© Ian Llewellyn/Silverback/Netflix
Meine Woche in Serie

Doku "Unser Planet": Wunderschön, aber nicht mehr lange

 

Netflix hat eine achtteilige Natur-Dokumentation veröffentlicht - und damit sogar BBC-Reihen wie "Planet Erde" in den Schatten gestellt. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode ist überrascht, weil die Doku ihre Erwartungen übertrifft. Allerdings gibt es eine Sache, die sie daran ärgert.

von Ulrike Klode
13.04.2019 - 10:30 Uhr

"Unser Planet" liefert auf den ersten Blick genau das, was zu erwarten war, wenn Netflix in den Natur-Doku-Markt einsteigt: spektakuläre Bilder und anrührende Szenen von Tieren und Pflanzen, die ich in meinem Leben nicht live gesehen habe und auch nie live sehen werde. Ich habe mich der Raupe des Kleinen Moorbläulings, die 23 Monate lang Ameisen austrickst, nie so nahe gefühlt. Ebenso dem Sibirischen Tiger, der durch den verschneiten Wald in Russland streift. Oder den buntgefiederten Pipra-Männchen, die zu viert einen mehrfach geprobten und streng choreografierten Balztanz aufführen, damit einer von ihnen ein Weibchen findet. Viele verschiedene Lebensräume, viele verschiedene Überlebensstrategien ganz unterschiedlicher Tiere unterteilt in die Folgen "Ein Planet", "Eiswelten", "Dschungel", "Küstenmeere", "Wüsten und Grasland", "Die Hochsee", "Süßwasser" und "Wälder" - bestmöglich gefilmt. Alles andere wäre eine Enttäuschung gewesen, schließlich wurden hier nur die 600 Besten der Besten engagiert (die Macher der BBC-Produktion "Planet Erde"), die mit dem bestvorstellbaren Equipment für etwa 3500 Drehtage auf der ganzen Welt unterwegs waren. Natürlich hat Netflix keine Budget-Zahlen veröffentlicht, aber die Zahlen, die veröffentlicht wurden, machen deutlich: Netflix hat sich die erste eigene Natur-Doku-Reihe einiges kosten lassen.  

Doch "Unser Planet" geht über das hinaus, was ich erwartet hatte - und deswegen schreibe ich darüber. Denn diese Dokumentation zeigt - obwohl hauptsächlich schönste Natur im Sonnenschein zu sehen ist - ganz deutlich, wie stark diese faszinierende Flora und Fauna gefährdet ist. In allen Folgen wird erstens gezeigt, wie in dem jeweiligen Lebensraum alles zusammenhängt. Ein Beispiel: Zu wenige Otter an der nordamerikanischen Pazifikküste = zu viele Seesterne, die dann den Unterwasser-Seetang-Wald zerstören. Der Seetang-Wald wiederum ist wichtig, weil er Kohlenstoffdioxid bindet und so der Erderwärmung entgegenwirkt. Und zweitens wird vom Sprecher immer wieder thematisiert, wie viel von diesem Lebensraum, jener Tierart bereits verschwunden ist. Oder verschwinden wird, wenn sich das Klima weiter erwärmt und sich damit die Bedingungen verändern.

Erschütternde Fakten auf atemberaubend schönen Bildern. Das, was Journalisten und Journalistinnen eine Text-Bild-Schere nennen würden, wird hier als Stilmittel eingesetzt. Und es funktioniert. Dadurch werden hier Informationen vermittelt, ohne dass es so wirkt, als sollte hier jemand bekehrt oder aufgerüttelt werden. Hinzu kommt: Die Fakten sind nicht dominant, ziehen sich allerdings wie ein roter Faden durch alle Episoden. Außerdem entwickelt die Botschaft durch dieses Kombination eine besondere Wucht, kein Zuschauer, keine Zuschauerin dieser Doku-Reihe kann sich ihr entziehen. Denn schließlich sind wir alle das Problem. Wir, die Menschen. Diejenigen, die die Zusammenhänge zwar verstehen können, sie trotzdem missachten und ihr Handeln nicht danach ausrichten, ob es Flora und Fauna schadet.  

