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Seine Woche in Serie

Die "Simpsons"-Folge, die mir am meisten am Herzen liegt

 

Obwohl die "Simpsons" nun schon 30 Jahre lang Geschichte schreiben, wurde der Höhepunkt für unseren Kolumnisten Kevin Hennings bereits 1990 erreicht. In der Episode "Der Musterschüler" zeigt Bart, wie das Leben manchmal eben läuft.

von Kevin Hennings
18.07.2020 - 10:06 Uhr

Wissen Sie, welcher bisher der beste Tag Ihres Lebens war? Vermutlich müssten Sie lange nachdenken und könnten sich trotzdem nur schwer entscheiden. "Welche ist deine absolute Lieblingsfolge von den 'Simpsons'?" ist im Grunde genommen ebenfalls solch eine Frage, nur dass mir hier sofort eine Antwort in den Kopf schießt. Wenn ich so darüber nachdenke, klingt das irgendwie anmaßend. 684 Episoden und für mich gibt es einen klaren Favoriten? Knapp 170 Stunden am Stück Fernsehgeschichte und ich weiß exakt, welche 24 Minuten mir davon am meisten bedeuten? Das Absurde: Es ist bei weitem nicht die witzigste Folge der "Simpsons". Es wäre aber stets die Folge, die ich empfehlen würde, wenn man sonst keine andere anschauen dürfte. Die Rede ist von der 30 Jahre alten Episode "Der Musterschüler" (OT: "Bart gets an 'F'"), die die zweite Staffel einläutet. Bart scheitert hier an der Buchpräsentation von "Treasure Island" und all seinen Geschichtstests, weshalb er kurz davor steht, sich selbst aufzugeben.

Eine finale Klassenarbeit soll im Laufe der Geschichte darüber entscheiden, ob Bart sitzen bleibt und das 4. Schuljahr wiederholen muss. Der Klassenclown, der stets darum bemüht war, anzuecken und anderen sein Selbstbewusstsein unter die Nase zu reiben, sitzt plötzlich mit zusammengefalteten Händen über dem Kopf am Schreibtisch und ist sich bewusst, dass sein Leben nicht so funny weitergeht, wenn er diesen Test verhaut. Von einer Ablenkung zur nächsten Prokrastination rattert die Uhr unermüdlich gen D-Day. Am Abend vor der Klausur merkt er, dass er es einfach nicht hinbekommt, mehr Zeit braucht. Die Hände wandern also vom Kopf ans Kinn, während er Gott um Hilfe bittet.

"Beten ist die letzte Hoffnung des Schurken", beobachtet Lisa ihren Bruder und katapultiert mir dabei Ausschnitte meiner Vergangenheit vors innere Auge, die mir zeigen, dass das eine der vollkommensten Aussagen ist, die ich je gehört habe. Für Gläubige sieht das wahrscheinlich anders aus, aber für mich als Atheisten, der Schule ebenso wie Bart als lästiges Hobby wahrgenommen hat, war der Anruf nach oben immer der Strohhalmgriff, den ich kurz darauf schon gar nicht mehr zugegeben hätte.

Da wir uns in einer fiktionalen Erzählung befinden geht Barts Wunsch in Erfüllung - Springfield wird derart eingeschneit, dass die Schule geschlossen bleibt. Anstatt draußen einer legendären Schneeballschlacht zu frönen, sitzt Bart mit hängendem Kopf über dem Geschichtsbuch und büffelt die amerikanische Geschichte des 17. Jahrhunderts. Das hat er zum ersten Mal in seinem Leben gemacht und obgleich seiner anfänglichen Einstellung, dass das doch eh alles nichts bringt und er sich das sowieso nicht merken kann, realisiert er am nächsten Morgen auf der Hinfahrt zur Schule, dass doch etwas hängen geblieben ist. Zum ersten Mal geht er mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein nicht in seinen nächsten Streich, sondern in eine wichtige Klausur.

Klingt nach keiner beeindruckenden Storyline, oder? Ein dummer Junge erkennt den Wert des Lernsystems und besteht plötzlich eine Klassenarbeit, die ihm vorher unmöglich erschien, alle sind stolz. Doch Matt Groening, Hauptautor David M. Stern und Regisseur David Silverman haben diese Prämisse genommen und etwas einzigartiges, inspirierendes und schlicht wichtiges mit dieser Folge gemacht. Bart besteht den entscheidenden Test nämlich nicht. Trotz seines Aufraufens schafft er nur 68 von 100 Punkten, statt der erforderlichen 70. Eine einzige richtige Antwort mehr hat gefehlt, um zum Ziel zu kommen.

Was dann passiert, hat mich stark geprägt. Bart bricht zusammen und fängt an zu weinen, sich einen Versager zu nennen. Warum zur Hölle man solch eine Tortur auf sich nimmt, wenn es am Ende eh nichts bringt, fragt er sich. Egal wie sehr er sich anstrengt, er würde wohl für immer eine Enttäuschung bleiben. 

In seiner Selbstgeißelung erwähnt er plötzlich eine Referenz zu George Washington, was Mrs. Krabappel, seine Lehrerin, in höchstes Erstaunen versetzt. Es gibt einen Extrapunkt und er besteht die 4. Klasse. Bart rastet daraufhin komplett aus, verkündet in ganz Springfield seine finale Punktzahl und ist so stolz auf sich, dass sich sein Einsatz wirklich ausgezahlt hat. Damit haben wir also doch das Happy End, das ich vorhin kurz erwähnt hatte. Doch dieser Moment, den Stern zwischen Bart und Mrs. Krabappel zusätzlich eingefügt hat, ist in seiner Aussage so immens wichtig, dass alleine dadurch die komplette Folge an Heldenstatus gewinnt. 

Die wenigen Sekunden, die Bart vollkommen aufgelöst vor ihr sitzt und in denen er plötzlich beweist, dass er doch etwas kann, zeigen so viele Probleme und Lebensweisheiten auf. Etwa, dass Schulen nur spezifisches Wissen testen, in der Vorbereitung aber stets von ihren Schülern verlangen, dass sie ganz viele verschiedene Fakten lernen. Etwa, dass man manchmal einfach scheitert, egal wie hart man für den Erfolg arbeitet. Das Wichtigste ist aber wohl, dass uns "Der Musterschüler" zeigt, wie wichtig es ist, seine eigenen Erfolge zu zelebrieren - egal wie klein sie sind. Und wie wichtig es ist, uns gegenüber Menschen zu haben, die auf diese Durchbrüche hinweisen.

Ich habe diese Folge erst vor kurzem wieder gesehen und sie hatte den gleichen, positiven Effekt, wie sie ihn schon vor 20 Jahren auf mich hatte. "Die Simpsons" haben hier ein inspirierendes Stück Fernsehgeschichte geschaffen und damit bewiesen, dass Unterhaltungsformate sehr wohl gesellschaftliche Relevanz haben. Nie wurde mir vorher derart bewusst, dass das Leben auch negativ verlaufen kann. Als Kind wurde ich zu sehr davon abgeschottet. Doch hier hat sich in meinem Kopf verfestigt, dass es auch okay ist, trotz aller Anstrengung mal nicht zu gewinnen. Denn irgendetwas gewinnt man trotzdem, immer. 

Jene Folge, sowie die restlichen Episoden der "Simpsons" können bei Disney+ gestreamt werden. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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