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Meine Woche in Serie

"Crazy Ex-Girlfriend": Einzigartige Serie, die im Ohr bleibt

 

Sich zum Serienfinale von bestimmten Figuren zu trennen, fällt mitunter schwer. Bei der Comedy "Crazy Ex-Girlfriend" ergeht es unserer Kolumnistin Ulrike Klode etwas anders: Sie schreibt darüber, warum sie nach dem Finale der vierten Staffel die Serie als Ganzes vermissen wird.

von Ulrike Klode
25.04.2020 - 06:00 Uhr

"Crazy Ex-Girlfriend" wird mir fehlen. Und damit meine ich tatsächlich, dass mir die gesamte Serie fehlen wird und nicht nur bestimmte Figuren, wie das bei anderen Abschieden von Serien bei mir der Fall ist. Denn, ja, klar werde ich die Figuren auch vermissen - besonders Rebecca (Rachel Bloom), Paula (Donna Lynne Champlin), Darryl (Pete Gardner), Valencia (Gabrielle Ruiz) oder White Josh (David Hull). Aber "Crazy Ex-Girlfriend" ist als Ganzes so besonders, dass da nun ein Loch ist und auch länger bleiben wird. Jetzt, da ich die vierte und letzte Staffel der amerikanischen Comedy am Donnerstagabend beendet habe. 

Die Handlung der ersten Staffel kurz zusammengefasst hört sich wie die einer einfallslosen romantischen Komödie an: Die junge, erfolgreiche Anwältin Rebecca Bunch schmeißt alle Aussichten auf eine steile Karriere in New York hin und zieht in die Provinz nach Kalifornien, um ihrem Jugendschwarm Josh Chan (Vincent Rodriguez III.) zu folgen, den sie nach vielen Jahren zum ersten Mal zufällig in New York auf der Straße getroffen hat. Im Ort West Covina angekommen, versucht sie, ihn für sich zu gewinnen. Eigentlich klar, wie's weitergeht und wie's ausgeht, oder? Nö, es läuft alles anders als gedacht. Denn schon an der ersten Folge sieht man: "Crazy Ex-Girlfriend" wird keine konventionelle Rom-Com. Irgendwas ist hier ... anders. Zwei entscheidende Dinge fallen auf: 1. Die Hauptfigur fängt spontan an zu singen, und die Szene verwandelt sich in eine choreografierte Musicalnummer. 2. Die Hauptfigur hat eine Panik-Attacke und nimmt viele Tabletten - eine psychische Erkrankung wird angedeutet. Ob die Musicalnummern mit der psychischen Erkrankung zusammenhängen? Und was hat das alles mit Josh, der Jugendliebe, zu tun?

Über vier Staffeln mit insgesamt 62 Folgen entfaltet sich eine Comedy-Serie, die sich nur schlecht einordnen lässt, und das mit voller Absicht. Denn die Botschaft lautet: Alles, jede und jeder ist kompliziert; alles, jede und jeder hat ganz unterschiedliche und sogar gegensätzliche Eigenschaften. Hier wird mit männlichen und weiblichen Rollenbildern und Stereotypen gespielt, dass es eine wahre Freude ist. Mensch ist Mensch und per se vielfältig. So ist der extrem muskulöse, sportbesessene und sehr attraktive White Josh die mütterliche Figur, die sich um alle sorgt. Und er verliebt sich in den weniger attraktiven, unsportlichen Darryl, der 20 Jahre älter ist, einen spießigen Schnäuzer trägt, gerade sein Bi-Coming-Out (Lied!) hatte - und beide zusammen erleben eine sehr schöne, einfühlsam erzählte Liebesgeschichte. Ja, White Josh ist nur eine Nebenfigur. Aber er ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Serie mit bekannten Themen und Figurenentwicklungen umgeht. (Und: Wenn ich die komplizierte und höchst ambivalente Geschichte einer der Hauptfiguren hier ausführen würde, würde ich zu viel spoilern.) Das Intro zur vierten Staffel bringt es auf den Punkt, was das Problem mit Stereotypen in Serien und Filmen ist:

Doch nicht nur der vermeintliche und in der Popkultur oft manifestierte Gegensatz männlich - weiblich wird in dieser Serie vom Team rund um die Serienschöpferinnen Rachel Bloom und Aline Brosh McKenna auseinandergenommen. Auch seit Jahrzehnten eingeführte Erzählmuster werden hier aufgegriffen, überspitzt und dekonstruiert. Das erzeugt einerseits Spannung beim Zuschauen, weil die Handlung unbekannte Wege einschlägt. Hin und wieder sieht es zwar so aus, als würde sie auf bekanntem Terrain bleiben - doch der Eindruck trügt, Erwartungen werden nicht erfüllt. Andererseits führt es vor Augen, wie erschreckend festgefahren fiktionale Erzählungen in Serien und Filmen sind und wie stark das die Darstellung und Entwicklung von Figuren einschränkt, ja behindert.

