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Meine Woche in Serie

"Haus des Geldes" & "Big Little Lies": Wenn S2 schwierig ist

 

Wenn die erste Staffel einer Serie überzeugend umgesetzt ist, stellt sich die bange Frage: Wird die Serie das Niveau in Staffel zwei halten können? Besonders dann, wenn die erste Staffel auf einer besonderen Idee basierte. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat zwei zweite Staffeln unter die Lupe genommen.

von Ulrike Klode
24.08.2019 - 10:20 Uhr

Serien zu machen, die durchgehend hervorragend sind, ist offenbar nicht leicht: Es gibt viele sehr gute erste Folgen, doch die Qualität des Piloten zu halten, schaffen deutlich weniger Serien. Dementsprechend gibt es weniger sehr gute erste Staffeln als sehr gute erste Folgen. Und wenn man sich das Niveau der zweiten Staffeln anschaut, die einer sehr guten ersten Staffeln folgen, wird die Auswahl an Spitzenserien noch kleiner. 

Wenn einer sehr guten Pilotfolge eine Staffeln mit Schwächen folgt, bin ich enttäuscht, steige oft sogar mittendrin einfach aus. Wenn aber einer sehr guten Pilotfolge eine sehr gute erste Staffel folgte, bin ich eher bereit, die zweite Staffel durchzustehen, selbst wenn sie Schwächen hat. Und in manchen dieser Fälle denke ich mir: Achje, hätten sie mal einfach nach der ersten Staffel Schluss gemacht. Denn, und das sieht man in den vergangenen Jahren wirklich oft: Viele Ideen tragen nur eine Staffel, danach funktionieren sie nicht mehr, sind auserzählt, wie es so schön heißt. Das ist an und für sich nicht schlimm, dann gibt es eben nur eine Staffel, aber die ist der Hammer. Schlimm finde ich aber, wenn die erste Staffel hervorragend und erfolgreich war - und man die Serie verlängert, obwohl offensichtlich ist, dass die Ursprungsidee keine zweite Staffel trägt. Ja, natürlich gucken die Fans der ersten Staffel dann auch die zweite Staffel. Und ja, viele machen das sicher so wie ich und gucken die Staffel dann durch. Aber sie werden enttäuscht, vielleicht sogar frustriert beim Gucken. 

In den vergangenen Wochen gab es zwei Beispiele, bei denen ich nach dem Anschauen der ersten Staffel gesagt hatte: "Hervorragend! Und jetzt bitte niemals nicht fortsetzen!" Aber weil natürlich niemand auf mich hört, gab es in beiden Fällen Fortsetzungen. Und natürlich habe ich sie mir angeschaut - weil ja die winzige Chance bestand, dass sie so gut sein könnten wie die erste. Wovon ich rede? Von "Big Little Lies" und "Haus des Geldes"*. Um es gleich vorweg zu sagen: die Fortsetzung von "Big Little Lies" hat mich überzeugt, die von "Haus des Geldes" nicht. An meinen Vorbehalten lag es nicht, die waren bei beiden gleich - ich war bei beiden Serien davon ausgegangen, dass es eine doofe Idee ist, sie fortzusetzen. 

"Big Little Lies" hat es in der ersten Staffel geschafft - ohne dass es mir bewusst war -, mir die Figuren so nahe zu bringen, dass sie sich beim ersten Wiedersehen in Staffel 2 sehr vertraut anfühlten. Obwohl mehr als zwei Jahre zwischen Staffel 1 und Staffel 2 lagen. Beim Schauen von Staffel 1 interessierte ich mich zwar für die Figuren, aber für mich stand das Verbrechen, auf das alles hinauszulaufen schien, im Vordergrund. Da das Verbrechen im Staffelfinale passiert (und damit auch die Buchvorlage zu Ende war), war die Serie an sich für mich vorbei. Entweder müsste die Idee künstlich verlängert beziehungsweise wieder aufgegriffen werden (ein zweites Verbrechen mit anderen Figuren? ein zweites Verbrechen mit denselben Figuren?) oder die Serie müsste ihr Wesen verändern, eine andere werden als die, die ich in Staffel 1 kennengelernt habe. Beide Varianten bergen große Risiken.

Tatsächlich war es dann Variante 2, für die man sich entschieden hat: Die Konzentration liegt auf den Hauptfiguren. Genauer gesagt darauf, wie ihr Leben nach dem Verbrechen weitergeht - beeinflusst von der Tat, aber auch beeinflusst von Ereignissen unabhängig davon. In sieben Folgen wird erzählt, wie sich ihre Beziehungen untereinander verändern und wie sich ihre Beziehungen zu ihnen nahestehenden Menschen verändern, die nichts mit dem Verbrechen zu tun haben. Und ich hätte auch noch sieben weitere Folgen anschauen können, so sehr haben mich diese Figuren an der kalifornischen Küste in ihren Bann gezogen. Das lag hier zu einem sehr großen Teil daran, dass mit Nicole Kidman, Reese Witherspoon, Shailene Woodley und Meryl Streep (!) Schauspielerinnen der absoluten Spitzenklasse in den Hauptrollen zu sehen waren. Künstlerinnen wie diese haben nicht nur die Fähigkeit, facettenreiche und daher spannende Figuren zum Leben zu erwecken. Sondern sie sind auch in der Lage, durch ihr Spiel bestimmte Schwächen im Drehbuch auszugleichen. Und ich weiß jetzt: Ich würde mich ohne Vorbehalte in eine dritte Staffel stürzen. Vorausgesetzt natürlich, die Schauspielerinnen sind wieder dabei.

