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Seine Woche in Serie

Sommerloch-Fernsehen: Warum die Welt "MTV Next" braucht

 

Es wird so viel Fernsehen produziert wie nie und kaum ein Genre ausgelassen. Nur an MTVs legendäre Dating-Formate wie "MTV Next" kommt selbst die neumodischste Sendung nicht heran. Höchste Zeit für ein Comeback, findet unser Kolumnist.

von Kevin Hennings
13.07.2019 - 09:45 Uhr

Es könnte etwas scheinheilig wirken, wenn deutsche Kuppelshows wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" in ein unermessliches Kreuzfeuer der Schande geraten, während amerikanische Dating-Formate á la "MTV Next" lobend ins Programm zurückgewünscht werden. Genau dies wird in den folgenden Zeilen jedoch geschehen. Beide Genre-Ableger eint nämlich nur eine Sache, während im sonstigen Vergleich endlose Gründe dafür klar werden, warum der Viacom-Sender in vergangenen Jahren vieles richtig gemacht hat, indem er Herzen fremder Menschen auf skurrilste Weise zusammenbrachte. Oder schlicht dafür sorgte, aufzuzeigen, dass das eigene Dating-Leben doch gar nicht so scheiße abläuft.

"MTV Next" war ein Paradestück zeitlosen Fernsehens, welches schockierenderweise vor über elf Jahren zum letzten Mal mit einer neuen Folge aufwartete - und war für eine Generation derart prägend, dass man jetzt, da sich das Fernsehen mit Ausnahme von "The Masked Singer" ohnehin im Sommerschlaf befindet, noch einmal daran erinnern sollte. Das Konzept war jedenfalls so genial wie kompakt: In jeder der knapp zehnminütigen Episode versammeln sich fünf vielversprechende Junggesellen in einem Nightliner, um sich gegenseitig für ihren Einsatz zum begehrten Date aufzuheizen. Dann treten sie heraus und zeigen mit einer Texttafel noch schnell auf, was sie am meisten ausmacht. 

MTV Next

Besagtes Date hat dann jene Macht inne, die die meisten Menschen im echten Leben zu schüchtern sind, auszuspielen: "Next" zu sagen. Wenn ein Kandidat komisch aussieht oder sich fragwürdig verhält, wird er kurzerhand zurück in den Bus geschickt. Sollte dies der Fall sein, bekommt er immerhin so viele US-Dollar, wie er Minuten überstanden hat. Nicht selten liegt der Gewinn daher im niedrigsten einstelligen Bereich.

Wahrlich bestechend wird es jedoch, wenn die Begegnung doch mal Fahrt aufnimmt. Dann entfalten sich in 99 Prozent der Fälle Situationsabsurditäten, die sich eigentlich kein nüchterner Mensch ausdenken kann. Mal bestehen die ersten Datingmomente daraus, einen billig aufgebauten Slalom mit einem Dreirad zu überwinden, mal muss schneller durch einen Parcours gehetzt werden, als es der Hund der Angebeteten tut. Zu den skurrilsten Aktivitäten gehört etwa gemeinsames Blutspenden oder ein Geburtsvorbereitungskurs. Wenn sich jemand in diesen existenziellen Umständen nicht beweisen kann, verabschiedet er oder sie sich mit einem gewieften Spruch: "Der Typ, der nach mir kommt, sieht noch viel schlechter aus! Du machst einen Riesenfehler und dein Shirt sieh bescheuert aus!"

Herrlich. Natürlich ist das alles gescripted. Jedoch nicht auf eine unangenehme Art, wie es gewisse hierzulande ansässige Nachmittagsendungen zu schaffen vermögen. Sondern in einer Manier, die Unterhaltung in Reinform bietet. "MTV Next" strahlt von vornherein dermaßen viel Quatschigkeit aus, dass zu keinem Moment der Gedanke aufkommen kann, dass hier an irgendeinem Punkt der Produktion ernsthaft höhere Ambitionen geherrscht haben. Dabei nimmt sich das Format so lächerlich selbstironisch, wie es oben erwähnte RTL-Sendungen leider nie geschafft haben. Dafür werden sie einfach zu groß aufgezogen, während MTV nie darum verlegen war, das geringe Budget in noch billigeren Minispielen zu präsentieren.

Die Genre-Formate aus Deutschland und Amerika eint lediglich, dass sie sich auf die Fahne geschrieben haben, Menschen zueinander zu bringen. Während in dem einen Fall jedoch stur ernst an die Sache herangegangen wird oder Kandidaten gezielt beschämend vorgeführt werden, dominierte im anderen Fall eine Lockerheit, die sich selbst elf Jahre nach der Einstellung noch erstaunlich zeitlos anfühlt.

"MTV Next" kann aber nur als Spitze des MTV-Dating-Eisberges angesehen werden. Das Portfolio war schließlich mit vielen weiteren Klassikern gefüllt, die in einem qualitätsarmen Sommerlochsommer wie diesem erneut in Endlosschleife laufen könnten: "Parental Control" etwa, wo Eltern den Partner ihres Kindes nicht ausstehen können und deswegen einfach fünf neue Potenzielle heranschaffen, "Date my Mom", wo die Mutter simpel selbst die Initiative ergreift und nicht selten plötzlich in den Armen des Getesteten landet, oder das sagenumwobene "Room Raiders".

Hier hat MTV einst besondere Kreativität bewiesen und Detektivarbeit mit kontatklosem Dating vereint. Während die drei Kandidaten im Kofferraum eines heruntergekommenen Bang Busses sitzen, müssen sie über einen Monitor mitansehen, wie ihr mögliches Date mit Handschuhen und Schwarzlicht bewaffnet durch ihre Apartments geht und jegliche Schubladen durchwühlt. Dabei kommen gerne mal alte Dessous der Ex-Freundin und exorbitante Gartenzwergsammlungen ans Tageslicht, oder die ausufernden Spermaflecken im Bett. "Room Raiders" bewies, das scripted Televison selbst ohne Dialoge bestens auskommt.

Diese gesamte Armada an Entertainmentkost, die mit den "Bachelor"-Mitbegründern "Flavor of Love", "A Shot at Love with Tila Tequila" und Co. sogar noch fortgeführt werden könnte, bräuchte mit folgender konsequenten Logik einen eigenen Sender, wo solche Perlen rundum die Uhr zu sehen sind. RTL hatte vor Jahren einst "Traumpartner TV" ins Leben gerufen, wo aber ebenfalls zu altmodisch mit dem Thema umgegangen wurde. Der Sender setzte auf dem Konzept der Interaktivität und ließ die Zuschauer per SMS miteinander chatten, während das eigentliche Programm größtenteils rechts in der Ecke eingeblendet wurde.

Ich möchte dem deutschen Fernsehen nicht die Fähigkeit absprechen, ähnlich schönen Dating-Content auf die Beine stellen zu können. Doch MTV hat ohne Zweifel eine Ära begründet, an die sich jeder mit wohligen Gedanken zurückerinnert, der sie einst im Alter früher Pubertät bis in die Mittdreißiger selbst miterleben durfte. Da wurde nicht nur bewiesen, wie erfinderisch selbst vermeintlich schlecht bezahlte TV-Schreiberlinge ihre Arbeit verrichten können - sondern womöglich auch die Sorge der Zuschauer reduziert, beim nächsten Date selbst zu versagen, denn es war einfach unmöglich, die Niveau-Limbostange der peinlichen und doch sympathischen Berührtheit als normaler Mensch zu bezwingen. Unterhaltend war's in jedem Fall.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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