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Meine Woche in Serie

"Veronica Mars" Staffel 4: Anders - aber ziemlich gut

 

Revivals von beliebten Serien sind eine schwierige Angelegenheit. Bei "Veronica Mars" lagen zwischen der letzten Folge und der neuen Staffel zwölf Jahre, in denen viel passiert ist. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode - Fan der Serie - freut sich, dass sie nun endlich über die vierte Staffel schreiben kann.

von Ulrike Klode
26.10.2019 - 10:01 Uhr

Ich habe die acht Folgen der vierten Staffel von "Veronica Mars" genossen. Vom lockeren Anfang bis zum bitteren Ende. Und ich habe nichts Gravierendes daran auszusetzen. (Stimmt nicht ganz: Ich habe nur an dem einen Ereignis in der letzten Folge etwas auszusetzen. Wer die Serie schon geschaut hat, wird wissen, was ich meine. Aber das ist auch nur mein Fan-Herz, das da meckert. Dazu ganz am Ende meines Textes noch ein paar Gedanken.) Mit dieser neuen Staffel ist dem Team um Serienschöpfer Rob Thomas etwas gelungen, das wirklich schwierig ist. Sie haben es geschafft, eine sehenswerte Serie, die zu früh beendet wurde, nach zwölf Jahren Pause wieder zum Leben zu erwecken und haben dabei der vergangenen Zeit sowohl in der Binnensicht - also in der Entwicklung der Figuren und ihrer damit veränderten Wahrnehmung der Welt -, als auch in der Außensicht - also der rasanten Entwicklung der Serien-Industrie - Rechnung getragen.

Als "Veronica Mars" 2004 startete, spielte die Serie im High-School-Milieu mit einer Hobby-Detektivin im Mittelpunkt, die selbst noch zur Schule ging. Und obwohl die übergreifenden Handlungsstränge ziemlich düster waren, hatte die Serie dadurch eine leichtere Seite: Einige der Fälle, die Veronica Mars (Kristen Bell) von Schulkollegen und -kolleginnen übernahm, waren unterhaltsame Kleinigkeiten, dazu kamen noch ihre eigenen Teenager-typischen Probleme und Liebeswirren. Die Serie balancierte in jeder Staffel, jeder Folge, jeder Szene auf dem schmalen Grat zwischen beklemmendem Sozial-Drama und smarter Teenager-Romanze. Selbst als Veronica in Staffel 3 zur Uni ging, hat das noch hervorragend gepasst.

Doch in den zwölf Jahren, die seitdem vergangenen sind, muss sich die Figur, müssen sich ihre Umstände zwangsläufig verändert haben. Ihre traumatischen Erlebnisse und all die soziale Ungerechtigkeit, die sie durchlebt und erlebt hat, haben sie zu einer anderen Person gemacht als das Mädchen, das wir 2004 kennengelernt haben. Veronica Mars 2019 ist eine hart gewordene Frau, die zwar immer noch und immer wieder einen guten Spruch auf den Lippen hat, die aber eigentlich ein seelisches Wrack ist. Klar, sie hat Charme. Aber den setzt sie nur für ihren eigenen Zweck ein, nicht aus Lebensfreude oder Menschenfreundlichkeit. Denn sie weiß: Das Leben ist brutal. Hört sich ein bisschen klischeehaft an, oder? Würde ich beim Lesen einer solchen Figurenbeschreibung auch sofort sagen. Aber in Veronica Mars' Fall haben wir über mehrere Jahre alles miterlebt, was sie durchgemacht hat. Wir waren dabei. Ihre Traumata sind nicht einfach nur eine Backstory, die die Gegenwart erklären soll. Ja, im Grunde ist es ein Wunder, dass diese Frau überhaupt in der Lage ist - ohne professionelle therapeutische Hilfe -, enge Beziehungen einzugehen. Sie hat sich verändert, auch ihre Welt hat sich verändert. Und eigentlich ist es eine Überraschung, dass sie noch immer in der Kleinstadt Neptune an der Küste Kaliforniens ihre Heimat hat.

