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Meine Woche in Serie

"The Boys": Folge für Folge ein bisschen weniger super

 

Superhelden-Serien gibt's mittlerweile viele. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode schaut längst nicht mehr alles, wo Figuren mit Superkräften auftauchen. Die Idee hinter der Amazon-Serie "The Boys" hörte sich allerdings vielversprechend an, fand sie.

von Ulrike Klode
10.08.2019 - 11:02 Uhr

Ja, auch beim zweiten Mal ist die erste Folge der düsteren Superhelden-Serie "The Boys" großartig. Ich habe das eben mal schnell ausprobiert, bevor ich diesen Text angefangen habe. Klar, die Überraschungen blieben aus. Dafür konnte ich mich auf Aspekte konzentrieren, die ich vorher nur nebenbei bemerkt habe. Zum Beispiel die wunderbare Kampfszene am Ende. Natürlich war mir die beim ersten Mal nicht entgangen. Aber was mir entgangen war: Dass es ausgerechnet "London Calling" ist, auf die sie geschnitten ist. Und nicht einfach nur druntergelegt, sondern hier wird mit Musik und Handlung gespielt, sie ergänzen sich, sie unterstützen sich gegenseitig. Toll! Ein weiterer Vorteil des Nochmal-Guckens: Ich wusste schon, wann die besondere Splatterszene kommt und konnte rechtzeitig auf "Pause" und "Zurück" drücken, um sie mir in aller Ruhe zum wiederholten Mal anzuschauen. 

Im Genre Superhelden-Serie hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan - nicht zuletzt auch durch die Netflix-Marvel-Serien. Mittlerweile ist das Superhelden-Thema von sehr unterschiedlichen Seiten beleuchtet worden. "The Boys" zeichnet eine Welt, die etwas Neues zu bieten hat: menschliche Superhelden. Nämlich Superhelden und -heldinnen, die durch Macht und Popularität korrumpiert sind. Ziemlich brutal und düster wird hier eine Geschichte erzählt von einer Handvoll Menschen ohne besondere Kräfte, die versuchen, den einflussreichsten und stärksten der Superhelden und -innen das Handwerk zu legen. Diese Geschichte ist visuell interessant umgesetzt, und auch die musikalische Untermalung ist hervorragend, weil sie sowohl zu den Figuren als auch zur Optik passt, sich aber nicht in den Vordergrund drängt. Die Besetzung ist gut, die Schauspielleistung überzeugt mich durch die Bank. Und als ich die Serie geschaut habe, konnte ich mich ihr nicht entziehen, ich habe die Folgen so schnell wie möglich nacheinander geschaut. Aber - und dass nach dieser Lobhudelei ein Aber folgt, war vermutlich vorhersehbar - sie verliert im Laufe der ersten Staffel. 

Keine Frage, Folge 1 ist stark. Folge 2 ist ebenfalls gut, auch Folge 3 bietet einige Überraschungen. Und obwohl jede der anderen Episoden ebenfalls mindestens eine Szene beinhaltet, die im Gedächtnis bleibt - das Ungewöhnliche nutzt sich Folge für Folge ab, und im letzten Drittel der Staffel beschreitet die Serie ausgetretene Wege. Das gilt besonders für die Frauenfiguren. Wie sich die Superheldin Starlight (Erin Moriarty) entwickeln würde, war leider absehbar - ich konnte es von ihrer Backstory und ihrer Beziehung zu ihrer Mutter ableiten. Abgesehen von ihrer Superkraft: Ähnliche weibliche Figuren mit ähnlichen Geschichten und ähnlichen Entwicklungen habe ich einfach schon zu oft gesehen.

Dass die ausbeutende, superkapitalistische Firma, die die Superhelden vermarktet, in der Serie mit Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) von einer Frau repräsentiert wird, ist zwar interessant und macht einige überraschende Entwicklungen möglich. Aber diese Figur bietet weniger Tiefe, als ich anfangs erwartet hatte - und wird zum Schluss sogar Opfer eines besonders bitteren Superhelden-Klischees*.

Außerdem erschließt sich mir nicht, warum bei den superharten Superheldenjägern, die sich gegen die Supertruppe zusammenfinden, nicht eine einzige Frau dabei ist. (Und nein, Kimiko (Karen Fukuhara) zählt für mich nicht. Sie schließt sich weder freiwillig an, noch bekommt sie eine vollwertige Geschichte - die Figur wird als Vehikel behandelt, das die Geschichte voranbringt.) Obwohl es ein paar interessante Frauenfiguren in "The Boys" gibt: Die Grundannahme in der Serie ist, dass es die Frauen sind, für die der Mann in den Krieg ziehen muss, die der Mann rächen muss, die der Mann verteidigen muss. Schade.

Leider haben auch zwei Haupt-Handlungsstränge bekannte Wege genommen, weshalb zwei Wendungen für mich vorhersehbar waren. Besonders die Enthüllung ganz am Ende der Staffel hat mich daher enttäuscht, weil ich gehofft hatte, die Serie würde noch eine andere Wendung nehmen, die ich nicht absehen konnte. Allerdings: Durch diese Enthüllung ist klar, dass die Serie in Staffel 2 eine ganz andere werden muss. Die Motivation der Hauptfigur Billy Butcher (Karl Urban) wird sich nun zwangsläufig verändern, die Frage ist, wie er und seine Kumpel darauf reagieren werden. Und das Schöne ist: Ich habe keine Idee. Es wird also auf jeden Fall eine Überraschung für mich. Und die Enthüllung gibt auch allen Grund zur Hoffnung, dass die Frauenfiguren mehr zu tun haben werden.

Die erste Staffel von "The Boys" umfasst 8 Episoden und ist bei Amazon Video (Prime) zu sehen. An der zweiten Staffel wird bereits gearbeitet.

Ein Tipp zum Weiterlesen: DWDL-Kollege Kevin Hennings hat zum Start von "The Boys" ein Interview mit dem Schöpfer der Comic-Vorlage, Garth Ennis, geführt. 

*ACHTUNG, SPOILER: Ja, man könnte argumentieren, dass hier mit dem Klischee "seine einzige Schwäche ist eine Frau" gespielt wird, weil sie ja doch nicht seine Schwäche war. Darüber habe ich auch nachgedacht. Ich finde aber nicht, dass das hier ein cleveres Spiel und damit ein Aushebeln des sexistischen Musters ist. Sie haben diesen Handlungsstrang lange aufgebaut und erst ganz am Ende umgedreht. Das ist mir zu wenig. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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