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Meine Woche in Serie

Wie viel "Parks & Recreation" steckt in "Brooklyn Nine-Nine"?

 

Mit etwas Verspätung hat unsere Kolumnistin Ulrike Klode die Comedy-Serie "Brooklyn Nine-Nine" für sich entdeckt. Und sich Gedanken darüber gemacht, warum ihr die Polizei-Serie so gut gefällt.

von Ulrike Klode
19.10.2019 - 08:33 Uhr

Die kurze Antwort auf die Frage in der Überschrift: total viel! Und deswegen bin ich so begeistert! (Auch wenn es einige Zeit dauerte, bis ich das verstanden habe, siehe Kolumne von voriger Woche ...)

Die lange Antwort: "Parks and Recreation" und "Brooklyn Nine-Nine" haben enorm viel gemeinsam. Und weil "Parks and Recreation" eine meiner absoluten Lieblingsserien ist, ist es mir ein besonderes Vergnügen, beide Serien zu vergleichen. Das Offensichtliche: Michael Schur. Er ist der Mann, der beide Serien erfunden und geschrieben hat und Showrunner bei beiden Serien ist/war. Dass derselbe Kopf hinter zwei Serien steckt, heißt nicht automatisch, dass sich die Serien ähnlich sind. Ryan Murphy zum Beispiel hat nach der High-School-Musical-Serie "Glee" die Horror-Serie "American Horror Story" erfunden. Chuck Lorres nächste Serie nach "Two and a half Men" war "The Big Bang Theory". Doch bei "Parks" und "Nine-Nine" gibt es viele, viele Ähnlichkeiten - vom Setting über die Tonalität über die Figuren bis hin zur Besetzung. 

Setting: Beide Serien spielen in Behörden. Für "Parks and Recreation" hat sich Schur eine Abteilung in einer Stadtverwaltung ausgesucht, das Grünflächenamt. Bei "Brooklyn Nine-Nine" eine Polizeistation. Eine Serie, die ein Grünflächenamt als Basis hat, ist ungewöhnlich. Serien, die in Polizeistationen spielen, gibt es viele - weshalb ich anfangs, als "Nine-Nine" gerade gestartet war, nicht verstehen konnte, warum sich Michael Schur nach dieser herrlichen, unerwarteten Behörden-Comedy ausgerechnet eine Polizei-Serie aussucht. Was ich falsch eingeschätzt habe: Der Kern bleibt derselbe. Im Mittelpunkt stehen bei beiden Serien Menschen, die in einer Behörden arbeiten, deren Ziel es ist, die gesetzlichen Regeln des Zusammenlebens umzusetzen und durchzusetzen. Diese Menschen arbeiten täglich viele Stunden neben- und miteinander, sie verbindet viel, sie erleben gemeinsam große und kleine Abenteuer. Und immer wieder wird klar: Die Gemeinschaft ist wichtig, nur gemeinsam können sie etwas bewegen. In der Arbeit und - oft auch im Privaten.  

Tonalität: An "Parks and Recreation" schätze ich sehr, wie warmherzig die Serie ist und wie liebevoll sie mit ihren Figuren umgeht. Und das, obwohl sie eine Mockumentary ist, also eine fiktive Dokumentation, die an eine Parodie oder gar Satire heranreicht. Trotz vieler Rückschläge bleiben die wichtigsten Figuren - allen voran die Hauptfigur Leslie Knope (Amy Poehler) positiv, glauben daran, dass sie etwas bewirken können und dass der Mensch im Grunde gut ist. Diese Warmherzigkeit und der unerschütterliche Glaube an das Gute in der Zukunft und im Menschen macht auch "Brooklyn Nine-Nine" aus. Das ist ungewöhnlich in diesem Genre, Polizei-Serie zeichnen sich typischerweise durch einen brutalen und zynischen Blick auf die Welt aus. "Brooklyn Nine-Nine" ist - obwohl es in New York und nicht wie "Parks" in der amerikanischen Provinz spielt - sogar noch positiver. Natürlich spielen die von den Kommissaren und Kommissarinnen aufzuklärenden Verbrechen in einer anderen Liga als das, was die Behördenangestellten im Ort Pawnee beschäftigt. Aber: Die Negativität der Verbrechen wird ausgeblendet oder spielerisch dargestellt. Und: Die Häme fehlt. "Parks and Recreation" hatte - trotz der oben beschriebenen Warmherzigkeit - immer wieder Szenen, in denen sich über andere lustig gemacht wurde. Nicht auf eine liebevolle Art, sondern auf eine hämische. Opfer der Häme war in der Regel die Nebenfigur Jerry, ein etwas trotteliger, aber herzensguter Mitarbeiter des Grünflächenamts. Selbst Leslie Knope, eigentlich voller Mitgefühl und Wärme, hat im Umgang mit Jerry brutale Häme gezeigt. Diese Häme ist das einzige, was ich an "Parks and Recreation" auszusetzen habe. Umso mehr freut es mich, dass ich davon bisher bei "Brooklyn Nine-Nine" nichts entdecken konnte.   

