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Meine Woche in Serie

"Berlin, Berlin"-Film: Das wäre nicht nötig gewesen

 

Der Film zur ARD-Vorabendserie "Berlin, Berlin" ist wegen der Corona-Krise nicht in den Kinos gelaufen, sondern direkt bei Netflix gelandet. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode, die die Serie früher sehr gerne schaute, hat ihn angesehen. Und ist alles andere als begeistert.

von Ulrike Klode
16.05.2020 - 10:06 Uhr

Mensch, Lolle. Es hätte so schön bleiben können. Ich hätte Lolle Holzmann (Felicitas Woll) einfach als wirklich tolle Figur in einer ungewöhnlichen deutschen Vorabendserie in bester Erinnerung behalten. Ich hätte immer mal wieder Leuten davon vorgeschwärmt, dass es da 2002 schon eine bemerkenswerte deutsche Serie gab, die witzig, ironisch, verrückt, rasant erzählt war, trotz der Kürze der Episoden ihren Figuren Raum für Tiefe und Entwicklung gegeben hat. Und die mal nebenbei mit bestimmten Frauenbildern und bestimmten Männerbildern aufgeräumt hat.

Ja, das war schön. Aber dann habe ich vor ein paar Tagen "Berlin, Berlin - der Film" gesehen. 15 Jahre nach der letzten Serienfolge veröffentlicht. Und jetzt ist es vorbei mit "bester Erinnerung", "vorschwärmen", "witzig, ironisch, verrückt" und "trotz der Kürze ihren Figuren Raum für Tiefe gegeben". Folgendes sollte ich kurz noch erwähnen, für alle, die meine Kolumne nicht so oft lesen: Ich bin kein Fan davon, wenn Serien um Filme ergänzt werden. (Warum das so ist, steht in diesem Kolumentext von mir). Weshalb ich normalerweise einen großen Bogen um Serienverlängerungsfilme mache. Bei "Berlin, Berlin" habe ich eine Ausnahme gemacht - und das schon in den ersten zehn Minuten bereut. Denn die Lolle, die mir nach 15 Jahren präsentiert wird, ist nicht die Lolle, die ich so gut kannte. Die Sätze, die sie aus dem Off spricht, sind altbacken, und die Szenen, in denen ich sie sehe, passen nicht so recht. Was ist mit ihr passiert? Es ist völlig ok, logisch und eigentlich auch selbstverständlich, dass sich eine Figur in 15 Jahren verändert. Aber dann muss das nachvollziehbar gemacht werden. So treffe ich auf eine Lolle, die lahm und unsympathisch ist und seltsame Entscheidungen trifft - aber es wird überhaupt nicht thematisiert, warum sie sich verändert hat und wo die alte Lolle abgeblieben ist.

Und dazu: schlecht aussehende Animationen. Der Charme der Serie war, dass Lolles Gefühle mit Animationen im Comic-Stil gezeigt wurden. Passt ja - sie wollte Comiczeichnerin werden. Im Film leitet sie jetzt ein Animationsstudio. Doch die Animationen, die - analog zum Animationseinsatz in der Serie - in den ersten zehn Minuten (und auch im Intro) gezeigt werden, sehen nicht nach einem guten Animationsstudio aus. Klar, Animationen sind eine Preisfrage. Aber das hier wirkt billig. Warum nicht einfach den Stil aus der Serie beibehalten, einfach die Lolle-Figur darin verändern? Warum musste es vermeintlich moderner aussehen? Glücklicherweise kommen sie im weiteren Verlauf des Films seltener und auch etwas anders zum Einsatz - und sehen dann wesentlich besser aus. Und wo ich gerade beim Aussehen bin: Die Rückblicke in Szenen der Serie, die immer mal wieder zum Erklären von Figuren oder Situationen eingesetzt werden, sind in eine Grafik montiert und sehen auch nicht gut aus. Ach je, und das bei einer Hauptfigur, die ein Animationsstudio leitet, für das sich große Studios in Los Angeles interessieren ... 

