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Meine Woche in Serie

Ungewöhnlich und absurd: "Tuca & Bertie" ist ausgezeichnet

 

Obwohl sich unsere Kolumnistin Ulrike Klode nur für wenige Animationsserien erwärmen kann, hat es ihr "Tuca & Bertie" angetan. Weil die neue Netflix-Serie es schafft, ungewöhnlich, absurd und doch vertraut zu sein.

von Ulrike Klode
18.05.2019 - 08:55 Uhr

"Tuca & Bertie" ist verrückt und schrill - und gleichzeitig ganz nah am wahren Leben. Und ich bin sehr froh, dass ich reingeschaut habe, obwohl Animationsserien in der Regel nicht mein Ding sind. Ja, es gibt ein paar, die ich gerne gucke (darüber hatte ich hier bereits geschrieben). Aber damit eine neue Animationsserie erstens meine Aufmerksamkeit erregt, ich dann zweitens noch reinschalte, und ich sie drittens in kurzer Zeit durchschaue, muss ziemlich viel passieren. 

Punkt eins und zwei sind schnell erklärt: "Tuca & Bertie" stammt aus der Feder von "BoJack Horseman"-Production-Designerin Lisa Hanawalt. Anders als "BoJack" hat sie "Tuca & Bertie" aber nicht nur gezeichnet, sondern auch geschrieben. "BoJack" finde ich gut, also ist das, was die Frau macht, die an der Serie maßgeblich beteiligt ist, grundsätzlich von Interesse für mich. Daher habe ich mir Kritiken zur neuen Serie durchgelesen. Aus diesen Kritiken war große Begeisterung herauszulesen - also habe ich reingeschaltet. 

Kommen wir zu Punkt drei: Knallbunt, quirlig, laut - so hat mich die Serie begrüßt. Leider von allem etwas zu viel für meinen Geschmack. Die Stadt, in der die Hauptfiguren Tuca und Bertie - Vögel mit menschlichen Zügen, menschlichen Gewohnheiten und menschlichem Alltag - leben, ist knallbunt. Tuca ist ununterbrochen in Bewegung und hat eine leicht nervige Stimme. Die Vorstellung der beiden Figuren am Anfang ist mit einem zu lauten Beat unterlegt. Puh. Doch weil ich eine Serie nie schon in der Pilotfolge aufgebe, halte ich natürlich durch. Die eigentliche Handlung in dieser ersten Episode dreht sich um Veränderung: Tuca ist aus der gemeinsamen WG ausgezogen. Tuca und Bertie sind beide Anfang 30, beste Freundinnen und haben lange zusammengewohnt. Bertie lebt jetzt mit Speckle zusammen, Tuca hat eine Wohnung im selben Haus ein Stockwerk über den beiden bezogen. Also eine Geschichte aus dem Alltag des Publikums: Aus einer Beziehung wird ernst, was wiederum die Freundschaft verändert.

So, wie diese Geschichte in der Serie eingeführt wird, könnte sie auch in einer Sitcom mit realen Schauspielern und Schauspielerinnen behandelt werden. In Berties Wohnung steht noch eine Kiste mit Sachen von Tuca, die aber wiederum immer neue Gründe findet, diese nicht abzuholen. Erzählt in kurzen Szenen, die meist in Pointen enden. Und auch die Hauptfiguren scheinen in der Kombination bekannt: Tuca ist quirlig, unzuverlässig, chaotisch, hat ungewöhnliche Ideen und finanziert sich mit Gelegenheitsjobs. Bertie ist zuverlässig, eher ruhig, auf Beständigkeit bedacht, vorsichtig, arbeitet als Datenanalystin in einem Verlag. Gegensätze, auf denen man einige Geschichten aufbauen kann. "Tuca & Bertie" könnte also einfach eine farbenfrohe Sitcom-Animationsserie sein. 

