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Meine Woche in Serie

Jennifer Aniston macht "The Morning Show" besonders

 

Mit "The Morning Show" ist AppleTV+ im November an den Start gegangen, für Aufsehen sorgte der Name Jennifer Aniston in der Hauptrolle. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat die Serie nun zu Ende gesehen und ist überrascht, wie sehr die Schauspielerin hier den Unterschied macht.

von Ulrike Klode
01.02.2020 - 09:37 Uhr

Ich kam wegen Reese Witherspoon und blieb wegen Jennifer Aniston. Okay, das ist jetzt ein klein bisschen überspitzt. Ich wäre auch nur wegen Reese Witherspoon bei "The Morning Show" geblieben, weil sie einfach eine unerhört gute Schauspielerin ist. Aber es war tatsächlich Jennifer Aniston, deren Szenen mich am meisten fasziniert haben.

"The Morning Show", die Serie, mit der AppleTV+ an den Start gegangen ist, wäre für sich genommen kein großes Ereignis gewesen. Eine Serie, die hinter die Kulissen einer erfolgreichen journalistischen Fernsehsendung schaut und damit zu Zeiten von #Metoo die Mechanismen von Macht, Abhängigkeit und Sex offenlegt, wäre nur eine unter vielen gewesen. Das Thema ist zwar interessant und relevant. Doch im Meer der guten Serien braucht es mehr, um herauszuragen, also um von vielen entdeckt zu werden. Das Mehr bei "The Morning Show": die Besetzung. Reese Witherspoon, die Oscar-Preisträgerin, die mit "Big Little Lies" 2017 zeigte, wie grandios sie auch Serie spielen kann (meinen Kolumnentext zur ersten Staffel gibt's hier). Und: Jennifer Aniston! Die Frau, die seit "Friends" eine Legende ist. Die, anders als Witherspoon, nicht unbedingt mit vielseitigem Schauspielkönnen über Jahre überzeugt hat. Sondern die einfach dadurch, dass sie zehn Jahre lang DIE Rachel in DER Sitcom war, einen Ruf hat wie Donnerhall. Und die seitdem zwar immer wieder im Kino zu sehen war - aber eben vor allem in Comedy-Filmen. Jennifer Aniston kehrt in "The Morning Show" zum Medium Serie zurück.

Und spätestens bei der Veröffentlichung der ersten Folge im November vergangenen Jahres wurde für alle sichtbar: "The Morning Show" ist harter Stoff, pures Drama. Jennifer Aniston kehrt also nicht zurück, sondern bricht zu neuen Ufern auf: weg von Comedy, hin zu Drama. Damit ist sichergestellt: Der Name Aniston sorgt dafür, dass diese Serie herausragt aus der Serienflut. Es funktioniert: Umfassende Berichterstattung zum Start des AppleTV+-Flaggschiffs, die wiederum Aufmerksamkeit des Publikums generiert.

Ich dagegen habe, wie oben beschrieben, aus Witherspoon-Gründen eingeschaltet. Und wurde nicht enttäuscht, sie spielt exzellent. Natürlich! Aber wenn ich in einem oder zwei Jahren an eine Witherspoon-Serie denke, wird mir vermutlich eher "Big Little Lies" als "The Morning Show" einfallen - weil ihre Rolle dort bemerkenswerter war. Bei Jennifer Aniston wird mir selbstverständlich immer zuerst "Friends" einfallen. Gegen eine solche Serie, deren Beliebtheit, Bekanntheit und Ruf sich über die Jahrzehnte verselbstständigt hat, kommt so schnell keine andere Produktion an. Aber "The Morning Show" wird mir als die Produktion im Kopf bleiben, die mir zeigt: Jennifer Aniston ist eine viel bessere Schauspielerin, als ich bisher dachte. 

Jennifer Aniston spielt Alex Levy, die Moderatorin der überaus erfolgreichen Frühstückssendung "The Morning Show". In der ersten Folge wird bekannt, dass ihr langjähriger Co-Moderator Mitch Kessler (gespielt von Steve Carell) Mitarbeiterinnen sexuell bedrängt, belästigt und zum Sex gezwungen haben soll. Er muss gehen, sie bleibt. Über zehn Folgen wird nun einerseits gezeigt, wie Alex Levy um ihre Machtposition kämpft, andererseits wird gezeigt, welche Arbeitsbedingungen in der Redaktion und im Sender das Verhalten des Co-Moderators erst möglich gemacht haben. Das passiert unter höchstmöglicher Dramatik und großer Intrigendichte, das Erzähltempo ist hoch, die Dialoge sind schnell - das sind Bedingungen, die Figuren schwächen können, wenn diese nicht besonders sorgfältig entwickelt wurden.

Gerade die Hauptfigur Alex Levy macht Stimmungsschwankungen durch, die sie nicht konsistent erscheinen lassen könnten. Ihre Motivation scheint sich manchmal von Sekunde zu Sekunde zu verändern, ohne, dass es für die Zuschauerin oder den Zuschauer nachvollziehbar gemacht würde. Einer solchen Figur zuzuschauen, kann ermüden, weil sie nicht greifbar ist, weil wir ihr nicht folgen können. Bei einer solchen Figur steht ihre Funktion im Mittelpunkt, die die Handlung in eine bestimmte Richtung vorantreiben soll. Sie ist keine ausgereifte Persönlichkeit, die Identifikations- oder Empathiepotenzial bietet. 

Und da kommt Jennifer Aniston ins Spiel: Sie schafft es, dieser Figur die nötige Persönlichkeit zu verleihen. Aniston verkörpert diese von verschiedenen Motivationen getriebene Frau so überzeugend, dass sie greifbar wird, dass die Zuschauerin oder der Zuschauer mitfühlen können, sich vielleicht sogar in manchen Situationen mit dieser Frau identifizieren können. Durch Anistons Schauspielkunst, ihre Mimik und ihre Gestik wird diese Figur glaubhaft, obwohl sie auf dem Papier nur schwer nachzuvollziehen wäre. Damit ist "The Morning Show" ein gutes Beispiel dafür, dass hochkarätige Schauspielerinnen und Schauspieler bei einer mittelmäßig geschriebenen Serie den entscheidenden Unterschied machen können.

Die erste Staffel von "The Morning Show" gibt's bei AppleTV+, die zweite Staffel ist in Arbeit.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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