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Seine Woche in Serie

"Stranger Things 3": (K)ein Verlangen nach Nostalgie

 

Am Donnerstag ist die dritte Staffel von "Stranger Things" gestartet. Seitdem wollten zahlreiche Artikel erklären, wie nostalgisch die Serie doch sei. Für unseren Kolumnisten Kevin Hennings bedeutet dieser Begriff Fluch und Segen gleichermaßen.

von Kevin Hennings
06.07.2019 - 10:08 Uhr

Keine Sorge: Dies wird kein Text darüber, wie dringend Sie die neueste Staffel von "Stranger Things" sehen müssen, um den Nostalgie-Kick verpasst zu bekommen. Um ehrlich zu sein, sah meine Anfangsidee jedoch genau so aus: "'Stranger Things' ist zurück! Und mit der Serie all das, was Nostalgiker lieben". Das ist nämlich die erste Verbindung, die jeder von uns mit dieser Netflix-Serie herstellt. Jedoch hat sich mein Frühstück immer weiter Richtung Eingang bewegt, je mehr ich über das Wörtchen "Nostalgie" nachgedacht habe – ein beinahe zum Schimpfwort verkommener Begriff, der Filme und Serien nur noch auf das Rezitieren vergangener Zeiten abzustumpfen scheint. Genau deswegen braucht es ein Plädoyer für eben jene Nostalgie, wie mit diesem Text geschehen. 

Es ist faszinierend, welch extrem große Rolle Nostalgie in unserem Leben spielt – in positiver Hinsicht. Wenn wir alte Freunde treffen, gedenken wir vergangener Freitagabende, die um 4 Uhr morgens damit endeten, den Betrunkensten von allen im ausgeliehenen Penny-Einkaufswagen nach Hause zu schieben. Von Mutti hören wir uns beim heimatlichen Besuch immer wieder an, wie fair die Welt mit der D-Mark war. Und beim ersten Date geht es sowieso vollends darum, abzuchecken, ob man die gleichen Nostalgieorgasmen vorzuweisen hat wie sein Gegenüber. "Stranger Things" passt insofern in diese Auflistung, da dort seit der ersten Staffel eben jenes Gefühl beschert wird, welches mit Nostalgie in Reinform verbunden wird: Ein wohlig warmes Wolldeckchen der Erinnerung, das sich ums eigene Herz murmelt.

Das liegt daran, dass Gedanken an die Vergangenheit meist schönere Gefühle projizieren, als die, die damals in Wirklichkeit vorhanden waren. Besagte Freitagabende waren bis auf die Anekdote nämlich ziemlich anstrengend und auch so mancher Film von einst, den man als qualitativ sehenswert abgespeichert hat, entpuppt sich beim heutigen Betrachten als dünnes Süppchen. Und doch bieten Erlebnisse wie die erwähnten eben ein Fenster in eine Welt voller Dinge, die wir prinzipiell mögen: Abenteuer mit Freunden, eine Mark, die nach viel mehr klingt, als 50 Cent, ein Date, das auf die gleichen absurden Dinge steht, wie man selbst. Und – um die zugegebermaßen extrem lange Hinführung abzuschließen - natürlich Filme und Serien von einst. "Stranger Things" ist vor allem deswegen eine nostalgische Erinnerung, da die Serie die filmische Vergangenheit wahnsinnig professionell umsetzt und es vermag, sie mit dem gleichen Charme fortzuführen. Damit kommen wir zum Knackpunkt: Nostalgie kann nur entstehen, wenn sie einen gesunden Nährboden besitzt.

Damit ist dieser Begriff plötzlich nicht mehr das zu Tode verwendete Substantiv für neumodischen Clickbait, sondern eine Lobpreisung vor dem Serien-Herrn. "Stranger Things" ist sogar mehr Nostalgie, als Wikipedia beschreiben würde, da es sich nicht nur um eine Sehnsuchtssituation handelt, sondern um eine von den Machern in die Gegenwart umgesetzte Idee. Als "Stranger Things" im Sommer 2016 erstmals erschien, war es sofort viel mehr als ein Mash-Up verschiedener 80er-Jahre-Bausteine.

Nostalgie

Es war die smarte Überlegung, die vertraute Machart vieler früherer Produktionen zu übernehmen: Nahbare Charaktere beispielsweise, wie Ferris Bueller in "Ferris macht blau" – ein Film im Übrigen, der den 80er-Jahre-Stil verkörpert, wie kaum ein anderer. Die von John Hughes inszenierte Geschichte fühlt sich stets an wie ein guter Freund. Das liegt an der grandiosen Musik, die es heutzutage, warum auch immer, nicht mehr in den Charts zu hören gibt und an der ungehetzten Erzählweise.

Die Sehnsucht nach solch Produktionen, nach Nostalgie, war nie ein Hype, sondern immer vorhanden. Serienschaffende wie die Duffer Brothers haben dies erkannt und funktionierende 80er-Jahre-Unterhaltung mit modernen Mitteln geschaffen. Das ist in diesem Fall nicht mit fehlender Kreativität gleichzusetzen, egal wie viele Referenzen auftauchen. Schon Quentin Tarantino bewies: Referenzen sind wunderbare Hommagen an andere Werke, die den popkulturellen Nerd zum Strahlen bringen, auch wenn sie so manchem Zuschauer womöglich nicht mal auffallen dürften. 

Die Kreativität in "Stranger Things" sollte sowieso jedem ins Auge springen, der mehr als zehn Minuten dieser Ausnahmeserie gesehen hat. Der Horror von Hawkins erweist sich als eine nie geschriebene Stephen-King-Geschichte, der es nach der Steigerung in der zweiten Staffel nun noch einmal gelingt, sich selbst übertrifft. Plötzlich ist "Stranger Things" nicht nur retro und gruselig, sondern obendrein ein Coming-of-Age-Drama, das als zeitgerechte Fortsetzung zu "Stand by me" gesehen werden kann.

Dass gewisse Produktionen unter Nostalgie-Gesichtspunkten vermarktet werden, ist schon in Ordnung. Andererseits bereitet mir die unterschwellige Aussage Bauchschmerzen, dass Nostalgie jegliches künstlerische Schaffen verdrängt, weil nur auf bereits Vorhandenes zurückgegriffen wird. Die Serien, bei denen diese Behauptung zutrifft, funktionieren sowieso nicht: "Minority Report", "MacGyver", "Charmed", "Magnum", "Fuller House" – wenig überraschend allesamt Serien, die sich gänzlich auf den Sehnsuchtsgedanken des Zuschauers stützen. "Stranger Things" zeigt, wie es geht: Mit Leidenschaft und heutigen Standards.

Alle drei Staffeln von "Stranger Things" können bei Netflix gestreamt werden. Eine vierte Staffel wurde bereits bestätigt. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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