Das Original wird von der britischen Naturfilmer-Legende David Attenborough gesprochen. Sein Ton ist nicht alarmistisch, sondern immer staunend-beobachtend. Manchmal mischt sich Resignation und Trauer dazu. Zum Beispiel, als Walrosse Felsen hinabstürzen, weil sie nicht mehr ausreichend Eisfläche zum Ausruhen gefunden haben. Oder als Attenborough nach einer besonders interessanten Szene um ein seltenes Raubtier namens Fossa auf Madgaskar erklärt, dass das Waldgebiet, in dem die Tiere gefilmt wurden, nicht mehr existiert. Doch manchmal schwingt auch Optimismus in seiner Stimme mit - weil sich diese oder jene Tierart wieder vermehrt hat, als Schutzzonen eingerichtet wurden oder das Jagen untersagt wurde. Und weil es noch nicht zu spät ist, die Klimaerwärmung umzukehren. Auch die letzten Minuten von Episode 8, das Staffelfinale sozusagen, unterstreichen diesen leisen Optimismus: In Tschernobyl, dem Ort der größten Umweltkatastrophe der Menschheit, pulsiert das Leben. Erst sind die Bäume zurückkehrt und haben die Geisterstadt übernommen, dann die Tiere. Es ist auf seltsame Art beruhigend zu wissen, dass die Natur immer irgendwann die Oberhand gewinnen wird. 

Fressen und gefressen werden wird hier übrigens zurückhaltend gezeigt. Wir sehen zwar Löwen, die Wasserbüffel angreifen, Afrikanische Wildhunde, die Gnus jagen, oder einen Jaguar, der Wasserschweinen auflauert. Doch das Reißen, das in vielen Tier-Dokus gang und gäbe ist, bleibt hier aus. Die Tiere kommen meist davon. Dennoch gibt es schockierende Szenen - auch wenn es nur wenige sind. Doch die wirken nach: Wie die oben angesprochene Walross-Szene oder ein Flamingoküken, das durstig seinem sicheren Ende entgegenwankt. Insgesamt sind es sieben Szenen, die Netflix offenbar als bedenklich einstuft und deswegen auf Twitter die Timecodes veröffentlicht hat - für all diejenigen, die diese Szenen überspringen wollen.

Es gibt eine Sache, die mich erst verwundert und dann sehr geärgert hat: die technische Qualität der deutschen Synchronisation. Die ist nämlich überraschend schlecht - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass bei der Produktion viel Wert auf beste Leute und beste Technik gelegt wurde. Der deutsche Sprecher zählt tatsächlich auch zu dem besten, was der deutsche Sprecher-Markt zu bieten hat: Christian Brückner (bei dem ich sogar begeistert lauschen würde, wenn er mir das Telefonbuch vorlesen würde). Doch seine Stimme wirkt flach und dünn, die Lautstärke schwankt und sackt oft gegen die Musik ab. Erst dachte ich, dass es an meiner Soundbar liegen würde - doch nein, Tests auf anderen Geräten zeigten: Hier wurde leider schlecht aufgenommen und schlecht abgemischt. Das ist deswegen so ärgerlich, weil ich befürchte, dass dieser mangelhafte Sprecherton Folgen hat: Leute, die die Doku-Serie auf Deutsch gucken, hören dann vielleicht nicht gut zu (und verpassen so wichtige Informationen) oder schalten sogar genervt ab.

Einen Lesetipp habe ich für alle, die sich intensiver mit "Unser Planet" beschäftigen wollen: "Der Standard" hat ein umfassendes Special veröffentlicht, in dem es einerseits um die Produktion an sich geht (zum Beispiel in einem Interview mit einem der Produzenten), aber auch um den Natur-Doku-Markt.

Die achtteilige erste Staffel von "Unser Planet" ist bei Netflix verfügbar. Dort gibt's außerdem ein empfehlenswertes Making-of.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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