© Robert Anders / Flickr (CC BY 2.0)
Meine Woche in Serie

Serien-Sachen, die es ohne Covid19 nicht gegeben hätte

 

Die Corona-Pandemie setzt der TV-Industrie weltweit zu. Unserer Kolumnistin Ulrike Klode sind dennoch Projekte aufgefallen, die nur in ungewöhnlichen Zeiten wie diesen entstehen konnten: beendete Serien leben kurz wieder auf, ganz neue entstehen, laufende werden auf andere Art ergänzt.

von Ulrike Klode
06.06.2020 - 09:48 Uhr

Die Pandemie hat auch für die Serienbranche Konsequenzen - vor allem negative. Drehs mussten unterbrochen werden und sind es in großen Teilen noch immer - einige Projekte wurden gleich ganz abgesagt. Viele, viele Menschen, die weltweit in der Serienindustrie in unterschiedlichen Bereichen arbeiten, wissen nicht, ob sie noch einen Job oder Aufträge haben werden, wenn die Covid19-Pandemie zu Ende ist. 

Gleichzeitig habe ich in den vergangenen Wochen einige interessante Serien-Sachen beobachtet, die nur entstanden sind, weil wir weltweit gerade in diesem Corona-bedingten Ausnahmezustand leben. Ein paar davon möchte ich heute in meiner Kolumne vorstellen.

Table Reads:
Table Reads ist der Ausdruck dafür, dass sich die Schauspieler und Schauspielerinnen einer Folge oder eines Films vor dem Dreh zusammenfinden und die Dialoge in Besetzung gemeinsam laut lesen. Unter normalen Umständen finden Table Reads meist an zusammengestellten Tischen statt - so dass jeder und jede jeden und jede sehen kann. Und normalerweise finden sie - wenn sie eine Vorbereitung für einen Dreh sind - unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, allerdings landen Ausschnitte von diesen Drehbuch-Lesungen immer mal wieder bei Youtube oder als Clips in Social Networks.
Da derzeit aber wenig normal ist, gab es ein paar öffentliche Table Reads - nicht an Tischen, sondern verteilt über viele Haushalte und Internetanschlüsse und via Internet zugänglich gemacht, zum Beispiel auf Youtube. 

Drei sind mir aufgefallen:
Der Cast der 90er-Jahre-Sitcom "The Nanny" hat sich Anfang April zusammengeschaltet und die allererste Folge der Serie gemeinsam vorgetragen. Für "The Nanny"-Fans und Fans der Hauptdarstellerin Fran Drescher ist es sicher ein großes Vergnügen, ich fand es witzig, die Darsteller und Darstellerinnen nach der langen Zeit wiederzusehen, habe aber nach ein paar Minuten ausgeschaltet: "The Nanny Episode 1: Pandemic Table Read #WithMe"

Der Cast der Sitcom "Community" hatte nicht nur Unterhaltung und Trost für Menschen in Isolation im Sinn, sondern hat seinen öffentlichen Table Read mit einem Spendenaufruf verbunden: "The Cast of Community Reunites for Table Read #stayhome #withme". Gemeinsam tragen sie Staffel 5, Episode 4 vor. Herrlichst! (Serienschöpfer Dan Harmon sitzt in seinem Schrank. Und in Staffel 5 war ja noch Donald Glover als Troy an Bord. Außerdem: ein Überraschungsgast, der als Mr. Stone einspringt. Und: der Sänger des Titelsongs ist zugeschaltet und spielt das Lied live ein.) Aber klar, genau wie der "Nanny"-Table-Read: nur was für Fans. (Für Fans gab's im Anschluss außerdem eine ausführliche Frage-Runde mit dem Cast.)

Lily Tomlin und Jane Fonda tragen mit ihren Co-Stars eine Folge aus "Grace and Frankie" vor - anders als bei "Community" und "The Nanny" handelt es sich aber um eine Episode, die bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Sie wurde Anfang des Jahres gedreht und ist Teil der siebten und letzten Staffel. Wann sie veröffentlicht werden soll, ist bisher nicht bekannt. Hier der Link zum Video: "Grace and Frankie Live Table Read".
Ich habe kurz reingeschaut, allerdings fehlen mir noch die Folgen von Staffel 6 - die ist im Januar veröffentlicht worden -, und ich möchte nicht gespoilert werden. Das Video ist also vor allem für diejenigen interessant, die bei "Grace and Frankie" auf dem aktuellen Stand sind. 

Extra-Folgen:
"Parks and Recreation", die Comedy um die optimistische, freundliche, anpackende, politikbegeisterte Behörden-Vize-Chefin Leslie Knope (Amy Poehler) von Mike Schur und Greg Daniels, ist 2015 zu Ende gegangen. Doch für eine Extra-Folge zu Pandemie-Zeiten hat sich Mike Schur wieder an die Tastatur gesetzt. Entstanden ist eine Episode, in der die wichtigsten Figuren der Serie ebenfalls in Isolation sind und - angetrieben natürlich von Leslie - miteinander skypen, um aufeinander aufzupassen. Aufeinander achten - diese Botschaft passt zur Hauptfigur und zur warmherzigen Tonalität der Serie. Und passt auch dazu, dass es sich um einen Spendenaufruf handelt. Es ist schön zu sehen, dass alle Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauptcasts mitgemacht haben.
Hach! Diese Folge ist was fürs Herz (sogar an Li'l Sebastian wurde gedacht!), aber richtet sich auch wieder vor allem an Fans der Serie. In den USA lief die Folge am 30. April im Sender NBC, sie ist nun auf der NBC-Website zu sehen. Sie ist allerdings nur von den USA aus abrufbar. Von Deutschland aus kann man die Folge auf der NBC-Website daher leider nur per VPN-Software sehen. Einzelne Clips daraus sind zusätzlich veröffentlicht worden, zum Beispiel "5000 Candles In The Wind" oder eine kurze Unterhaltung zwischen Leslie Knope und Ron Swanson (Nick Offerman). 

Extra-Serien:
Das ZDF hat mich in Sachen Serien überrascht. Und zwar damit, dass es innerhalb kurzer Zeit zwei Serien produzieren ließ, die das Leben in Corona-Isolation zum Thema haben. Anfang April ging "DRINNEN - Im Internet sind alle gleich" an den Start. Eine fünfzehnteilige Serie, in der Lavinia Wilson eine Frau spielt, die eigentlich ihr Leben umkrempeln wollte - Job kündigen, Mann verlassen -, nun aber durch die Pandemie gezwungen ist, auszuharren. Die Folgen sind zwischen acht bis zwölf Minuten lang und wurden nach und nach wochentags abends in der ZDF-Mediathek veröffentlicht. Die Idee stammt von Philipp Käßbohrer, Regie führte Lutz Heineking jr., die Drehbücher haben Max Bierhals, Tarkan Bagci, Giulia Becker und Patrick Stenzel geschrieben. 

Ende Mai wurde dann "Liebe. Jetzt!" in der ZDF-Mediathek veröffentlicht, kurz darauf auch auf ZDF Neo gesendet. Sechs voneinander unabhängige Geschichten über die Liebe in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Junge Liebe, alte Liebe, vergessene Liebe, Liebe zwischen Mann und Frau, Liebe zwischen Frau und Frau, Liebe zwischen Vater und Tochter - ganz unterschiedliche Arten von Liebe, betrachtet unter den besonderen Umständen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, von immer anderen Drehbuchautorinnen und -autoren geschrieben. Mir haben zwei Geschichten besonders gut gefallen: In der einen geht es um zwei Studierende, die sich per Videotelefonie abtasten - es ist diese erste Phase des Verliebtseins, in der man noch nicht richtig weiß, was man fühlt. In der anderen geht es um eine Tochter, die sich um ihren Vater kümmert, der auf Corona getestet wurde, und beide warten nun gemeinsam und doch getrennt in zwei Räumen auf das Ergebnis. Dass mich diese beiden Geschichten berührt haben, lag einerseits natürlich an den guten Drehbüchern, entscheidet war für mich aber die passende Besetzung. In „Ja, nein, vielleicht?“ - geschrieben von Luisa Hardenberg, Regie führte Tom Lass - sind es Lea Zoe Voss und Leonard Scheicher, in „Was sich liebt …“ - geschrieben von Annette Lober, Regie führte Pola Beck - sind es Nina Gummich und Bernhard Schütz, die die Figuren überzeugend gespielt haben.

