© AMC
Seine Woche in Serie

Eine Rückkehr zu "Breaking Bad": Das Skyler-White-Phänomen

 

"Die Serie müsste man eigentlich nochmal ansehen". Diesen Gedanken hat man häufig, setzt ihn aber fast nie in die Tat um. Bei "Breaking Bad" hat unser Serien-Kolumnist Kevin Hennings nun eine Ausnahme gemacht. Das hat sich vor allem wegen Skyler White gelohnt.

von Kevin Hennings
27.06.2020 - 09:55 Uhr

In einer Ära des medialen Überflusses wächst die Watchlist von Filmen und Serien immer extremer an, sodass ein lächerliches Menschenleben schon gar nicht mehr dafür auszureichen scheint, alle "Must-Sees" abzugrasen, ohne seinem sozialen Umfeld auf unbestimmte Zeit den Rücken zu kehren. Im täglichen Rhythmus veröffentlichen Netflix, Amazon & Co. zig weitere 480-Minüter und verlassen sich darauf, dass sich genügend Leute fesseln lassen, die auch nächstes Jahr einschalten, um bei der zweiten Staffel einen weiteren Sonntag ihres Leben wegzubingen. Als ob das nicht genug der First-World-Problems wären, gibt es dann auch noch Serien, die so konzipiert wurden, dass man sie ohne lange zu überlegen noch ein zweites Mal schauen könnte. Meisterwerke, die in ihrer Perfektion das Sahnehäubchen der absoluten Bildschirmüberlastung darstellen. Welche Serie schießt euch bei dieser Beschreibung sofort in den Kopf?

Ich habe Freunden und Bekannten einige Serien empfohlen, bei denen ich immer das Gefühl hatte, sie würden auch mir bei einem Re-Watch gefallen. "Lost", "Game of Thrones" oder "Sopranos". Produktionen, die ich bedingungslos empfehlen würde, bei denen die Liebe aber dennoch nie soweit ging, dass ich sie ein weiteres Mal geschaut habe. Ein anderer Klassiker hat es nun geschafft: Vince Gilligans "Breaking Bad". Kein Geheimtipp, aber doch eine Serie, die jeder Fan mindestens zwei Mal geschaut haben sollte. Ja, sollte. Der Writers Room um Gilligan hat ein Universum geschaffen, das bei einem einzigen Durchlauf kaum erfasst werden kann. Bei mir gab es einen Anlass. Und wie ich jetzt weiß einen sehr guten Grund, warum sich das gelohnt hat: "Better Call Saul" und Skyler White.

Fangen wir mit dem Anlass an, dem Spin-off von "Breaking Bad". Schon lange bevor Heisenberg die Bühne betrat, praktizierte Jimmy McGill unter dem Synonym Saul Goodman als Anwalt, der sich nach einem turbulenten Start  ins Justizsystem dazu entschieden hat, auch der fragwürdigsten Sorte Mensch unter die Arme zu helfen. "Better Call Saul" wird 2021 nach sechs Staffeln beendet und hat bereits jetzt bewiesen, wie stark ein Ableger aus dem Schatten seines Originals treten kann. Das ebenfalls von Gilligan und Peter Gould produzierte Drama inszeniert sich in den ersten Staffeln beinahe komplett losgelöst von nostalgischen Referenzen, ehe die Serie mit den voranschreitenden Episoden immer mehr das Spektakel wird, in das sich auch "Breaking Bad" verwandelte. Beide Produktionen eint ein wunderbarer, einnehmender Schreibstil, der anfangs vereinzelt und später mit deutlich mehr ebenbürtiger Action vereint wird.

Wer das Créme-de-la-Créme-Finale der fünften Staffel von "Better Call Saul" gesehen hat, kann also nachvollziehen, warum die Wartezeit auf die letzte Staffel plötzlich mit einem Re-Watch der 2008 gestarteten Mutter-Serie gefüllt werden möchte. Gesagt, getan: Doch trotz der freigesetzten Endorphine, die Saul Goodman einmal mehr im Serienfan ausgelöst hat, muss der Zuschauer neben Walter Whites unvergleichlichem Karriereverlauf dann ja leider auch nochmal seine Frau Skyler ertragen. So zumindest mein erster Gedanke.

