© Kevin Baker/Netflix
Meine Woche in Serie

"The Dark Crystal" oder: Mitfühlen mit seltsamen Puppen

 

Netflix hat mit "The Dark Crystal: Age of Resistance" eine Puppenserie für Erwachsene auf den Markt gebracht. "Nichts für mich", denkt unsere Kolumnistin Ulrike Klode und schaltet trotzdem ein. Und ist überrascht, dass sie länger als eine Folge durchhält.

von Ulrike Klode
14.09.2019 - 11:10 Uhr

Die Serie, der mein Mann in diesem Jahr am meisten entgegengefiebert hat: "The Dark Crystal: Age of Resistance". Die Serie, der ich in diesem Jahr am wenigsten entgegengefiebert habe: "The Dark Crystal: Age of Resistance". Natürlich nicht aus Prinzip. Sondern nachdem mein Mann und ich gemeinsam den Trailer angeschaut haben, der alle meine Befürchtungen bestätigte: Die Kulissen sahen billig aus, die Puppen wirkten starr, und das Design gefiel mir überhaupt nicht. Meinen Mann allerdings störte das alles nicht - er hat den Film "The Dark Crystal" in den 80ern gesehen und ist seitdem Fan.

Glücklicherweise ist das Anschauen des Films nicht nötig, um die Serie zu verstehen, weil letztere ein Prequel ist, also die Vorgeschichte erzählt. Der Aufwand, einfach mal in die Serie einzusteigen, war für mich also denkbar gering. Und da ich eine wirklich neugierige Person bin, habe ich mich kurzentschlossen dazugesetzt, als mein Mann die erste Folge schauen wollte. Er war zwar überrascht, weil ich nach dem Trailer gesagt habe, oh je, die Serie müsse er aber ohne mich gucken. Aber der Trailer lag so viele Wochen zurück, dass ich schon wieder vergessen hatte, wie schlimm ich ihn fand. 

Die Geschichte ist eigentlich relativ einfach: In einer Welt, in der Magie einen wichtigen Platz hat, breitet sich eine Art Krankheit aus, die die gesamte Welt bedroht. Diejenigen, die darauf aufmerksam machen wollen, werden von ihren Mit-Lebewesen nicht ernstgenommen und von den herrschenden Kreaturen unterdrückt. Eine fantastische Geschichte mit Puppen erzählen? Ja, das verstehe ich. Aber eine düstere Geschichte mit Puppen erzählen? Hm. Hatte ich noch nie gesehen. Wie soll das funktionieren? Wie soll da ausreichend Gefühl transportiert werden, so dass ich als Zuschauerin die Düsterheit nicht nur sehe, sondern auch mitfühle? Meine Erfahrung von Puppentrick bisher: Die Mimik von Puppen ist begrenzt. Ich konnte mir also gar nicht vorstellen, dass ich hier ausreichend reingezogen werden würde, um zehn Folgen durchzuschauen. Aber eine Folge? Joah, warum nicht.

Nach der ersten Folge war mein Mann begeistert. Und ich? Nun ja, begeistert war ich nicht. Aber zumindest so weit interessiert, dass ich auch eine zweite gucken würde. Allerdings nicht, weil mich diese Welt aufgesogen hatte und meine Befürchtungen komplett unberechtigt waren. Nein, sondern weil ich gesehen hatte, dass eine Puppenserie Möglichkeiten bietet, die über das hinausgeht, was eine Realserie bieten kann. Dennoch war ich immer noch skeptisch, ob ich an die Figuren würde andocken können. Und ja, das Design - gewöhnungsbedürftig. 

Donnerstagabend habe ich das Finale geschaut. Ich muss sagen: wow! Das war mitreißend, emotional, spannend - und das sah alles auch noch gut aus. Denn die Serie war sehr gut geschrieben, die Figuren interessant entwickelt. Und: Ich habe mich in Folge 2 tatsächlich an das Puppendesign gewöhnt und habe ab Folge 3 auch immer mehr Gefallen daran gefunden, wie die unterschiedlichen Kreaturen gestaltet sind. Klar, Ambivalenz ist da nur in Maßen möglich. Die Puppen, die anfangs einen üblen Eindruck machten, blieben auch die Bösewichte. Mit einer wichtigen Ausnahme, die meiner Meinung nach aber nur funktionierte, weil es eine Tierfigur war. Aber ich bin extrem beeindruckt, wie die Kombination aus Puppenspiel und -technik einer Figur einen Charakter verleihen kann, der sie von anderen - die ähnlich aussehen - unterscheidet. Und: Wie die Kombination ergänzt um exzellente und ausdruckstarke Sprecherinnen und Sprecher, Figuren erschaffen kann, mit denen ich tatsächlich mitfühlen kann. Mit denen ich leide, mit denen ich mich freuen, um die ich zittere.