Die sechs kurzen Geschichten sind im Grunde Kammerspiele, Ein- bis Drei-Personenstücke, die schnell geschrieben und abgenommen wurden und gemäß der Hygieneauflagen in den Wohnungen der Schauspieler und Schauspielerinnen und mit einer Minimalausstattung gedreht wurden. Denn genau wie "DRINNEN" wurde die Serie eben in einer Zeit gedreht, in der es Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen gab, die auf die Produktion enorme Auswirkungen hatten. Ein Beispiel: Nur im wahren Leben zusammenlebende Schauspielerpaare konnten für die Serie zusammenlebende Paare spielen - wie Jürgen Vogel und Natalia Belitski in der ersten Folge. Einen Einblick in die besonderen Produktionsbedingungen in Corona-Zeiten am Beispiel "DRINNEN" gibt das DWDL-Interview mit Lavinia Wilson.

Extra-Clips zu aktuellen Serien:
Beim Blick nach Großbritannien ist mir auch einiges aufgefallen. Da war zum Beispiel eine "Transmission" von "Doctor Who", ein Mini-Clip, in dem Jodie Whittaker in ihrer Rolle und in ihrem Kostüm als 13. Doktor der BBC-Serie Überlebenstipps für die Selbst-Isolation gibt. Zusätzlich gibt's auf der offiziellen "Doctor Who"-Website unter der Überschrift "Staying in the TARDIS" weitere Tipps, Aufgaben und Anregungen für die Zeit des Zuhausebleibens. 

Wie sich wohl die Hauptfiguren aus "Good Omens" in der Isolationszeit fühlen? Auf diese Frage gibt es eine Antwort: ein kleines zusätzlich produziertes Video "Good Omens: Lockdown" zur BBC-Amazon-Adaption des Gaiman-Pratchett-Romans, in dem sich Aziraphale (Michael Sheen) und Crowley (David Tennant) darüber austauschen, wie es ihnen geht. Irgendwie beruhigend, dass selbst ein Engel und ein Dämon unter dem Corona-Ausnahmezustand leiden. Geschrieben wurde das Drehbuch für den Clip übrigens von Neil Gaiman selbst.

Ein weiteres BBC-Angebot, auf das ich aufmerksam geworden bin: "Culture in Quarantine". Hier hat die BBC ganz unterschiedliche kulturelle Projekte zusammengefasst, die unter den besonderen Covid19-Bedingungen entstanden sind. Eins davon ist "Scenes for Survival" in Zusammenarbeit mit dem National Theatre of Scotland: Kurzfilme von und mit schottischen Künstlerinnen und Künstlern, um Geld für all diejenigen Theaterschaffenden zu sammeln, die wegen der Pandemie-Vorkehrungen kein Einkommen haben und um ihre Existenz fürchten. Acht Filme sind bereits veröffentlicht, weitere sollen folgen. Darauf gestoßen bin ich, als der schottische Krimiautor Ian Rankin sein eigenes Werk aus der Reihe twitterte: Er hat dafür eine Kurzgeschichte um seinen bekannten Ermittler John Rebus geschrieben, der gealterte Ex-Detective wird gespielt von Brian Cox. "John Rebus: The Lockdown Blues" heißt der Kurzfilm. Der Schotte Brian Cox - bekannt als Shakespeare-Darsteller und außerhalb Großbritanniens zuletzt als unbarmherziger Medienmogul in der HBO-Serie "Succession" -, zum ersten Mal in der Rebus-Rolle, zeigt einen erschöpften, von der Corona-Situation überforderten John Rebus. Ich fremdelte in der ersten Minute mit Cox als Rebus, weil ich mir beim Lesen der Krimis den DI immer anders vorgestellt hatte. Aber Cox verleiht dem Corona-Rebus etwas Besonderes, etwas Verzweifeltes, etwas Zerbrechliches, das ich bisher nie in der Figur gesehen hatte. Das hat etwas - und wird meine künftige Lesart von John Rebus verändern.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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