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Seine Woche in Serie

Dort, wo die Liebe zum Film geboren wurde: "Hollywood"

 

Dann, wenn sich der Nostalgie-Trend auf dem Höhepunkt seines Daseins befindet, kommt Netflix um die Ecke und setzt noch einen drauf. "Hollywood" ist eine pure Hommage an vergangene Tage, die unseren Medienkonsum bis heute prägen.

von Kevin Hennings
04.07.2020 - 10:28 Uhr

Wir reisen zurück in eine Zeit, in der Wörter wie "Authentizität", "Selbstinszenierung" oder "Nostalgie" noch nicht zu ausgelutschten Phrasen verkommen sind. Eine Zeit, in der sofort klar ist, was jemand meint, wenn er sagt, dass Billy Wilder den Hut aufhat, während er "Ich küsse Ihre Hand, Madame" kurbelt. Eine Zeit, an einem bestimmten Ort: Hollywood in den 40er-Jahren. Die Zeit, in der Visionen begonnen haben zu lernen, wie man läuft und sich vor die Leinwandkulisse zu bequemen, während das Zelluloid sie in sich einbrennt und den damit verbundene Einfluss bis in die späten 2000er-Jahre trägt. Denn so höhnisch die Traumfabrik für seine Repetitivität mancherorts beäugt werden mag – Hollywood ist der Grund dafür, weshalb wir heutzutage solch fantastische Unterhaltung genießen können. Die Art Unterhaltung, die Ryan Murphy und Ian Brennan in der neuen Netflix-Serie "Hollywood" so zur Geltung bringen, dass die Anfänge des Filmgeschäfts plötzlich ganz nah greifbar sind.

 

Stummfilmfans möchten mich wahrscheinlich bereits an dieser Stelle steinigen, wurden die ersten Filmproduktionen doch schon im 18. Jahrhundert vorgeführt. Diese Ära, so immens wichtig sie auch für die Branche war, hat den Film jedoch noch nicht in seiner Vollkommenheit aufblühen lassen. Die Träume von Filmemachern wie D.W. Griffith bis Sergej Eisenstein konnten mit den damals verfügbaren technischen Mitteln die ersten Krabbeleinheiten meistern, ehe 1927 mit "The Jazz Singer" der Durchbruch des Tonfilms gelang. Doch so richtig rund ging es erst nach dem Zweiten Weltkrieg: Film- und Fernsehstudios sprangen aus dem Boden und buhlten plötzlich um Darsteller, Regisseure und Produzenten, die zu den ersten, richtigen Stars der Branche heranwuchsen.

In Hollywood wurde ein Lebensgefühl geboren, das in "Hollywood" wunderschön rekonstruiert wird: Von den naiven Annahmen mancher Möchtegernschauspieler, innerhalb weniger Wochen zum VIP ernannt zu werden, über den damaligen Rassismus, der stellenweise mit derbem Humor weggespielt wurde, bis hin zu Frauenrollen, die in ihrer Stärke einmal mehr beweisen, dass Diskriminierung seit Anbeginn der Zeit vor allem deswegen herrscht, weil der Mann Angst vor so viel Power hat.

Ach, beinahe hätte ich Sex vergessen. Während viele Produktionen eine Extraprise Sex einbauen, damit der voyeuristische Zuschauer noch etwas geneigter ist, einzuschalten, ist die schönste Nebentätigkeit der Welt hier ein waschechtes Stilmittel. Murphy zeigt schonungslos, dass Sex ein goldenes Eintrittsticket in das Wunderland von Los Angeles war. Gerade in Hinsicht auf den #metoo-Skandal und Harvey Weinstein jahrelanger Machtausnutzung gegenüber jungen Schauspielerinnen erklärt "Hollywood" mit feinfühliger Feder, dass es wohl zu keinem Zeitpunkt anders gewesen ist.

Wir sprechen hier jedoch von keiner Anklage gegen ein ganze Branche, sondern von einem akupunkturesken Zustechen in die schmerzhaften Wunden aller, die das Geschäft so verrucht werden ließen. Es ist schier verrückt, wie gut der "American Horror Story"-Ideengeber seine Balance gehalten hat, um diesen Liebesbrief von Serie nicht aalglatt wirken zu lassen, sondern so, dass sich die Kritik harmonisch am feuchten Traum eines jeden Filmfans anschmiegt.

"Wenn Du das Kino wirklich von ganzem Herzen und mit Deiner ganzen Leidenschaft liebst, kannst Du gar nicht anders, als einen guten Film zu machen", sagte einst Quentin Tarantino. Ryan Murphy beweist mit "Hollywood", dass das auch für Serien gilt. Die Folgen vergehen wie im Flug und schüren eine gewisse Aufregung im Zuschauer, selbst wenn dieser kein Insider-Kenner der Lichtspielhäuser der 40er-Jahre ist. Wenn Sie ein Fan sein sollten – etwa von Luise Rainer, die als einige der wenigen deutschen Frauen jemals einen Oscar gewinnen konnte, oder von Marlon Brando, der in der Hauptfigur Jack Castello teilweise neugeboren wird – können Sie zahlreiche, echte historische Snacks frühstücken, wenn Sie sich nicht schon an den detaillierten Kulissen und Kostümen satt gesehen haben. Das technische Können hinter "Hollywood" wird jedoch erst dann deutlich, wenn die Kostüme ausgezogen werden und sich die Kameras inmitten all der nackten Körper verliert. Tatsächlich wird vor allem gezeigt, wie viele schwule Männer sich bereits damals ausgelebt haben. Anders ist die Szene, in der Sie als Zuschauer wortwörtlich in einem Meer von Penissen schwimmen, nicht zu erklären.

Für ein Projekt bin ich momentan dabei, alle Filme anzuschauen, die jemals als "bester Film" bei den Oscars ausgezeichnet wurden. Während der Sichtungen dieser klassischen Produktionen kommt mir oft der Gedanke, dass es besser gegangen wäre. Dabei darf aber nie vergessen werden, dass das Hollywood der damaligen Zeit noch weit entfernt war von dem unverkennbaren Status, den es heute hat. "Hollywood" ist wie ein Fenster in eine optimistische, aber ungeschönte Zeit, in der Künstler und Geschäftsleute die Grundpfeiler für nachfolgende Generationen aufbauen mussten, damit wir heute mit hochnäsiger Kritikereinstellung über zig andere Werken urteilen können. Treten Sie also ein, in Ryan Murphys Wunderland der Nostalgie.

Die komplette erste Staffel von "Hollywood" steht bei Netflix zum Streaming zur Verfügung.

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