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Meine Woche in Serie

"Black Earth Rising": Bemerkenswert und politisch zugleich

 

Abstrakte Politik in eine spannende Serien zu verpacken, ist eine große Herausforderung. Viele Serien scheitern daran oder versuchen das gar nicht erst. Hugo Blick, der Macher von "The Honourable Woman", hat sich für seine neue Serie "Black Earth Rising" ein besonders komplexes Thema gesucht.

von Ulrike Klode
30.03.2019 - 10:01 Uhr

Serien sind mehr als nur ein unterhaltsamer Zeitvertreib - selbst Sitcoms, Daily Soaps oder Telenovelas sind viel mehr als das. Sie sind Identifikationsanker, reflektieren bestimmte Aspekte im Lebens des Publikums und geben daher Anstoß zum Nachdenken. Aber Serien können deutlich mehr: Sie können dem Publikum ferne Lebenswelten nahebringen, große gesellschaftliche Themen beleuchten und geben so weiteren Anstoß zum Nachdenken - vielleicht sogar über Themen, an die die Zuschauer und Zuschauerinnen bisher keinen Gedanken verschwendet hatten. Doch je größer und abstrakter das Thema, desto schwieriger wird die gekonnte Umsetzung. Denn man braucht eine spannende Geschichte, die für das Publikum in bestimmten Maßen zugänglich sein muss, und interessante Figuren, von denen mindestens eine ebenfalls zugänglich ist für das Publikum.

Es gibt leider weniger Serien, als ich mir wünschen würde, die sich auf die großen politischen Fragen unserer Zeit konzentrieren, die globale politische Zusammenhänge thematisieren. Hugo Blick, britischer Serienmacher und Schauspieler, ist einer derjenigen, die sich den Herausforderungen komplexer politischer Themen stellen. Mit "The Honourable Woman" hat er 2014 eine Serie geschrieben und gedreht, die auf faszinierende Weise die Verworrenheit des Nahostkonflikts aufzeigt. Er erzählt eine höchst spannende Spionage-Geschichte, die - ohne erklärend oder gar belehrend zu wirken - tiefe Einblicke gibt in beide Seiten des blutigen Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern, ohne Partei zu ergreifen. (Wer mehr über die Serie wissen will: Hier geht's zu meiner Rezension für DWDL.de.)

Für sein nächstes Serienprojekt hat sich Blick ein noch komplexeres Thema gesucht: die internationale Gerichtsbarkeit. "Black Earth Rising" heißt die Serie; in Großbritannien war sie im vergangenen Jahr bei BBC Two zu sehen, in Deutschland ist sie jetzt auf Netflix verfügbar. Es ist ein politisches Drama geworden, das - um es gleich vorweg zu sagen - längst nicht so fesselt wie "The Honourable Woman". Und sie ist vermutlich vor allem etwas für Menschen, die ein Interesse an globalen politischen Themen haben. Dennoch: "Black Earth Rising" ist eine bemerkenswerte Serie, die viele begeistern wird und die genauso wie "The Honourable Woman" nebenbei zeigt, was das Medium Serie zu leisten vermag. 

Im Mittelpunkt steht die 28-jährige Kate Ashby (Michaela Coel), die als ruandische Kriegswaise von einer Britin adoptiert wurde. Ihre Adoptivmutter Eve Ashby (Harriet Walter) ist internationale Strafrechtlerin und arbeitet als Anklägerin für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Kate unterstützt die Arbeit ihrer Mutter und deren Kollegen Michael Ennis (John Goodman) als Kanzlei-Ermittlerin. Wir lernen Kate kennen, als sie ein Gespräch mit einem Psychiater führt und aus einer psychiatrischen Klinik in London entlassen wird, kurz darauf wird ein ruandischer Kriegsverbrecher verhaftet, Kates Mutter soll die Anklage übernehmen.

Was folgt, ist eine Geschichte, die einerseits Kates bisheriges Leben und ihre Identität in Frage stellt. Und die andererseits viele übergeordnete Fragen ans Publikum aufwirft wie: Kann eine internationale Gerichtsbarkeit gerecht sein? Ist sie nicht eine andere Form von Imperialismus? Oder ist sie nötig, um diejenigen Länder zu unterstützen, die aus unterschiedlichen Gründen zu einer eigenen Aufarbeitung nicht in der Lage sind? Und: Wie kann eine Aufarbeitung tatsächlich gelingen? Gibt es bei Kriegsverbrechen tatsächlich nur gut und böse - oder auch irgendwas dazwischen? Das ist nur eine kleine Auswahl, für mich haben sich noch viele weitere Fragen ergeben. Iim Grunde wirft jede der acht Episoden immer neue Fragen auf. Ich fände es sehr interessant zu wissen, wie viele der Fragen vorher feststanden und welche sich fast organisch beim Fortschreiben der Geschichte ergeben haben.

Hugo Blick greift zu bewährten Mitteln, um sein Thema serientauglich zu verpacken: Mord, Verrat, Geheimnisse, Beziehungen. Aber all diese rücken nie in den Mittelpunkt, sondern bleiben tatsächlich immer nur die Mittel, die die Entwicklung der zentralen Figur Kate Ashby voranbringen. Das ist gut, denn sie ist es, in der sich irgendwann alle Fragen vereinen. Michaela Coel spielt diese Figur großartig, sie hat eine beeindruckende physische Präsenz und lässt das Publikum die unterschiedlichen Phasen der Zerrissenheit in Kate sehr gut spüren. Doch an der Figur Kate lassen sich auch die Grenzen dieser Serie festmachen: Denn leider wirkt Kate in manchen Szenen wie am Reißbrett entworfen, so, als sei sie keine echte Figur, sondern auch nur ein Mittel zum Zweck.

Kommen wir zu einer weiteren Sache, die ich an der Serie auszusetzen habe: Hugo Blick spielt zwar in vielen Szenen elegant und gekonnt mit den Erwartungen des Publikums - was mich begeistert hat. Gleichzeitig wirkt das Einführen und immer wieder Anspielen eines Geheimnisses bemüht, wenn nicht sogar plump. Es fehlt dann die Leichtigkeit, mit der in "The Honourable Woman" Geheimnisse transportiert wurden.

Trotz der zwei Kritikpunkte: Mich hat "Black Earth Rising" fasziniert. Und ich bin schon jetzt gespannt darauf, welches große Thema sich Hugo Blick als nächstes vornimmt.

Alle acht Folgen von "Black Earth Rising" sind bei Netflix verfügbar.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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