Auch die Auswahl der Musik entspricht dem Ansatz, mit den Erwartungen zu brechen. Denn ja, in der ersten Folge ist eine konventionell aufgebaute Musicalnummer zu sehen, aber eben auch ein Hiphop-Song. Die Bandbreite über die Serie gesehen ist enorm: Die zwei bis vier Musikstücke pro Folge sind in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen produziert, Choreografie und Kostüme inklusive. Ob Rap-Battle, Hard Rock, Jazz oder Klezmer - die Musikauswahl ist überraschend, passt aber zur Figur, die das Lied singt, oder zum Thema, das im Lied verhandelt wird. Ein Beispiel: Die erste Szene von Rebeccas Mutter Naomi (Tovah Feldshuh) in Staffel 1 ist das Lied "Where's the Bathroom?". Es handelt - wie der Titel sagt -, davon, wie die Mutter in der Wohnung der Tochter nach der Toilette fragt, weil sie nach der Anreise dringend dorthin muss. Banal eigentlich. Doch damit, wie das Lied vorgetragen ist und welche Sätze in dem Lied außerdem fallen, ist die Mutter-Tochter-Beziehung etabliert: eine übergriffige, perfektionistische Mutter, die ihrer Tochter nichts als Vorwürfe macht. 

Kommen wir zum Hauptthema, das - anders als man denken könnte - nichts mit romantischen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu tun hat. Es dreht sich um Rebeccas Psyche. Denn sie ist tatsächlich krank. Doch welche Krankheit sie genau hat, lässt sich nicht so recht einordnen. Rebecca nimmt diese und jene Tabletten, leidet unter der Beziehung zu ihrer Mutter, ist traumatisiert von der Beziehung zu ihrem Vater, dürstet nach Bestätigung, fühlt sich tieftraurig und leer, verzweifelt an ihrem Selbstbild. Und wüsste gerne, was eigentlich mit ihr los ist. Die vier Staffeln schildern ihren Weg zu sich selbst, mit vielen Tiefen, die sie durchleidet, und auch einigen Höhen, die entsprechend gefeiert werden. Ihre Erleichterung, als sie nach jahrzehntelanger Ärzte-Odyssee und Herumstocherei in ihrer Psyche endlich eine Diagnose bekommt, die tatsächlich auf sie passt, gipfelt in Staffel 3 in dem Lied "A Diagnosis". 

Der Umgang damit ist insgesamt bemerkenswert, denn psychische Krankheiten dienen in Serien und Filmen oft dazu, Verhaltensweisen von Figuren zu erklären und sind damit nur ein erzählerisches Mittel zum Zweck. Doch bei "Crazy Ex-Girlfriend" steht das Thema tatsächlich im Mittelpunkt, es wird gezeigt, wie es Rebeccas Leben bestimmt, wie Rebecca sich damit auseinandersetzt und welche Folgen das auf ihr Verhalten und ihre Entscheidungen hat. Schwere, traurige Szenen wechseln sich hier mit leichten, witzigen ab. Und auch das wirkt nicht deplaziert, sondern genau richtig. Denn nichts wird ins Lächerliche gezogen oder banalisiert. 

Nebenbei beleuchtet die Serie Frauenbeziehungen: die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, unterschiedliche Arten von Freundschaften zwischen Frauen und schließlich Liebesbeziehungen zwischen Frauen. Und ja, hier geht's dann auch um Alltagsthemen, die in anderen Serien und Filmen oft ausgeklammert werden: Blasenentzündungen zum Beispiel, körperliche Beschwerden durch zu große Brüste (Lied!), Sex und Periode (Lied!), Abtreibung, weil man keine weiteren Kinder haben will.

Ach, wie werde ich die Serie vermissen. Weil sie witzig, intelligent, lebensnah war. Und immer ein gutes Lied parat hatte. Aber zumindest die Lieder werde ich immer mal wieder hören, einfach nebenbei. Und mich an einzelne Szenen und Erzählstränge erinnern und daran, wie einzigartig diese Serie ist. 

Die vierte und letzte Staffel von "Crazy Ex-Girlfriend" ist seit Mitte März bei Netflix verfügbar, wo auch die ersten drei Staffeln zu finden sind. 

Tipps zum Weiterlesen:
- Mit dem feminstischen Aspekt der Serie beschäftigt sich folgender „Guardian“-Text, der zum Start der vierten Staffel in den USA Ende 2018 erschienen ist: „How ‚Crazy Ex-Girlfriend‘ became TV’s most surprising feminist comedy“
- Eine Auflistung aller Songs der Serie sind hier zu finden - und zwar sortiert: "Every 'Crazy Ex-Girlfriend'-Song, Ranked"
- Und wer sich für die Hintergründe der Lieder interessiert: Rachel Bloom und die Komponisten haben mit "Vulture" über neun Lieder gesprochen, die ihnen besonders wichtig waren. „Rachel Bloom and the ‚Crazy Ex-Girlfriend‘ Songwriters on their 9 Toughest Songs“

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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