Ein kraftvoller, ausdrucksstarker Fluch zur richtigen Zeit kann befreiend wirken - auf jeden Fall für die Person, die "Was für eine verkackte Scheiße!" in den Raum ruft, aber je nach Situation auch manchmal für die Personen um die fluchende herum. Allerdings kann es passieren, dass sich dieses Gefühl der Befreiung abnutzt, wenn zu oft geflucht wird. Wenn jedes noch so kleine Missgeschick, jedes noch so kleine Hindernis, jedes noch so kleine Ärgernis mit "Was für eine verkackte Scheiße!" bedacht wird, könnte es Tage geben, an denen man aus dem Fluchen nicht mehr herauskommt.

Ein Beispiel: eine Person, die man schon seit einigen Jahren kennt, in denen sie beherrscht, fast vornehm auftrat, wohlformulierte und bedachte Sätze sagte und in fast allen Situationen Herrin der eigenen Gefühle zu sein schien. Wenn nun diese Person plötzlich ein kräftiges "FUUUCK!" schreit, dann verändert das einiges. Es verändert das Bild, das man von dieser Person hat. Und es macht klar: Hier ist jetzt was richtig Schlimmes passiert, sonst hätte diese Person niemals geflucht. 

Die Person, die ich in diesem Beispiel im Kopf hatte, ist kein echter Mensch, sondern eine Serienfigur: Diane Lockhart (Christine Baranski). In der Anwaltsserie "The Good Wife" war sie sieben Staffeln lang eine wichtige Nebenfigur, im Spin-Off "The Good Fight" ist sie nun seit vier Staffeln die Hauptfigur. In der ersten Serie verhielt sie sich wie oben beschrieben: Selbst in höchst schwierigen Situationen, in denen für sie viel auf dem Spiel stand, blieb sie beherrscht und bedacht, obwohl ihre Wut zu spüren war. In "The Good Fight" dagegen: Gleich in der ersten Hälfte der ersten Folge ist es zu hören, das wütende, verzweifelte und zugleich erlösende "FUUUCK" - aus dem Mund einer Figur, die doch immer ihre Gefühle im Griff zu haben schien. Und sofort ist klar: So schlimm war es nie. Diane Lockhart schreit es in einer Situation heraus, in der sie vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Sie - eine erfolgreiche, wohlhabende Anwältin jenseits der 60, die nun ihren Lebensabend in einem Häuschen in der Provence verbringen will - hat all ihr Geld verloren. Au revoir Provence, bye Ruhestand. Ihre Kanzlei hat sie verkauft, dorthin zurück kann sie nicht. Sie muss neu anfangen. Mit über 60. Wann, wenn nicht dann ist ein solches "FUUUCK" angebracht? 

Sie kann es allerdings nur sagen, weil die Spin-off-Serie nicht im selben Sender zu sehen ist wie die Vorgängerserie: "The Good Wife" lief im frei empfangbaren US-Sender CBS, "The Good Fight" dagegen ist beim Streamingportal CBS All Access zu sehen. In ersterem darf das F-Wort gar nicht verwendet werden, in zweiterem schon. Denn für amerikanische Fernsehsender gibt es Fluch-Vorschriften. Die US-Medien-Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission vergibt nicht nur Sende-Lizenzen, sondern wacht auch darüber, dass die Fluch-Regeln eingehalten werden: Bei frei-empfangbaren Sendern wie CBS, NBC oder ABC dürfen Schimpfwörter wie Fuck oder auch Shit so gut wie gar nicht benutzt werden, weniger ausdrucksstarke Flüche dagegen sind ok. Herrlich umgangen wird dieses Problem zum Beispiel in der NBC-Comedy "The Good Place", in der die Hauptfigur Eleanor Shellstrop (Kristen Bell) versucht, echte Flüche zu sagen, die aber - weil sie sich vermeintlich im Himmel befindet - schon beim Aussprechen verwandelt werden. Aus ihrem Mund kommt also "Fork!" oder "Forking Shirtballs!" oder "Son of a Bench!".
Bei Kabelsendern wie HBO oder Showtime und Streamingplattformen wie Netflix oder eben CBS All Access dagegen sind diese Wörter erlaubt. Und das wird auch eifrig genutzt - ein besonders schönes Beispiel ist eine Szene in der ersten Staffel von "The Wire" von 2002, in der die Hauptfigur James McNulty (Dominic West) und sein Ermittlungspartner William "The Bunk" Moreland (Wendell Pierce) beim Untersuchen eines Tatorts vier Minuten nichts anderes sagen als "Fuck" oder Variationen davon. "Fuckity fuck fuck fuck" heißt die Szene passenderweise. (Ich habe 2015 in dieser Kolumne darüber geschrieben.) 

