die deutsche Serie "Dark" war 2017 international ein großer Erfolg - zumindest Netflix zufolge, Zahlen wurden ja keine veröffentlicht -, hat mit Berlin aber gar nichts zu tun. 

Doch all diese Gründe spielen für mich als Zuschauerin, die in Deutschland lebt, beim Gucken keine Rolle. Mittlerweile ist es bei mir so weit, dass ich bei einer Serie, bei der ich vorher weiß, dass sie in Berlin spielt, voreingenommen bin. Weil ich mir denke: Wie einfallslos! Ich meine schon zu wissen, welche Bilder mich erwarten - die bekannten Berliner Straßenzüge, Wohnungen in Altbauten, Wohnungen in Plattenbausiedlungen, die Spree, irgendein typischer Club. Irgendwann wird es eine Einstellung geben, in der breite Schienentrassen von oben zu sehen sind. Ach ja, die Ost-Berliner-Ampelmännchen natürlich auch noch. Eine Serie dagegen, die woanders spielt, schalte ich mit Neugier ein. Weil ich denke: Ah, wie schön, dass sie sich die Mühe gemacht haben. Jetzt bin ich auf die Bilder gespannt. Und auf die Figuren und ihre Geschichten sowieso. 

Und wenn sich eine Serie dann noch aus dem Großstadtmilieu wegbewegt, bin ich hellauf begeistert. Denn die Provinz hat ihre ganz eigenen Geschichten. Ich meine das jetzt nicht abwertend, sondern wertschätzend. Allein in der sehr ländlichen Region, in der ich die ersten 19 Jahre meines Leben verbracht habe, gibt es einige Ansätze, aus denen sich spannende Geschichten spinnen ließen. Doch dafür muss man sich auf die Menschen dort und ihre Hintergründe einlassen. Und darauf vertrauen, dass es möglich ist, interessante Figuren zu entwickeln, die eine Handlung in der Provinz tragen. Dass das hervorragend gelingen kann, sieht man an "Das Verschwinden" und "Hindafing". Beides Serien, die vergangenes Jahr veröffentlicht wurden und die ich in meiner Top-Ten-Liste für 2017 weit nach oben gepackt habe. Ja, es sind sehr unterschiedliche Serien, aber beide haben gemeinsam, dass bestimmte regionale Besonderheiten herausgearbeitet und daraus Geschichten und komplexe, regionale Figuren entwickelt wurden, die für Menschen in ganz Deutschland interessant sind.  

Denn im Grunde ist das die nächste Stufe der deutschen Serien-Evolution: Dass man sich inhaltlich von Berlin löst. Nach meinem Geschmack kann's damit nicht früh genug losgehen.  

Zum Schluss noch ein Hörtipp in eigener Sache: 

In Folge 44 des DWDL-Podcasts "Seriendialoge" geht es um Musik: Traurige, romantische oder dramatische Szenen wirken oft erst dann richtig, wenn sie musikalisch begleitet werden. Andersherum kann Musik in Serien auch viel kaputtmachen. Um die vielen Facetten von Musik in Serien zu besprechen, habe ich einen Experten eingeladen: Stefan Will, Film- und Serienkomponist, der unter anderem die Musik zu "4 Blocks" geschrieben hat.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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