Gleichzeitig hat sich in der Serienbranche viel verändert, seit die dritte Staffel von "Veronica Mars" gelaufen ist. Streamingplattformen, die eigene Serien produzieren lassen, gab es damals zum Beispiel noch nicht. Aber mit "Hulu" ist es genau solch eine Streamingplattform, die dieses Revival überhaupt möglich gemacht hat. Bedingt durch diese neue Serien-Verbreiter hat sich auch das Guckverhalten des Publikums verändert: am Stück veröffentlicht, am Stück geschaut. Das bedarf einer anderen Erzählstruktur, einer anderen Art, wie man mit den Figuren umgeht, einer anderen Art Fall, als wir das bisher bei "Veronica Mars" gewohnt waren. 

Die vierte Staffel von "Veronica Mars" ist anders als die bisherigen (und sowieso ganz anders als der Film): ein alle Folgen umspannender Fall, weniger Raum für die vielen liebgewonnenen Nebenfiguren, eine erwachsene Veronica mit erwachsenen Problemen. Aber sie ist ziemlich gut, weil der Charakter der alten Serie, der alten Veronica noch überall zu spüren ist, ohne in Nostalgie abzurutschen. Weil die neuen Folgen gekonnt auf dem aufbauen, was wir bereits kennen, sogar kleine Verneigungen zu bestimmten Nebenfiguren machen - um daraus etwas Neues, ebenfalls Sehenswertes zu schaffen. 

Die vierte Staffel von "Veronica Mars" ist nach langen Monaten des Wartens nun endlich auch in Deutschland verfügbar: bei Amazon. Leider nicht im Prime-Paket. Aber für Veronica Mars extra Geld auszugeben, ist es wert. (Zumindest für Leute wie mich, die die alten Staffeln in hübschen DVD-Boxen im Regal stehen haben.)

- Achtung, dicke Spoilerwarnung! Im Rest des Textes wird eine entscheidende Entwicklung am Ende der vierten Staffel von "Veronica Mars" vorweggenommen. Wer die Staffel noch nicht zu Ende geschaut hat, sollte sich gut überlegen, ob er oder sie weiterlesen will. -

Wie oben versprochen, kommen jetzt noch ein paar Gedanken zu dieser einen Sache in der letzten Folge: Was zur Hölle? Warum musste Logan (Jason Dohring) sterben? Das ist eine rhetorische Frage. Ich weiß natürlich, warum Logan sterben musste. Und ich hatte es auch schon früh in der Staffel befürchtet. Aber es war trotzdem ein Schock. Sehr traurig.

Übrigens dachte ich, als er beim Standesamt nicht auftauchte, dass er doch abgehauen sein könnte (Bindungsangst! oder so). Und insgeheim habe ich die Autoren und Autorinnen da schon verflucht, weil das ein billiger Trick gewesen wäre, um dem Dilemma zu entkommen, in das ein Happy End sie unweigerlich gebracht hätte. Denn: Veronica Mars und Logan konnten nicht glücklich werden. Zumindest dann nicht, wenn es auch nur einen vagen Plan gab, die Serie ganz eventuell vielleicht fortzuführen. Als die Hochzeit dann doch stattfand, fragte ich mich verwundert, ob sie Veronica tatsächlich ein glückliches Ende bescheren wollen - um Logan dann zum Start der nächsten Staffel sterben zu lassen. 

Ob es weitergeht? Ich hoffe schon. Der Weg dahin ist bereitet: Um die Gesundheit des Vaters muss sich Veronica nun doch keine Sorgen mehr machen, und Logan lebt nicht mehr. Veronica bricht auf - und ihr Aufbruch gibt dem Team um Rob Thomas die Chance, neue große Verbrechen zu erfinden, die mehrere Folgen oder gar eine ganze Staffel tragen. Und die Veronica in gewohnter Manier aufklärt. Jeder Mann an ihrer Seite wird sich natürlich den Vergleich mit Logan gefallen lassen müssen - denn einmal #TeamLogan, immer #TeamLogan.

Folgende Texte fand ich zu Logans Tod interessant:  
"We Used to Be Friends" - Willa Paskin von Slate.com schreibt darüber, warum sie nach Logans Tod aus der Serie aussteigen wird.
"Why the ending of the Veronica Mars revival was so shocking" - Constance Grady erklärt, was Logans Tod mit dem Fandom rund um die Serie zu tun hat und warum es eigentlich keinen Ausweg gab, als die Figur sterben zu lassen.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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