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Meine Woche in Serie

Wer "Fleabag" nicht schaut, verpasst eine überragende Serie

 

Unsere Kolumnistin Ulrike Klode war bereits nach Staffel 1 ein Fan der Serie "Fleabag". Doch nach Staffel 2 ist sie hin und weg. Und schreibt deswegen über die Serie - in der Hoffnung, noch mehr Leute dafür begeistern zu können. Keine Spoiler!

von Ulrike Klode
01.06.2019 - 09:03 Uhr

Hach, ich bin richtig beseelt vom "Fleabag"-Ende. Einerseits, weil es überraschend ist, und es doch gleichzeitig genau das ist, was ich mir - wie ich erst im Nachhinein feststelle - tief im Inneren für die Hauptfigur gewünscht habe. Andererseits, weil es so gut tut, ein Ende zu sehen, das an dem Zeitpunkt stattfindet, an dem es für die Serie und die Hauptfigur sinnvoll ist - auch wenn die Serie erfolgreich ist und weitere Staffeln ebenfalls von vielen Menschen geschaut worden wären. 

Sorry an alle, die nicht wissen, wovon ich rede - aber ich musste meine Begeisterung über das Ende schnell loswerden. Ab jetzt wird's etwas weniger kryptisch, versprochen. Und ich werde auch nichts spoilern - in der Hoffnung, dass viele, die den Text lesen, danach Lust haben, die Serie zu schauen. Und sie genauso genießen wie ich.

In der britischen Serie "Fleabag" folgen wir der Hauptfigur Fleabag (ihren richtigen Namen erfahren wir nicht) in ihrem Alltag. Sie ist rücksichtslos, arrogant und egozentrisch, hat häufig Sex, redet auch gerne darüber und führt ein erfolgloses Café in London. Eine bitterböse Comedy über eine fiese Frau, der ich als Zuschauerin aber doch viel Sympathie abgewinnen kann. Das ist zumindest der Eindruck, den man nach den ersten zwei bis drei Folgen der ersten Staffel haben kann. Doch dann entfaltet sich langsam ein Drama, in dem es um Verlust, Trauer und Schuld geht. Das Besondere: Der bitterböse Humor wird nicht vom Drama verdrängt. Die Serie bleibt witzig und wird doch sehr emotional - was man bei der Figur am Anfang so nicht erwartet hätte. 

Ich mochte die erste Staffel sehr. Aus mehreren Gründen. Nicht nur die Hauptfigur ist ungewöhnlich geschrieben, sondern alle Figuren, die sie umgeben. Ihre Schwester, zu der sie ein tief gespaltenes Verhältnis hat. Ihr Vater, der mit seiner Tochter nicht reden kann. Die neue Frau an der Seite ihres Vaters, die ihre Abneigung zu Fleabag in liebe Worte packt. Die Männer, die Fleabag aufgabelt, um Sex oder ein Date zu haben. Alle Figuren haben eins gemeinsam: Sie verhalten sich anders, als man das von gängigen Serienfiguren kennt oder erwarten würde. Dann die Dialoge - auf den Punkt, schnell, witzig und zur jeweiligen Figur passend. Der nächste Grund: Die Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge ist großartig. Die Serie basiert auf ihrem Stand-Up-Comedy-Programm, sie hat alle Folgen der Serie geschrieben - und spielt, als gäbe es kein Morgen. Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Ausstrahlung - sie spielt Fleabag nicht, sie ist Fleabag. 

So, jetzt kann ich endlich zu Staffel 2 kommen: Sie ist phänomenal. Ich saß beim Gucken staunend davor. Es ist beeindruckend, wie sehr die zweite Staffel an die erste anschließt und doch ganz anders ist. Besonders bemerkenswert, wenn man weiß: Phoebe Waller-Bridge hatte beim Schreiben der ersten die zweite Staffel noch nicht im Kopf. Nach dem Erfolg der ersten Staffel sagte sie, sie bräuchte für Staffel 2 zuerst eine Idee, dann könnte sie weitermachen. Weshalb zwischen Staffel 1 und 2 fast drei Jahre lagen. Wie gut, dass sie sich die Zeit genommen hat. Eine dritte Staffel wird es übrigens nicht geben, das Finale von Staffel 2 ist das Ende der Serie.

In der ersten Folge der zweiten Staffel scheint alles wie in der ersten Staffel: Beim gemeinsamen Familienessen dominiert passive Aggressivität, die diese dysfunktionale Familie zu perfektionieren scheint. Doch eine Figur ist darunter, die nicht zur Familie gehört: der Priester, der Fleabags Vater und Fleabags künftige Stiefmutter trauen soll. Diese Figur wird zur zweiten Hauptfigur und verändert langsam, aber stetig die Dynamik der Serie. Das kann ich verraten, ohne zu spoilern. Der Priester wird übrigens von Andrew Scott gespielt, der mir vor allem als Moriaty in "Sherlock" in sehr guter Erinnerung geblieben ist. Auch in "Fleabag" ist er wunderbar: Obwohl seine Figur anfangs bodenständig und ausgeglichen wirkt, entfaltet er nach und nach andere Seiten und setzt durch seine Art, seine Taten und seine Worte eine Veränderung in Fleabag in Gang.

Die Dialoge sind weiterhin grandios, die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler ist wie in der ersten Staffel hervorragend. Olivia Colman, die die künftige Stiefmutter spielt, hat im Vergleich zu S1 mehr zu tun - und holt aus ihrer Figur noch mehr heraus. (Sie ist einfach beeindruckend in allem, was sie spielt.)  

Eine Besonderheit der Serie muss ich kurz erwähnen, ohne zu spoilern und ohne zu kryptisch zu werden: Fleabag kommuniziert von Anfang an mit dem Publikum und durchbricht damit die vierte Wand. Mal sind es ganze Sätze, mal einzelne Wörter, mal Grimassen oder ein Augenzwinkern. Während das in Staffel 1 einfach zu ihrer Figur und zur Art der Serie passt (und ziemlich lustig ist), wird es in Staffel 2 mit einer anderen Bedeutung aufgeladen, die auch Folgen für die Deutung von Staffel 1 hat. Serienmacherin Phoebe Waller-Bridge verändert dieses Stilmittel des Durchbrechens der vierten Wand nachhaltig. Wer auch immer es von jetzt an einsetzt, wird sich mit der Serienkunst in "Fleabag" vergleichen lassen müssen.

Bei mir lagen zwischen dem Anschauen der ersten und der zweiten Staffel mehr als 15 Monate. Ich beneide alle, die die Serie noch nicht kennen und die jetzt alle zwölf Folgen nacheinander gucken und die Veränderung der Serie und die Entwicklung der Figur nahtlos genießen können.

Die Staffeln 1 und 2 von "Fleabag" sind bei Amazon Prime verfügbar. 

Wer die Serie geschaut hat und ähnlich begeistert ist wie ich:
- Ich kann die Kritik der Finalfolge von Alan Sepinwall bei "Rolling Stone" (Spoiler!) empfehlen. Er beschäftigt sich darin ausführlich damit, wie Phoebe Waller-Bridge das Durchbrechen der vierten Wand einsetzt.
- Sehr schön ist außerdem die Kritik von Kathryn VanArendonk bei "Vulture" (Spoiler!).


(via Giphy)

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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