"Utopia" ist eine dieser Serien, die nach ihrem Ende ein Eigenleben entwickelt haben. Manche würden "Kult" sagen, ich würde eher sagen: Es hat sich herumgesprochen, dass diese britische Serie etwas Besonderes ist. Eine spannende, verwirrende Geschichte einer Weltverschwörung rund um ein Comic, mit ungewöhnlichen ästhetischen Mitteln umgesetzt, irgendwas zwischen brutalem Thriller und tiefschwarzer Comedy. Die Serie ist zwar sieben Jahre alt - und sieben Jahre sind in diesen ultra-schnellen Serienzeiten eine Ewigkeit -, aber "Utopia" war damals schon ihrer Zeit voraus. Und kann auch jetzt noch ohne Probleme mithalten. Wer sie heute einschaltet und nichts darüber weiß, würde vermutlich nicht auf die Idee kommen, dass sie schon 2013 auf dem britischen Sender Channel 4 lief. Der Mann, der dahintersteckt, heißt Dennis Kelly - und der hat uns mit "The Third Day" gerade erst eine weitere ungewöhnliche Serie beschert, mit der er die Messlatte für Machbares bei Serien verschiebt. 

Es gibt gute Gründe, Remakes zu machen: Wenn man Geschichten aus einer anderen Region der Welt für die eigene Region umsetzen will (Beispiel: die schwedisch-dänische Serie "Die Brücke - Transit in den Tod" und die amerikanische Produktion "The Bridge"). Wenn man der ursprünglichen Geschichte einen neuen, moderneren Anstrich geben will ("One Day at a Time", ursprünglich eine Sitcom aus den 70ern bis 80ern, die 2017 für Netflix neu aufgelegt wurde). Wenn man die Geschichte auf eine andere Art erzählen will ("She-Ra: Princess of Power" aus den 80er-Jahren und "She-Ra and the Princesses of Power" von 2018). In diesen drei Fällen wird idealerweise etwas Neues daraus, das das Original ergänzt, die alte Geschichte neu umgesetzt für ein neues Publikum zugänglich macht und das selbst für diejenigen interessant sein könnte, die das Original kennen. 

"Utopia" ist eine dieser Serien, die eigentlich kein amerikanisches Remake brauchen. Weil sie selbst nach sieben Jahren noch herausragt aus der enormen Masse der vielen, vielen, vielen Serien, die seitdem gemacht wurden. Trotzdem gibt es nun ein Remake von "Utopia". Und ich kann grundsätzlich verstehen, warum diese Idee einen gewissen Reiz hatte: Denn ursprünglich steckte David Fincher dahinter. Nicht nur mit seinen Filmen wie "Sieben", "Fight Club" oder "The Game" hat er für Aufsehen gesorgt - genauso mit den zwei Serien, die er entwickelt und umgesetzt hat: "House of Cards" (übrigens auch ein bemerkenswertes Remake einer britischen Serie) und "Mindhunter". Fincher ist einer, dem ich zutrauen würde, das "Utopia"-Original aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Heißt: Er ist einer, der nicht einfach nur das bereits Gesehene noch einmal erzählt, sondern etwas Neues hinzufügt. Etwas, das es sehenswert auch für diejenigen macht, die das Original gesehen haben.

Allerdings: David Fincher ist bei der Entwicklung des Remakes ausgestiegen, weil er ein deutlich höheres Budget forderte, als der damalige Auftraggeber HBO ihm gewähren wollte. Die Vision, die er für sein "Utopia" hatte, konnte und/oder wollte er mit dem niedrigeren Budget nicht umsetzen. Zurück blieb Autorin Gillian Flynn, die eigentlich mit Fincher gemeinsam die Serie machen wollte. Sie hat die Serie schließlich für Amazon umgesetzt.

Herausgekommen ist leider eine Serie, die eigentlich überflüssig ist. Das amerikanische Remake der britischen Serie "Utopia" geht nicht über das hinaus, was das Original ohnehin bietet. Weder visuell noch erzählerisch, obwohl es inhaltlich etwas überarbeitet wurde. Es ist keine schlechte Serie - würde das Original nicht existieren, würde ich sie ganz interessant finden und vielleicht sogar weitergucken. Aber das ist nicht der Fall: Die US-Version von "Utopia" muss sich zwangsläufig an der britischen Version messen lassen. Und bei diesem Vergleich kommt die US-Version nicht gut weg, auch wenn man ihr ansieht, dass viel Geld reingesteckt wurde und bekannte Namen beteiligt sind. Dennis Kellys Serie von 2013 schlägt Gillian Flynns Serie von 2020 um Längen. Das einzige, was Zweitere Ersterer voraus hat: Sie ist weniger ungewöhnlich. Und dadurch auch für diejenigen Zuschauerinnen und Zuschauer zugänglich, die mit der besonderen Ästhetik und der bedrohlichen Tonalität des Originals nichts anfangen können.

Langer Rede kurzer Sinn: Wer das britische "Utopia" kennt, kann sich das amerikanische "Utopia" sparen. Wer das Original nicht kennt, sollte einfach ins Orignal reinschauen - und kann sich das Remake ebenfalls sparen. Hier ein Trailer des Originals:

Das "Utopia"-Original ist zum Beispiel bei TVNow und iTunes verfügbar, das Remake findet sich bei Amazon Prime Video.