Doch glücklicherweise ist "Tuca & Bertie" viel mehr als das, wie sich spätestens ab der zweiten Hälfte der ersten Episode ablesen lässt. Ja, ähnlich wie viele Sitcoms nimmt sich die Serie Alltagsgeschichten und -probleme als Basis und konstruiert daraus witzige Situationen und Erlebnisse - das ändert sich auch nach der ersten Folgen nicht. Aber "Tuca & Bertie" führt diese Themen in Sphären, die eine durchschnittliche Sitcom nie erreichen könnte. Dadurch, dass die Serie in dieser fiktiven Stadt Bird Town spielt, die von ungewöhnlichen Tier- und Pflanzenwesen bewohnt wird, in der U-Bahnen und Züge aus großen Schlangen bestehen und Hochhäuser Brüste haben, sind der Fantasie überhaupt keine Grenzen gesetzt. Und das nutzt das Team um Autorin Lisa Hanawalt gekonnt. Hier passieren Dinge, die im wahren Leben undenkbar wären - die man sich aber, wenn man darüber nachdenkt, durchaus wünschen würde, weil sie so drastisch sind. Nur ein Beispiel (weil ich nicht zu viel vorwegnehmen möchte): Bertie wird an ihrem Arbeitsplatz von einem Kollegen mit einem sexistischen Spruch belästigt. Und daraufhin beschließt ihre linke Brust, dass sie die Nase voll hat - und haut ab.


(via Giphy)

Damit ist diese Nebenhandlung aber nicht beendet. Bertie muss den ganzen Tag mit einem Loch im Körper herumlaufen, wird immer wieder darauf angesprochen, dass das am Arbeitsplatz nicht angemessen sei. Und die Brust taucht spätnachts wieder auf, sie hat sich in einer Bar volllaufen lassen. Am nächsten Tag hat Bertie zwar wieder beide Brüste, doch die eine ist verkatert und hängt schlaff herum. 

Die Macher und Macherinnen nutzen nicht nur, dass sie hier erzählerisch Dinge machen können, die in einer Comedy mit Menschen nicht darstellbar wären. Sondern sie brechen auch immer wieder aus dem gezeichneten Format aus, indem zum Beispiel plötzlich ein Menschenfinger ins Bild kommt oder gebastelte Figuren aus Wolle auftauchen, um etwas zu symbolisieren. Es macht Spaß, diese Experimentierfreude zu beobachten - sie ist fast ansteckend. Und gleichzeitig spürt man, dass die Experimentierfreude kein Selbstzweck ist, sondern dass sie tatsächlich dazu dient, die Geschichten oder die Figuren voranzubringen.

Die Serie schafft es sogar, immer den richtigen Ton zu treffen, sie ist oft albern und fröhlich, aber geht ohne Vorwarnung ins Ernsthafte über, wenn das die Situation erfordert. Und so können auch Szenen nebeneinander stehen, die eigentlich nicht zueinander passen, wie ein Kampf mit einer riesigen Krabbe in einem See voller Marmelade, während eine der Hauptfiguren mit den Folgen sexuellen Missbrauchs als Kind zu kämpfen hat. Denn über allem steht das große Thema: enge Freundschaft zwischen zwei Frauen, die sich bei den kleinen und den ganz großen Problemen des Lebens zur Seite stehen. 

Ich musste mich zusammenreißen, um "Tuca & Bertie" nicht an einem Stück durchzuschauen. Dafür ist diese Serie zu schade. Erst bei Episode fünf ist mir aufgegangen, dass ich zu schnell schaue. Ich habe das Tempo gedrosselt, in täglichen Zweierpäckchen geschaut, und eben, vor dem Schreiben dieses Textes, die letzte Folge geguckt. "Tuca & Bertie" könnte zu den ganz wenigen Serien gehören, die ich mehrfach ansehe. Weil sie - wenn man sie einmal mit voller Aufmerksamkeit geschaut hat - beim zweiten Mal auch wunderbar als Nebenbei-Serie funktioniert. Sie ist bunt, rhythmisch, witzig. Und es gibt immer wieder neue Details zu entdecken.

Die zehnteilige erste Staffel von "Tuca & Bertie" ist bei Netflix verfügbar.

P.S.: Wer die Serie schon kennt und sich fragt, ob die Back-Kreationen auch in echt möglich sind: Ben Mims, Koch-Kolumnist der "LA Times", hat das ausprobiert und darüber geschrieben

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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