Ja, ich überspringe noch immer ziemlich oft Vorspänne von Serien - in den dreieinhalb Jahren, seit ich in dieser Kolumne zum ersten Mal darüber geschrieben habe, habe ich diese (schlechte?) Angewohnheit nicht abgelegt. Netflix hat es uns durch die Einführung der "Intro überspringen"-Option vor einiger Zeit ja sogar zusätzlich leichter gemacht. Als ich Anfang der Woche das Serienfinale von "Unbreakable Kimmy Schmidt" geschaut habe, habe ich - anders als bei den anderen Folgen der letzten Staffel - den Vorspann bewusst nicht übersprungen, weil ich ihn ein letztes Mal sehen und genießen wollte. Dabei ist mir eingefallen, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Serien gibt, bei denen ich - selbst bei Zeitnot und/oder großer Müdigkeit - nie das Intro überspringe.

Allerdings habe ich beim Erstellen meiner kleinen Liste im Kopf festgestellt, dass für mich meist das Lied der entscheidende Faktor ist. Wenn ein Intro visuell bemerkenswert und ungewöhnlich gestaltet ist, dann erfreue ich mich daran. Aber nur ein paar Mal - und danach wird auch diese Sequenz bei Bedarf übersprungen. 

Eine große Ausnahme ist "The Good Fight". Hier schaue ich den Vorspann, weil ich mich schon dabei immer wieder darüber freue, wie kraftvoll und hochpolitisch diese Serie ist. Das Lied spielt keine hervorgehobene Rolle, sondern wirkt gemeinsam mit den Bildern. Interessant finde ich hier übrigens, dass man den Entwicklungssprung von Staffel 1 zu Staffel 2 bereits am Vorspann ablesen kann - weil auf den Monitoren am Ende des Vorspanns Trump und Putin zu sehen sind. 

 

Welche Version wird es dieses Mal sein? Diese Frage habe ich mir vor dem Start vieler "Weeds"-Folgen gestellt. Denn das Spannende am "Weeds"-Intro ist das Titellied "Little Boxes". In der ersten Staffel habe ich jeden Vorspann angesehen, weil ich das Lied in der Version von Malvina Reynolds mochte (und ja, optisch ist der Vorspann auch interessant). In Staffel 2, 3 und 8 dann wurde das Lied in jeder Folge in immer neuen Versionen - oft von bekannten Künstlern und Künstlerinnen - gespielt (hier eine Übersicht der Bands). Welch tolle Idee, super umgesetzt. Faszinierend, wie unterschiedlich ein Lied wirken kann. Klar, "Little Boxes" werde ich so schnell nicht vergessen. Das Original:

Natürlich hat sich jemand die Mühe gemacht und alle unterschiedlichen Versionen zu einem Clip zusammengebaut. Hier gibt's das Video.

Immer neue Versionen sind auch beim Intro von "Please Like Me" entscheidend: Es ist zwar (fast) immer diesselbe Version des eingängigen Lieds "I'll Be Fine" von Clairy Browne & The Banging Rackettes, aber die Szene, auf der es zu hören ist, ist in jeder Folge anders. Die Szene zeigt fast immer eine oder mehrere Hauptfiguren, die sich im Takt des Liedes bewegen, oft bei der Zubereitung von Essen. Ich habe einen Clip herausgesucht, in dem alle Intros der ersten Staffel hintereinandergeschnitten sind. Achtung, extreme Mitwipp- und Ohrwurmgefahr! 

 

Bei "Berlin Station" sind keine Variationen nötig: "I'm Afraid Of Americans" von David Bowie ist ohnehin ein großartiges Lied, und es passt als Titellied hervorragend zu dieser Spionage-Serie, in der es auch um Ambivalenz und amerikanische Vorherrschaft geht. 

 

Leicht variiert dagegen wird bei "Outlander" - sowohl das Lied als auch die Bilder, die es begleitet. Und zwar von Staffel zu Staffel. Während bei den Folgen von Staffel 1 eine sehr schottische Version des schottischen Volksliedes "The Skye Boat Song" zu hören ist - Dudelsack inklusive, natürlich -, wird das Lied in der ersten Hälfte der zweiten Staffel teilweise auf Französisch gesungen, in der ersten Hälfte der dritten Staffel gibt es karibische Anklänge, in der vierten Staffel dann kolonial-amerikanische Anklänge. Damit bezieht sich der Titelsong direkt auf die Hauptschauplätze der jeweiligen Staffeln. Den Ereignissen und Orten entsprechend werden auch die Bilder leicht verändert. Ich singe jedes Mal mit. Und habe den Rest des Tages dieses wunderbare Lied im Ohr. Und etwas Melancholie im Herzen.  

 

Bei "The Affair" ist es für mich die äußerst gelungene Kombination von Lied und Bild. Das für die Serie veröffentlichte Lied "Container" von Fiona Apple bleibt mir zwar nicht als Ohrwurm hängen, aber ich kann es auf eine gewisse Art nachspüren, sobald ich an die Serie denke. Die Szenen, auf denen das Lied liegt, variieren zwar von Staffel zu Staffel, doch sie haben Wasser- und Wellenbilder  gemeinsam, die so ausgewählt sind, dass sie die verunsichernde Stimmung des Liedes unterstreichen. 

 

Als Mitte Februar das Intro von "Good Omens" veröffentlicht wurde - eine der Serien, auf die ich mich in diesem Jahr am meisten freue - dachte ich mir, dass das auch Bloß-nicht-überspringen!-Potenzial haben könnte. Sieht toll aus, ist ungewöhnlich und unterhaltsam. Allerdings, jetzt, da mir aufgegangen ist, dass die Musik für mich so entscheidend ist, befürchte ich, dass ich ab Folge 5 oder 6 auch hier mit dem Überspringen anfangen könnte.  

 

Wer sich für die Ästhetik und die Design-Entscheidungen interessiert, die in manchen Intros stecken: Ich kann das Online-Magazin "Art Of The Title" empfehlen. Hier werden besondere Serien-Vorspänne bis ins Detail analysiert, und es wird über die Hintergründe berichtet.