Für Diane Lockhart ist der Wechsel vom frei-empfangbaren Sender zur Streamingplattform ein Glücksfall: Die Figur gewinnt dadurch ungemein. Es ist ja nicht nur all ihr Geld, das sie in der ersten Folge verliert. Sondern sie verliert nach und nach auch den Glauben an die amerikanische Gesellschaft. Diane - Anhängerin von Hillary Clinton, Feministin - kann es nicht verstehen, dass Donald Trump gewählt wurde. Im Laufe der vier bisher veröffentlichten Staffeln sehen wir, wie die vormals beherrschte Diane verzweifelt gegen den Wahnsinn ankämpft, der sie umgibt. Denn dass Trump im Weißen Haus sitzt, verändert für Diane alles: ihr Leben, ihren Beruf, ihr Selbstverständnis. Selbst ihre Überzeugungen verändert es, denn sie nimmt den Kampf auf mit Mitteln, die sie für sich vorher nie für möglich gehalten hätte. 

Natürlich hätte man diese Figurenentwicklung auch erzählen können, ohne dass Diane flucht. Aber dann dieselbe direkte, emotionsgeladene Wirkung mit nur einem Wort zu erzielen? Eigentlich unmöglich. Dieses kleine Wort erzählt ja so viel mehr. Ohne dieses Wort hätte es mehrerer Sätze und zusätzlicher Szenen bedurft, um klar zu machen, dass Diane nun eine andere ist. Dass dieses Ereignis und die politischen Umstände nicht nur alles um sie herum, sondern auch sie als Person verändert haben. Immer beherrscht - das war früher. Einmal für sich entdeckt, bleibt sie dabei: Sie flucht. Obwohl sie nach den vielen Jahren des Nicht-Fluchens einiges nachzuholen hätte, setzt sie die Flüche sehr wohldosiert ein. Denn natürlich hat sie nicht einfach ihre gesamte bisherige Persönlichkeit aufgegeben. Sie tritt weiterhin als die elegante, beherrschte, erfahrene Anwältin auf, die sich gewählt ausdrückt und ausgewählt kleidet. Umso stärker wirkt es dann, wenn sie flucht oder auf andere Art aus sich herausgeht, auf andere Art ihre Wut loswird. Nicht auf mich als Zuschauerin, ich kenne diese Seite nun von ihr (und freue mich natürlich jedes Mal wieder). Sondern auf die anderen Figuren, in deren Gegenwart sie flucht. Was in Staffel 1 begann und nie wirklich thematisiert wurde, wird dann Staffel 4, Episode 3 zwischen den Zeilen erklärt, und zwar in folgendem Dialog: 

Diane Lockhart: "Julius, are you fucking serious?!"
Richter Julius Cain: "Don't swear in my chambers!"
Diane Lockhart: "You know what, I never used to swear. Ever. But now I find it useful. People look at me and think, I would never swear. So when I say this is fucking nuts it has added meaning and this is motherfucking nuts."

(Die auf Deutsch synchronisierte Variante:
Diane Lockhart: "Julius, verarschen Sie mich oder was?"
Richter Julius Cain: "Keine Vulgärausdrücke im Richterzimmer!"
Diane Lockhart: "Wissen Sie, ich fluche eigentlich nie, grundsätzlich. Aber jetzt finde ich es sinnvoll. Mir eilt der Ruf voraus, ich würde nie fluchen, wenn ich also sage, das ist reinste Verarsche, dann ist das noch milde ausgedrückt für verfluchte verfickte Verarsche!")

Das Fluchen, es tut gut. Ganz wie im echten Leben. 

Die bisher veröffentlichten vier Staffel von "The Good Fight" gibt's bei MagentaTV und den Streamingangeboten von Sky. Die vierte Staffel läuft ab 6. September auf dem Bezahlsender Fox. Die ersten drei Staffeln sind zum Beispiel bei Amazon Prime, iTunes oder Joyn verfügbar.

(via Giphy)