Das, was hier aus den vermeintlich starren Puppengesichtern herausgeholt wurde, ist bemerkenswert. Bisher kannte ich es nur, dass Gefühle ohne Worte bei Puppenspiel über begrenzte Mundbewegungen, Augenlid-Bewegungen und Gestik kommuniziert wurden, was mich nur in Maßen mitgerissen hat. Doch was die Puppentechniker und -technikerinnen der Jim Henson Company an Mimik möglich gemacht haben, lässt viel Raum für differenzierte Gefühle - sowohl für die Puppen als auch für das Publikum. Ich habe großen Respekt auch für die Puppenspielerinnen und -spieler, die hier mit sehr komplexen Figuren gearbeitet und die Mimik und Gestik doch fließend und natürlich herübergebracht haben. Besonders eindrucksvoll: Im Finale stirbt eine Figur, und ich kann sehen, wie ihr letzter Atemzug durch den Hals fährt und der Hals danach zusammenfällt. Genau, wie man es von Realverfilmungen kennt.

Auch wenn ich hier darauf herumreite, dass die Mimik möglichst menschlich sein sollte: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Geschichte von "The Dark Crystal" von Menschen überzeugender gespielt werden könnte. Weil der Fantasie bei der Gestaltung von Puppen fast keine Grenzen gesetzt sind. Beim Verkleiden oder Kostümieren von Menschen schon. 

Ebenfalls überrascht hat mich, dass überzeugende Actionszenen mit Puppen durchaus möglich sind. Schnitt, Kameraeinstellungen und Lichtsetzung machen's möglich. Natürlich keine Action-Szenen wie in den Fantasy-Schlachten von "Game of Thrones", aber Szenen, die die Spannung hochhalten, die rasant sind und richtig gut aussehen. 

Leute, die sich mit Puppenspiel auskennen, betonen bei "The Dark Crystal" immer wieder, wie gut es ist, dass hier selten am Computer erzeugte visuelle Effekte eingesetzt wurden. "Das sind wohl Puristen", dachte ich, als ich das vorab über die Serie las. Doch jetzt verstehe ich, welche Rolle das spielt: Dadurch, dass ich der Puppenwelt ansehen kann, dass sie eine gestaltete Puppenwelt ist, wirkt sie echt. Und während ich in der ersten Folge immer mal wieder Gedanken hatte wie "Ah, da sieht man, woraus das Moos gemacht ist" oder "Ach, der Berg sieht ja putzig zusammengebaut aus", war ich spätestens ab Folge 3 so sehr in dieser Welt drin, dass ich das Gefühl hatte, dass ich das Moos jetzt anfassen könnte oder dass dieses eklige glibberige Essen, dass der Skeksis da futtert, sicher unglaublich stinkt. 

Also: aufwändig produzierte, gut geschriebene Puppenserien für Erwachsene? Immer her damit! Ich schaue sie an, mit Begeisterung. (Was ich aber auf keinen Fall anschauen werde: den "The Dark Crystal"-Film aus den 80ern. So weit geht meine Begeisterung dann doch nicht. Vielleicht schaue ich mir mal einen Trailer an.) 

Die erste Staffel von "The Dark Crystal: Age of Resistance" oder "Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands" umfasst zehn Folgen und ist bei Netflix verfügbar. 

Übrigens: Netflix hat ein fast anderthalbstündiges Making-of der Serie veröffentlicht. Das werde ich mir heute Abend angucken, denn womit mich "The Dark Crystal: Age of Resistance" jetzt infiziert hat: den dringenden Wunsch, hinter die Kulissen zu schauen, um die Erzählkunst, die ich genossen habe, noch besser verstehen zu können. 


(via Giphy)

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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