Bei "Haus des Geldes" lag der Fall etwas anders. Leider. Die erste Staffel (bei Netflix Teil 1" und "Teil 2" genannt) hatte mich überrascht, weil hier tatsächlich ein einziger Raub über die gesamte Länge gezogen wurde. Und ich war fasziniert davon, wie die Serie es geschafft hat, meine Spannung zu halten. Sogar das Ende hatte mich überzeugt, weil es gut zum Wesen der Serie passte. Dieses Staffelfinale wäre ein sehr guter Schlusspunkt gewesen. Damit hätte ich "Haus des Geldes" in die Riege der Serien aufgenommen, die in einer Staffel eine gute Idee überzeugend umgesetzt haben. Und ich hätte die Serie auch in den nächsten Jahre immer wieder ohne Einschränkungen empfohlen. Nach dem Anschauen der zweiten Staffel (bei Netflix "Teil 3" genannt) werde ich bei "Haus des Geldes" künftig immer dazu sagen: "Die ersten 22 Folgen sind auf jeden Fall sehenswert, den Rest kannst du dir sparen. Außer, du bist ein Fan des Heist-Genres." Denn, und das ist der Knackpunkt für mich, die Verantwortlichen bei "Haus des Geldes" haben sich dafür entschieden, die Idee einfach noch einmal zu erzählen: einen Mega-Raub, der sich über die gesamte Staffel zieht. Und zwar mit denselben Figuren.

- Achtung, Spoilerwarnung - in den folgenden Absätzen werden wichtige Ereignisse für Staffel 2/Teil 3 verraten. - 

Die Schwierigkeit: Diesen Figuren, die nun ein paradiesisches Leben im Reichtum führen, eine glaubhafte Motivation zu verpassen. Eine Motivation, für die sie ihr sorgenfreies Luxusleben aufgeben und einen zweiten Super-Raub planen. Das ist in meinen Augen nicht gelungen, weil man in die "Wir denken jetzt mal ganz groß!"-Falle getappt ist. Erstens haben sie mir als Zuschauerin tatsächlich weismachen wollen, dass die spanische Regierung einen Bankräuber foltern würde, um Informationen über seine Mittäter und Mittäterinnen zu bekommen - bei einem Raub, der zwei Jahre zurückliegt. Bitte?! Ja, es gibt Bedingungen, unter denen das glaubhaft gewesen wäre. Dafür wäre es aber nötig gewesen, den Polizei- und Geheimdienstapparat in Staffel eins anders darzustellen.

Zweitens: Diese Figuren, die in Staffel 1 nur die eigene Bereicherung und den Spaß am Raub im Sinn hatten, wurden zum "politischen Widerstand" stilisiert, zu Leuten, die "dem System" die Stirn bieten wollen. Das hat mich nicht überzeugt. Im Gegenteil: Es hat mich aufgeregt, wie einfach und unbedarft hier die Grenzen zwischen Kommerz und politischer Opposition verwischt wurde. Und wie stark die politische Arbeit, der politische Widerstand dadurch banalisiert wurde. Ja, auch diese Motivation wäre grundsätzlich möglich gewesen - unter anderen Bedingungen, die in Staffel eins hätten geschaffen werden müssen. An diesem Punkt war ich schon so verärgert, dass ich am liebsten ausgeschaltet hätte. Aber ich habe weitergeschaut und mit Erstaunen festgestellt: Das ist wirklich einfach dasselbe wie beim ersten Raub. Sogar das Gebäude, in dem der große Coup stattfindet, ähnelt dem ersten sehr. Und auch die Erzählstruktur ist gleich geblieben: Es sieht gut aus für die Räuber, dann sieht es wieder gut aus für die Polizeit, dann sieht es wieder gut aus für die Räuber. Ich hätte fast die Uhr danach stellen können, wann das Pendel für welche Seite ausschlägt. Dazu: Natürlich möglichst aufwändige Tricks, die sich die jeweilige Seite immer wieder ausdenkt. Ja, so funktionieren Serien und Filme im Heist-Genre. Und vermutlich sind eingefleischte Fans des Genres begeistert von den Einfällen, die hier gezeigt werden. Aber ich merke: Ich bin kein eingefleischter Fan, die Tricks und Finten faszinieren mich beim zweiten Mal nicht mehr. Auch wenn mich der Cliffhanger am Ende der letzten Folge wirklich überrascht hat: Die nächste Staffel von "Haus des Geldes" wird ohne mich stattfinden.

 - Spoilerwarnung zu Ende -

Die zweite Staffel von "Big Little Lies" gibt's zum Beispiel bei Amazon, iTunes, Maxdome oder den Sky-Streamingdiensten. 

Die zweite Staffel von "Haus des Geldes" gibt's bei Netflix und heißt dort "Teil 3".

*Netflix nennt die vor ein paar Wochen veröffentlichten Folgen zwar "Teil 3", aber es handelt sich tatsächlich um die zweite Staffel. In Spanien wurde nämlich das, was Netflix bei uns "Teil 1" und "Teil 2" nennt, ein halbes Jahr vorher als Staffel 1 mit 15 Folgen bei einem spanischen Sender veröffentlicht. Die Episoden waren 70 Minuten lang. Für Netflix wurde die Staffel umgeschnitten, so dass 22 Folgen daraus wurden, deren Länge zwischen 40 und 55 Minuten schwankt, und in zwei Teile unterteilt. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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