© Netflix
Seine Woche in Serie

Wenn die Sucht nach wahren Geschichten zu weit geht

 

Die Sehnsucht nach wahren Geschichten ist weiter groß, Stichwort True Crime. Netflix überdreht mit der angeblichen Doku-Serie "Heimgesucht: Unglaubliche Zeugenberichte" das Genre jedoch längst ins Absurde.

von Kevin Hennings
23.11.2019 - 09:53 Uhr

Vor drei Jahren erschien auf DWDL.de ein Artikel über die Flut an Emmy-nominierten Produktionen, die eine Sache eint: Sie alle basieren auf einer wahren Geschichte. Ob nun die gehypte True-Crime-Sparte mit bekannten Ablegern wie "The People vs. O. J. Simpson" und "Making a Murderer" oder dramatische Historienserien wie "Narcos" – sie alle wurden umfassend damit promotet, dass das Gesehene ungefähr so schon einmal auf der Erde von statten ging. Drei Jahre später hat das Zuschauerverlangen nach solchen Inhalten nicht nachgelassen. Netflix hat dementsprechend weitere High-Budget-Produktionen wie "When They See Us" in Auftrag gegeben, die schnell Gesprächsthema der regelmäßigen Serienbesprechung wurden. In den Tiefen des Streamingdienstes verbirgt sich jedoch der dunkle Schatten dieses Genres, der eindrucksvoll zeigt, dass es auch zu weit gehen kann.

Die Rede ist von der amerikanisch-tschechischen Koproduktion "Heimgesucht" und einer Reihe von unglaublichen Zeugenberichten. Unglaublich kommen sie tatsächlich daher: Während der Protagonist in der ersten Episode davon erzählt, wie er in Kindheitstagen von einer untoten Frau verfolgt wurde, die in seinem Kleiderschrank wohnte, sind zwei Schwestern in "Das Schlachthaus" vollkommen der Überzeugung, dass ihr Vater vom Teufel besessen war. Das Netflix-Original funktioniert gleichermaßen als Talk-Runde und fiktionale Nachstellung. Während der Heimgesuchte im Stuhlkreis mit Freunden und Verwandten von seinen schrecklichen Vorfällen berichtet, werden die Horrorszenarien immer wieder mit Schauspielern nachgestellt. Alles schön und gut und zu einem gewissen Grad sogar authentisch und nachvollziehbar.

Eine Tür knarzen hat wohl schon jeder von uns mal gehört, wenn er alleine zu Hause war. Auch das der Fernsehen plötzlich angeht, obwohl die Fernbedienung auf der anderen Seite des Raumes liegt, ist manch einem bereits passiert. So fangen auch die Geschichten in "Heimgesucht" an – einigermaßen realistisch und wie "The Blair Witch Project" subtil anmutend. Der Zuschauer entwickelt damit einen gewissen Respekt für das Gesehene, so wie bei allen "True Storys".

In kürzester Zeit versucht Netflix seine Abonnenten jedoch sukzessive für dumm zu verkaufen. "Die Serie dokumentiert markerschütternde Berichte von Personen", heißt es in der Beschreibung, die der Produktion also erneut den Stempel aufdrückt, dass es sich hier wirklich um echte Geschichten handelt. Nach anfänglichen Schauergeschichten driftet jedoch jede Folge ins völlig Absurde ab: Blutbeschmierte Handabdrücke tauchen im ganzen Haus auf, die Eltern sind verrückte Serienkiller, alienartige Doppelgänger machen sexuelle Avancen. "Heimgesucht" ist ein Potpourri an ganz schlimmen, verkorksten Horrorfilmideen, die hier als wahrhaftig verkauft werden.

Zu keinem Zeitpunkt bemüht sich die Doku-Serie darum, Beweise in jeglicher Form anzubringen. Dabei scheint es bei Netflix ganz logisch zu sein, dass Betroffene, deren Eltern zig Menschen auf dem Gewissen zu haben scheinen, zunächst zu solch einer Produktion gehen, anstatt zu zuständigen Behörden. Anders sind die fehlenden Polizeiberichte nicht zu erklären. In besagter Folge "Das Schlachthaus" sind die Vorkommnisse sogar so erschreckend, dass Netflix im Falle einer wirklich wahren Geschichte längst ein eigenständiges True-Crime-Format auf die Beine gestellt bzw. sich weiträumig strafbar gemacht hätte, dies nicht dem FBI zu melden.

Natürlich kann jeder einzelnen Episode nach kurzer Zeit angemerkt werden, dass hier kompletter Humbug erzählt wird. Mit transparenter Fiktionalität wäre das auch vollkommen in Ordnung. Mit "Heimgesucht" wird jedoch ein Genre gelogener Fakten begründet und die Frage aufgeworfen, inwiefern "wahren Geschichten" in Zukunft noch vertraut werden kann und ob es rechtlich wirklich in Ordnung ist, mit keiner Fußnote zu erwähnen, wie die Sachlage tatsächlich aussieht. Ich für meinen Teil würde lieber angelogen werden, anstatt dass mir auf diese Art gesagt wird, dass das Gesehene echt ist.

Es ist auch schlicht unnötig, den Zuschauer derart zu belügen. Das Storytelling in "Heimgesucht" ist so fragwürdig, dass auch gleich mit offenen Karten hätte gespielt werden können. Die Twists gipfeln in jeder Folge in der Auflösung, dass das Übernatürliche nach Jahren der Abstinenz plötzlich wieder aufgetaucht ist – nicht selten wenige Tage vor Produktionsbeginn der Doku-Serie. Im Falle von "Das Schlachthaus" ist es noch viel unsinniger: Nachdem die zwei Schwestern jahrelang mitbekommen haben, wie ihre Eltern fremde Menschen umgebracht haben, lässt eine von ihnen ihren Sohn Jahre später in eben jenem Haus leben. Der wird überraschenderweise von Hinz und Kunz auf übernatürliche Weise heimgesucht. Er möchte jedoch noch ein bisschen ausharren, bevor er auszieht. Das ist möglicherweise ein schönes Sinnbild für die Menschen, die tatsächlich glauben, dass "Heimgesucht" wahre Geschichten auftischt und für Netflix, wo man geglaubt hat, dass diese Serie eine gute Idee sei. 

Wer sich sein eigenes Bild machen möchte: die ersten zwei Staffeln von "Heimgesucht: Unglaubliche Zeugenberichte" stehen bei Netflix zum Streaming zur Verfügung.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen