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Meine Woche in Serie

"The Mandalorian" ist genau das, was ich jetzt brauche

 

Es hat mehrere Monate gedauert, bis die "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" auch in Deutschland zu sehen war. Am 1. Mai ist das Staffelfinale gelaufen, und unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat diese Woche genutzt, um alle Folgen zu schauen. Ihre Reaktion: Überraschung.

von Ulrike Klode
09.05.2020 - 09:56 Uhr

Ich liebe die drei "Star Wars"-Filme von Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre. Ich habe sie Ende der 80er zum ersten Mal auf VHS gesehen, da war ich zwölf. Und dann viele, viele Male geschaut. Aber mit dem, was danach kam, konnte ich nicht viel anfangen. Vielleicht lag es an dieser unsäglichen "Episode I" mit Jar Jar Binks und dem jungen Anakin Skywalker, der mir die Lust auf neue "Star Wars"-Inhalte verdorben hat - ich weiß es nicht. Auf jeden Fall: Ich habe die Entwicklungen um neue "Star Wars"-Produktionen zwar verfolgt, aber ohne Begeisterung. Und ja, ich habe "Episode VIII" gesehen, fand sie gut - allerdings hat der Film das alte "Stars Wars"-Feuer nicht wieder entzündet. "Episode IX" zum Beispiel habe ich bisher nicht gesehen. Und als Live-Action-Serien im "Star Wars"-Universum angekündigt wurden, habe ich das nur achselzuckend hingenommen. Es ist nun mal eine wirtschaftlich nachvollziehbare Entscheidung von Disney, auch Serien in diesem Franchise produzieren zu lassen.  

Das alles musste ich kurz erklären, um folgenden Satz einzuordnen: Wie toll ist bitte "The Mandalorian"?! Ich bin sehr überrascht davon, dass mich diese Serie von Anfang an gepackt und zwischendurch nicht mehr losgelassen hat. Nein, sie ist kein großes Fernsehen, sie ist auch kein Sprung im Serienerzählen oder auf irgendeine andere Art innovativ. Ganz im Gegenteil: "The Mandalorian" ist konventionell, was die Handlung und die Art, wie sie erzählt wird, angeht. Aber: Die Serie ist handwerklich sehr gut gemacht. Es war eine gute Entscheidung, sich auf die Figur dieses Mandalorianers (Pedro Pascal) zu konzentrieren, der bisher noch in keiner "Star Wars"-Produktion aufgetaucht ist, also keine verworrene Hintergrundgeschichte hat, die man vorher kennen muss. Und die nächste Entscheidung, nämlich ihn einfach episodisch erzählte Abenteuer erleben zu lassen, während der übergreifende Handlungsstrang in den Hintergrund tritt, war ebenfalls gut. Dann gab es noch eine dritte wichtige Entscheidung, die gut war - aber über die schreibe ich im letzten Absatz des Textes, dazu muss ich nämlich eine wichtige Entwicklung in der Serie vorwegnehmen. 

Diese und andere Entscheidungen zusammengenommen haben in meinem Fall dazu geführt, dass ich schnell Zugang zur Hauptfigur und ihrer Welt gefunden habe, dass ich mich gut unterhalten und gleichzeitig nicht überfordert gefühlt habe und dass ich immer mal wieder "Oh!" und "Hach!" ausrufen konnte. Und diese drei Bedingungen sind für mich enorm wichtig in einer Zeit, in der mein Alltag in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt wurde, um einiges stressiger wurde und in der in meinem Hirn so viele unterschiedliche Sorgen gleichzeitig herumspuken.

Meine Aufmerksamkeitsspanne ist kürzer geworden, genau wie meine Bereitschaft, mich auf komplexe Geschichten von komplizierten Figuren einzulassen. Der Mandalorianer ist nicht kompliziert, und seine Geschichte, die mir gezeigt wird, ist weder komplex noch kompliziert erzählt - sondern so gerade und unschnörkelig präsentiert wie möglich. Gut ist gut, böse ist böse. Und ja, dazwischen gibt's noch ein paar Typen, die etwas shady sind. Aber die sind nicht entscheidend und haben Unterhaltungswert. Ansonsten: Die Handlung ist in ihren Grundzügen vorhersehbar, nimmt aber immer mal wieder unerwartete Umwege. Genau in der Dosierung, wie sie mir gerade guttut: Ich kann mich auf das große Ganze verlassen, werde zwischendurch aber immer mal wieder leicht überrascht, ohne dass die Grundfesten erschüttert werden. 

