Die großen Streamingdienste entwickeln sich zunehmend zu Allround-Anbietern. War Netflix einstmals vor allem für seine Serien bekannt, so hat man über die Jahre immer weitere Genres für sich erschlossen, seien es Filme, Dokus oder Reality-Formate. Und längst setzt man abseits des ursprünglichen Versprechens, alles jederzeit überall ansehen zu können, auch auf den Live-Faktor. Dafür bieten Netflix & Co. nicht nur um teure Sport-Rechte mit, sondern wollen auch in das Genre der klassischen Show-Produktion vordringen. Doch aktuelle Zahlen zeigen: Ganz so einfach ist diese Bastion des klassischen Fernsehens offenbar nicht zu erobern.
In der vergangenen Woche startete bei Netflix die Neuauflage von „Star Search“. Hierzulande gab es 2003 und 2004 nur zwei Staffeln des Formats, in denen unter anderem Bill Kaulitz seinen ersten großen Auftritt hatte. In den USA hat es aber noch eine ungleich größere Tradition: Zwischen 1983 und 1995 sowie zwischen 2003 und 2004 lief die Show und bereitete vielen Künstlern und Bands eine Bühne, die später zu Weltstars wurden - von Britney Spears über Justin Timberlake bis zu Christina Aguilera.
Das klassische Konzept erweiterte Netflix vor allem um einen Punkt, den man klassischem linearen TV voraus hat: Die Einführung von Live-Voting direkt über die Fernbedienung. Doch abgesehen davon wird beim Blick in die ersten Folgen auch klar: Eine Castingshow sieht auch in der Netflix-Version nicht wesentlich anders oder besser aus als man es vom klassischen Fernsehen gewohnt ist. Und die Reichweiten? Die lagen zum Start sogar deutlich unter dem, was ähnliche Formate noch immer im gerne totgeschriebenen linearen Fernsehen erreichen. In der Premieren-Woche schaffte es „Star Search“ in den USA im Netflix-eigenen Ranking auf Platz 5, weltweit hingegen verpasste man eine Top 10-Platzierung.
So sehr man in der ersten Folge also immer wieder betonte, dass man weltweit live sei, dass die Kandidatinnen und Kandidaten vor einem globalen Publikum auftreten: Außerhalb der USA interessierte sich zumindest zum Start kaum jemand für „Star Search“. Tatsächlich reichte es abseits der Vereinigten Staaten sogar ausschließlich in einem einzigen Land überhaupt für eine Top 10-Platzierung: In Südafrika. Dass beispielsweise in Europa das Interesse, nachts um 3 eine Liveshow zu verfolgen, begrenzt war, kommt nicht allzu überraschend, doch auch auf dem amerikanischen Kontinent war „Star Search“ außerhalb der USA kaum gefragt. Und auch in den USA selbst blieb die Reichweite offensichtlich mau.
Genaue Zahlen liegen nicht vor, da der Sprung in die weltweite Top 10 aber misslang, lässt sich zumindest festhalten: Im Schnitt sahen die ersten beiden Folgen innerhalb der ersten Woche weltweit weniger als 2,3 Millionen Netflix-Haushalte, egal ob live oder zeitversetzt – so viel hätte zu Platz 10 gereicht. Zum Vergleich: Allein in den USA und ohne zeitversetzte Nutzung kam die Musik-Castingshow „The Voice“ im vergangenen Jahr zum Staffelauftakt im Free-TV auf deutlich über fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer, „American Idol“ lag zum Staffelauftakt in dieser Woche bei fast sechs Millionen, der beste Wert seit vier Jahren.
"Yes or No Games" starten ausbaufähig
Wie gut Studio-Shows fürs lineare Fernsehen auch in den USA noch funktionieren, bewies vor Kurzem aber vor allem „Dancing with the Stars“ eindrücklich: Das Finale zählte dort rund neuneinhalb Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer und damit so viele wie seit 2016 nicht mehr. Disney hatte „Dancing with the Stars“ übrigens 2022 auch schon einmal von ABC ins Streaming zu Disney+ verschoben – und nach nur einer Staffel die Sendung wieder ins klassische Network-Fernsehen zurückgeholt. Nun ist eine Live-Castingshow für Netflix noch Neuland, in den nächsten Wochen kann es noch spürbar nach oben gehen. Doch ein Selbstläufer ist das Show-Genre für das erfolgsverwöhnte Netflix offensichtlich nicht.
Hierzulande war es zuletzt vor allem Prime Video, das weitere Genres auch bei deutschen Eigenproduktionen für sich erschließen wollte. Mit den „Yes or No Games“ versucht man sich erstmals an einem Quizformat. Doch größere Aufmerksamkeit konnte man damit bislang nicht generieren. Amazon lässt seine Nutzung inzwischen bekanntlich von der AGF messen – in der Premieren-Woche finden sich die „Yes or No Games“ aber zumindest nicht unter den fünf meistgenutzten Programmmarken, binnen einer Woche haben demnach also in jedem Fall weniger als 266.000 Personen mal reingeschaut. In den Amazon-eigenen Top 10, deren Grundlage nicht ganz klar ist, reichte es vergangene Woche für Platz 10. Da es sich hier nicht um Live-Inhalte handelt, kann das Format sein Publikum aber natürlich nach und nach finden. Klar ist jedoch vorerst: Große Aufmerksamkeit mit einer solchen Produktion zu erlangen, ist schwierig.
Besser gelang Netflix das in der vergangenen Woche mit einem anderen Live-Event: "Skyscraper Live". Dass man mit wenigen Sekunden Zeitversatz übertrug, wie Alex Honnold ohne Sicherung den Wolkenkratzer Taipei 101 in Taiwan hinauf kletterte, produzierte weltweit Schlagzeilen, wenn auch freilich längst nicht nur positive. Einen großen PR-Effekt hatte es also auf jeden Fall – und es sorgte dafür, dass die Übertragung in immerhin 37 Ländern in die Top 10 einzog und damit als globales Event besser funktionierte als „Star Search“. Dass letztlich weltweit 6,2 Millionen Haushalte die Übertragung verfolgt haben, dürfte den klassischen TV-Konzernen trotzdem noch nicht den Schweiß auf die Stirn treiben.
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