Nach dem Überwinden des ersten Wiedersehensschocks - ich habe tatsächlich kurz gestoppt, weil ich überlegen musste, ob ich den Film weiterschauen will -, dauert es leider lange, bis der Film besser wird. Denn erstmal muss die fremde Lolle in Bewegung gesetzt werden, durch allerlei seltsame Situationen, in die sie mal selbstverschuldet, mal fremdverschuldet hineinstolpert. Das ist nicht schlecht, und immer mal wieder blitzt hier das Besondere der Serie auf: die Verrücktheiten, die Lolle erlebt und die ihr Leben so rasant machen. Unterhaltsam - also in meinem Fall hier das Gegenteil von ärgerlich - wird es leider erst im letzten Drittel des 80-minütigen Films. Dann ist Lolle richtig in Fahrt und läuft, wie die alte Lolle, atemlos durch egal welche Landschaft. Ganz nach Lolle-Art mit absurden Verfolgern und Verfolgerinnen auf den Fersen. Und man spürt: Hier findet Lolle zu sich selbst und die Drehbuchautoren (der Serienschöpfer und Headautor David Safier und Ben Safier) wieder zu alter Serienstärke. Für Lolle-Fans wie mich bietet gerade dieses letzte Drittel mindestens ein Highlight, für das sich das Durchhalten dann doch lohnte. Aber das werde ich hier natürlich nicht verraten. 

Was sich im Laufe des Films leider nicht ändert: Die beiden Männerfiguren Hart (Matthias Klimsa) und Sven (Jan Sosniok), die in der Serie ein Eigenleben führen dürfen und Entwicklungen durchmachen, werden als pure Love-Interests behandelt ohne jegliche Eigenständigkeit. Sie sind nur dazu da, die Hauptfigur in bestimmte Richtungen zu treiben. Das ist schade und ebenfalls ärgerlich - das Potenzial dieser ausgearbeiteten, eingeführten Figuren wird nicht genutzt.

Klar, ich als Lolle-Fan gucke natürlich besonders genau, was der Film aus den Figuren und dem, was die Serie erschaffen hat, macht. Aber ein Großteil des Publikums wird aus Leuten bestehen, die die Serie früher geliebt oder zumindest sehr gerne geschaut haben - und viele von denen werden mindestens genauso kritisch schauen wie ich. 

Um sicherzugehen, dass ich die Serie nicht falsch in Erinnerung habe und nicht auch die Original-Lolle mittlerweile altbacken und schwerfällig wirkt, habe ich nach dem Film in die Serie mal wieder reingeschaut. Und ich war sofort drin - die fünf ersten Folgen haben sich weggeguckt wie nix. Ein großes Vergnügen, auch 18 Jahre nach Erstveröffentlichung. Eine Serie, die überraschend gut gealtert ist. Dabei ist mir erstens wieder aufgefallen, wie dicht die Serie erzählt ist - da passiert viel in jeder einzelnen Folge, trotz der Kürze von 24 Minuten, und die Folgen übergreifenden Handlungsbögen sind gut und rasant erzählt. Und zweitens, dass im Film sehr viele Anspielungen auf die ersten fünf Folgen gemacht werden - sowohl Ereignisse oder ganze Szenen, die sich ähnlich wiederholen, als auch subtilere Referenzen oder Sätze. Für meinen Geschmack sind es aber zu viele Anspielungen. Zumal eher kopiert als damit kreativ gespielt wird - und das wirkt zu einfallslos, als dass es Fanherzen wie meins höherschlagen lassen würde.

Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll, dass dieser Film nun da ist und auf seine Art einen Abschluss der Serie bildet. Er passt nicht zu dem, was die Serie und die Figuren ausgemacht hat. Das ist sehr schade. Vielleicht kann man das Ende und die Entwicklung der Hauptfigur darin aber auch so interpretieren, dass er im Grunde egal ist. Und gar nicht nötig gewesen wäre. Das ist wiederum tröstlich. Denn auch wenn es am Anfang so wirkt: Der Film beschädigt mein Lolle-Bild nicht. Sondern verlässt sie da, wo sie ungefähr schon mal war. Ja, ich glaube, damit kann ich am ehsten leben. Ich ignoriere den Film, wenn ich künftig Leuten von dieser ungewöhnlichen deutschen Vorabendserie vorschwärme. Oder ergänze beim Vorschwärmen noch den Hinweis: "Bloß nicht den Film gucken. Erstmal die ganze Serie. Und wenn du dann noch Lolle-Futter brauchst, notfalls den Film. Aber nicht zu viel erwarten." 

"Berlin, Berlin - der Film" ist wegen der Corona-Krise nicht im Kino gezeigt worden, sondern gleich bei Netflix gelandet. Die vier Staffeln von "Berlin, Berlin" gibt's auch bei Netflix.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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