Figuren: Nach zwei Folgen "Brooklyn Nine-Nine" war ich mir sicher, dass Michael Schur die Figuren hier nach den Vorbildern in "Parks and Recreation" entworfen hat. Weshalb ich eine Liste gemacht habe, wer meiner Meinung nach wer ist. Mittlerweile beim Ende der zweiten Staffel angekommen, bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher. Je besser ich die Figuren kennenlerne, umso differenzierter sehe ich sie. Das ist ein gutes Zeichen, finde ich. Denn es bedeutet, dass die Figuren ein Eigenleben entwickelt haben und sich von ihren Vorgängern absetzen. Dennoch: Ich mag es, wenn ich bei bestimmten Dialogen oder in bestimmten Szenen "Ach, das war jetzt typisch Leslie" oder "Das hätte April auch genaus so gesagt!" denke und mich ein bisschen in sentimentalen Gefühle suhlen kann. 

Jake Peralta (Andy Samberg) - Andy Dwyer (Chris Pratt), aber um einiges klüger

Amy Santiago (Melissa Fumero) - Leslie Knope

Scully und Hitchcock (Joel McKinnon Miller und Dirk Blocker) - Jerry Gergich (Jim O'Heir), aber von den anderen freundlicher behandelt

Rosa Diaz (Stephanie Beatriz) - April Ludgate (Aubrey Plaza)

Charles Boyle (Joe Lo Truglio) - zu 70 Prozent Tom Haverford (Aziz Ansari), aber fleißiger und ohne die Schadenfreude + zu 30 Prozent Chris Traeger (Rob Lowe)

Terry Jeffords (Terry Crews) - Chris Traeger

Gina Linetti (Chelsea Peretti) - Donna Meagle (Retta), aber mit mehr eigenen Szenen

Captain Raymond Holt (Andre Braugher) - hat irgendwie Ähnlichkeiten mit Ron Swanson (Nick Offerman)

Besetzung: Michael Schur ist mitterweile bekannt dafür, dass er in seinen Serien immer wieder vertraute Gesichter auftauchen lässt. Es gibt eine Handvoll Schauspieler und Schauspielerinnen, die in allen drei Schur-Serien ("The Good Place" ist auch von ihm) eine Rolle spielen, mindestens zwei Handvoll sind in zwei seiner Serien zu sehen. Und wenn man die Comedy-Serie "The Office" noch dazunimmt, für die er einige Jahre als Drehbuchautor und Co-Executive Producer gearbeitet hat, sind es sogar noch einige Schauspieler und Schauspielerinnen mehr. Ich habe mich am meisten darüber gefreut, Marc Evan Jackson wiederzusehen. In "Parks" spielt er den überkorrekten Anwalt Trevor Nelsson, in "The Good Place" den bürokratischen Ober-Dämon Shawn und in "Nine-Nine" Kevin Cozner, den Ehemann von Captain Raymond Holt. (Eine Auflistung weiterer Schur-Schauspieler und -Schauspielerinnen gibt's zum Beispiel bei "Vulture".)

Ich gucke jetzt mal schnell weiter. Vielleicht fällt mir dabei noch auf, in welcher "Nine-Nine"-Figur ich Ann Perkins (Rashida Jones) und Ben Wyatt (Adam Scott) wiederfinde. 

"Brooklyn Nine-Nine" gibt's zum Beispiel bei Amazon, iTunes, Maxdome oder Netflix.

"Parks and Recreation" ist unter anderem bei Amazon, iTunes, Maxdome oder den Sky-Streamingdiensten verfügbar.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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