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Seine Woche in Serie

Netflix, "Jeffrey Epstein" und ein mulmiges Gefühl

 

Dass das True-Crime-Genre durch Netflix einen zweiten Frühling erlebt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Nun wagt sich der Streamingdienst an den Fall Jeffrey Epstein. Gelungen ist das leider nicht, weil stets nur eine Seite beleuchtet wird.

von Kevin Hennings
20.06.2020 - 11:13 Uhr

Sind Sie schon über die neue Netflix-Dokumentation "Jeffrey Epstein: Stinkreich" gestolpert? Zumindest über Epstein selbst könnten Sie schon einmal etwas gelesen haben. Nachdem er in New York ohne jeglichen Abschluss an der Upper East Side Physik und Mathematik unterrichtet hat, wechselte er an die Wall Street und startete dort seine Karriere als Investmentbanker - inklusive der Betreuung von Kunden wie Donald Trump. Später, in den 80ern, gründete er seine eigene Vermögensverwaltung. Nun lag der Fokus auf Milliardären. Milliardäre, die teilweise auch privat Zeit mit ihm verbrachten. Mit einem Mann, der dutzende minderjährige Mädchen missbraucht hat. Im vergangenen Jahr wurde Epstein verurteilt. Jetzt folgt also eine Dokumentation über ihn und die schrecklichen Taten, mit denen er traumatische Krater in zahlreiche Leben gerissen hat.

Doch fühlt es sich nicht ein Stück weit verrückt an, in einer Zeit zu leben, in der 226 Minuten lang im Stile einer Gerichtsshow ein Mann an den Pranger gestellt wird und unzählige Zeuginnen davon berichten, wie sie vergewaltigt wurden? Bereits bei der Michael-Jackson-Doku "Leaving Neverland" hatte man dieses mulmige Gefühl als Zuschauer, in einem Gerichtssaal zu sitzen, in dem ausschließlich der anklagende Anwalt auf und ab stolziert und für "Schuldig!" plädiert. Obwohl die Geschichten von Michael Jackson und Jeffrey Epstein deutliche Unterschiede in sich tragen – nicht nur, weil Jackson nie verurteilt wurde – gibt es doch eine nicht unwesentliche Parallele, die das jeweilige Spektakel noch etwas komplizierter macht: Beide sind tot. Jackson starb durch die Einnahme eines Narkosemittels, Epstein wurde nur einen Monat nach seiner Inhaftnahme leblos in seiner Zelle gefunden. Die offizielle Obduktion der New Yorker Gerichtsmedizin urteilt: Suizid.

Und dann sind da auch noch die bisweilen absurden Verschwörungstheorien, die in beiden Fällen losgetreten wurden. Sie werden von Netflix im Fall Epstein ausführlich besprochen, ja sogar befeuert. Das ist auch deshalb problematisch, weil die Ermittlungen um Epsteins ekelhafte Machenschaften noch lange nicht vorbei sind. So entsteht der Eindruck, dass es Netflix in erster Linie darum geht, den Zeitpunkt der medial höchsten Aufmerksamkeit nicht verpassen zu wollen.

"Jeffrey Epstein: Stinkreich" ist keine gute Dokumentation, sondern ein Gafferparadies. Es sind 226 Minuten, in denen der Zuschauer Teil eines Autounfalls sein kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Epstein wurde verurteilt und auch ich halte ihn für ein Monster. Doch die journalistische Herangehensweise ist es, die Fragen aufwirft und ein ungutes Gefühl hinterlässt. Netflix hat es sich hier deutlich zu einfach gemacht. 

Diese Dokumentation und auch viele andere dieser Art finden dennoch ein großes Publikum. Das soll kein erhobener Fingerzeig sein, der die vermeintlich dumme Zuschauerschaft belehrt. Auch ich habe mir eine weitere Folge der Doku angeschaut, als ich gelesen habe, dass es in der dritten Episode um die "Tortur auf der privaten Insel" ging. So etwas triggert. Neugier ist eiskalt. Doch gerade deswegen sollte man sich auch fragen, warum Epstein als das einzig wahre Böse inszeniert wird, wodurch andere, noch lebende Prominente, die im Zusammenhang mit dem Fall stehen, indirekt geschützt werden.

Schweigen sorgte bereits dafür, dass Harvey Weinstein noch jahrelang Frauen missbrauchen konnte. In einer Zeit, in der Medien wie es sonst esser passt.

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