Dank "The Mandalorian" bin ich zurück in der "Star Wars"-Welt, und ich weiß wieder, was mir daran gefällt: der Used-Look, das Abgegriffene, leicht Schäbige, auch das Unfertige; die Kombination von Archaischem und neuer Technik; die bunte Mischung an Lebewesen und Lebensformen. All das ist hier mit Blick für Details stimmig umgesetzt. So stimmig, dass ich mich schon jetzt auf weitere "Star Wars"-Serien freue, weil ich andere Teile dieser riesigen Welt entdecken will, die "The Mandalorian" nicht zeigt. Die "Star Wars"-Begeisterung ist zwar noch längst nicht zurück bei mir. Aber wenn die zweite Staffel von "The Mandalorian" mir ebenfalls so gut gefällt und dann vielleicht bald noch eine zweite "Star Wars"-Serie mich überzeugt - wer weiß? 

Die erste Staffel von "The Mandalorian" gibt's beim Streamingdienst Disney+. Die zweite Staffel ist für Oktober geplant. 

Jetzt kommt der versprochene Absatz zur dritten wichtigen Entscheidung. Aber vorher:

+++ SPOILERWARNUNG! Wer "The Mandalorian" noch nicht gesehen hat, sollte sich das Weiterlesen gut überlegen. ++++

Ob der Serienschöpfer und -autor Jon Favreau zuerst die Idee hatte, eine Baby-Yoda-Figur einzuführen und dann die anderen Figuren und die Geschichte entwickelt hat? Ich weiß es natürlich nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass im Pitch der Serienidee der Satz "Und dann rettet der Mandalorianer Baby Yoda und flieht mit ihm!" ausgereicht hat, um die Disney-Bosse zu überzeugen. Vielleicht hat Favreau auch nur "Baby Yoda!!!!" gerufen und schon hatte er den Deal. Okay, da geht vermutlich meine Fantasie mit mir durch. Aber: Baby Yoda ist genau das an Niedlichkeit in dieser abweisenden Zukunftswelt, das ich gerade brauche. Doch es ist nicht nur Niedlichkeit, sondern dieses grüne faltige Baby strahlt gleichzeitig Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Erwartung an Konfliktlösung in der feindlichen Gegenwart aus. Hoffnung in der Zukunft: Selbst Menschen wie ich, die "Star Wars" nach früherer Begeisterung den Rücken gekehrt haben, kennen Yodas Philosophie und Yodas Macht, wissen also, zu was ein Yoda-Nachfolger imstande sein kann. Erwartung in der Gegenwart: Baby Yoda ist eine ziemlich unzuverlässige Deus-Ex-Machina - mal kann er in ausweglosen Situationen aushelfen, mal nicht. Was ja auch in der Kampfszene am Ende von Folge 8 thematisiert wird, als Greef Karga (Carl Weathers) vergeblich darauf hofft, dass Baby Yoda sein "Drei-Finger-Ding" macht.
Ich beneide diejenigen Zuschauer und Zuschauerinnen ein bisschen, die die Serie gleich zum Start in den USA gesehen haben und von diesem kleinen süßen Etwas überrascht wurden, weil Baby Yoda damals ein gut gehütetes Geheimnis war. Als die Serie dann Ende März mit mehreren Monaten Verspätung in Deutschland startete, war für viele - auch für mich - die Überraschung ja leider weg. Denn die Diskussion über Baby Yoda im Netz war nur sehr schwer zu übersehen oder zu überlesen. (Weil es vielleicht aber doch noch ein paar gibt, die bisher nichts von Baby Yoda mitbekommen haben, habe ich diesen Aspekt sicherheitshalber hinter einer Spoilerwarnung versteckt.)  

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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