Skyler White hatte einst dafür gesorgt, dass ich "Breaking Bad" nach der ersten Staffel abgebrochen habe. Sie war ein schrecklicher Charakter, der stets den Flow der Serie gestört hat. Erst als ich erfahren habe, dass sie in den darauffolgenden Staffeln weniger Screentime bekommt, habe ich mich dazu durchgerungen, weiterzuschauen.

Jetzt liebe ich Skyler White. Und der Grund dafür ist mit die Hauptursache, warum "Breaking Bad" nun auch für mich von hinten bis vorne eine der best-inszenierten und best-geschriebenen Serien aller Zeiten bleibt.

Breaking Bad, Skyler White

Als ich die Serie 2008 zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich es nicht fassen, welche Wege ein sterbender Chemielehrer einschlägt, um seine Familie auch nach seinem Tod in Sicherheit zu wissen. Obwohl seine Lunge in jeder Episode immer mehr zu kollabieren scheint, schuftete er sich Tag für Tag zu dem absurden Kontostand, der nötig ist, um horrende Krankenhausrechnungen, die Hypothek und das Wohl seiner Familie zu finanzieren. Skyler war immer der Stein in Walters Schuh, der ihn davon abhält, das zu tun, was nötig schien.

Wenige Staffeln später weiß jeder, dass der Anfangsschein trog. Walt wird zu Heisenberg und damit zu einer Figur, der es nur in den ersten Momenten um die Familie gegangen ist. Dann hat er Blut geleckt und erfahren, wie es ist, Macht zu haben. Macht über unzählige Schicksale und das Drehbuch, das einst sein vorherbestimmtes Leben war.

Zwölf Jahre, nachdem ich die erste Staffel zum ersten Mal gesehen habe, sehe ich sie jetzt wieder und kann es nicht fassen, was für eine liebevolle, eloquente und starke Frau Walt an seiner Seite hatte. Zur Erinnerung: Sie ist eine hochschwangere Frau, deren Mann gerade eine Chemotherapie anfangen muss, weil er Lungenkrebs hat. Dazu sitzt ein gelähmter Sohn zu Hause und nervt die ganze Zeit, weil er nicht die richtigen Cornflakes bekommt. Ihre Schwester ist eine Kleptomanin, die sie durchweg belügt. Ach, und dass es plötzlich finanzielle Entlastung gibt, erfährt sie auch erst deutlich später, nachdem sie sich irrgläubig tausendfach bei den vermeintlichen Rettern bedankt. Skyler White ist ein verdammter Engel und Anna Gunn eine hervorragende Schauspielerin, was ich vollkommen aus den Augen verlor, als ich "Breaking Bad" zum ersten Mal sah. Zumindest ich genoss die Heisenberg-Show, wollte lediglich ihn, seinen Wahnsinn und das Imperium sehen, dass er sich langsam aus blauen Meth aufbaut.

Nun habe ich im Hinterkopf, dass er alle seine Mitmenschen ins Verderben reißt. Vince Gilligan hat es dennoch so gekonnt geschafft, mich mit dem Bösewicht mitfiebern zu lassen, dass ich beim Re-Watch von mir selbst erschrocken war. Statt der einzigen Person Sympathien zu schenken, die Walt davor hätte bewahren können, "bad zu breaken", habe ich im Spiegel einen sensationsgeilen Gaffers erblicken müssen. Das Schönste: "Breaking Bad" liefert auch dann noch verdammt viel Unterhaltung, wenn man plötzlich rationaler denkt. Vince Gilligan beweist damit, dass Geschichten aus gänzlich unterschiedlichen Gründen Spaß machen können und liefert mit "Breaking Bad" eine Blaupause für geniales Schreiben. Danke dafür und danke für Skyler White. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen