Sie verfügen nicht über dasselbe Kleingeld für Luxusausgaben wie die Geissens; und nichts könnte ihnen ferner sein als die Bodenständigkeit der Wollnys. Aber gerade deshalb ist es von so zentraler Wichtigkeit, dass Deutschlands glamouröseste (sorry, Carmen) Reality-TV-Familie endlich die umfassende Reichweite erhält, die ihr seit jeher zusteht.

Ab sofort zeigt RTL das bisherige Sky-Original "Diese Ochsenknechts" sonntagvorabends im Free TV. Und macht die frisch abgedrehten Eskapaden der in Drama, Überraschungen, Streit und Hybris gleichzeitig gefangenen und vereinten Sippe für ein größeres Publikum zugänglich. (Direkt mit Staffel 5, alles andere arbeiten Sie bitte per RTL+ oder WOW rechtzeitig nach!)

Nichts Geringeres als ein Epos

Es beginnt, wie großes Fernsehen beginnen muss: Natascha Ochsenknecht liegt intubiert und festgezurrt im OP. Haube auf, Bewusstsein aus. Dazu ein verletzliches Geständnis aus dem Off: "Ich war immer eher die Ruhige. Ich war nie, wie ich jetzt bin. Aber ich muss ja nicht jedem zeigen, wie's mir geht oder wie ich drauf bin. Das ist auch 'ne Art Schutz – gerade wenn du in der Öffentlichkeit lebst. Hart heißt ja noch lange nicht, dass ich ein Arschloch bin."

All das Schlimme, was ihr widerfahren sei, habe sie das Leben viel mehr schätzen lassen. "Wer mich kennt, weiß dass ich einen total weichen Kern habe." Dann: Schnitt. Und ein dreiminütiger Megakrisen-Trailer kündet von dem, was gleich folgen wird. Nichts Geringeres als ein Epos!

Jimi ist aus dem Knast raus und hat die Schulden beim Finanzamt fast abbezahlt, macht aber aus seiner 2800-Quadratmeter-Influencer-WG in Dubai schon wieder auf dicke Hose, will eine Immobilie erwerben und zieht dafür den Dschungelcamp-Einzug als Darlehensergänzung in Betracht: "Überleg mal, anderthalb Wochen für eine sichere Zukunft ein Leben lang – einfacher geht's nicht."

Funkstille und Halsstraffung

Cheyenne ist sauer auf Natascha, weil die ihr an den Kopf geworfen hat, sie sei zu streng mit ihren Kindern – jetzt herrscht Funkstille. Zwischen Lämmerflaschenaufzucht und LKW-Anhänger-Führerscheinprüfung bleibt auf dem Hof in der Steiermark aber immer noch ausreichend Zeit, sich bei der Mama für den Rauswurf aus der Familien-Chatgruppe per Instagram-Block zu revanchieren. "Es gibt ja in jeder Staffel so'n Buhmann", meint Cheyenne. "Das bin, glaube ich, dieses Jahr ich. "

Natascha ist aber auch sauer auf Cheyenne, weil die sich heimlich angetrunken mit ihrem Vater versöhnt hat und nicht zum 85. Geburtstag der Oma gekommen ist. (Jimi zwar auch nicht – aber der war gerade im "Big Brother"-Container und damit entschuldigt: "Der muss arbeiten, arbeiten, arbeiten, um seine Sachen abzuzahlen.") Die Kohle als Testimonial einer Dating-Plattform für reifere Personen wird direkt in die geplante Halsstraffung investiert ("Ich hab ein Kinn, ich brauch nicht zwei").

Einzig der endlich in sich selbst ruhende Wilson versucht die Wogen der Unvernunft zu glätten: per Einladung zum selbstgekochten Familien-Dinner samt Escape-Room-Erlebnis ("Wir freuen uns darauf – und auch ein bisschen nicht").

Oder wie man es in Köln auf den Punkt bringt: Willkommen zuhause!

Konsequent die Kamera draufhalten

Nur ein Drama ist noch größer als das selbst heraufbeschworene bei Familie Ochsenknecht: Dass die Verfügbarkeit mehrstaffelig erzählbarer Reality-TV-Familien hierzulande deutlich geringer ist als der Bedarf der potenziellen Auftraggeber dafür.

Dabei liegt die Lösung für dieses Problem näher als gedacht. Denn die dramaturgisch dichteste, an Zwists und Zwangsversöhnungen reichste Reality-Sippschaft des Landes produziert das deutsche Fernsehen eigentlich längst schon. Es hat bloß noch niemand konsequent die Kamera draufgehalten.

Deshalb: Vorhang auf für "Diese Senders – Zwischen Zerwürfnis und Zielgruppe"!

Flucht in die Versorgungsehe

Ein ruhiger Sommertag in Köln. Rechts des Rheins herrscht Eitel Sonnenschein: Nach der auflagelosen Genehmigung für die Ehe mit der sportbegeisterten Sky hat das Group-Oberhaupt RTL sichtlich Auftrieb. Beim Kölsch mit seinen Kumpels wird geprahlt: "Das ist unser Moment, der Moment für das größte Projekt der deutschen TV-Geschichte!" Was soll da schief gehen?

Die neue Partnerin bringt zwar üppige Sportrechte mit, die auch unmittelbar in die Verwertungskette eingebunden werden. Das erste gemeinsame Wochenende im neuen Haushalt ist schon auf den 29. August terminiert – Bundesliga- Saisonauftakt, frei empfangbar für alle!

Wahr ist aber auch, dass Sky schon bessere Zeiten gesehen hat: eigene Fiction-Produktionen hat die Münchnerin vor längerer Zeit komplett eingestellt. Und die Zahl der attraktiven Programmmitgifte hält sich nach der Flucht in die Versorgungsehe ("Wenn meine Altersvorsorge gesichert wäre: Das wäre das Glück in meinem Leben") ebenfalls in Grenzen.

Murwillumbah, ich komme!

Akzente unter eigenem Namen hat ihr RTL bislang verwehrt – dafür soll Sky jetzt alte Marken aus Köln neu auftragen. (Dieser "Verräter"!)

Es wird also womöglich Zeit, sich ein Hobby zu suchen. Und den angeheirateten Kindern auf den Sack zu gehen. Zum Beispiel Vox, das schon zu Beginn des Jahres die Einzelbehandlung gestrichen bekommen hat, und das, obwohl der brave Streber immer gute Quoten (und Fernsehpreise!) mit nachhause gebracht hat.

"Es gibt ja in jedem Geschäftsjahr so'n Buhmann. Das bin, glaube ich, dieses Jahr, ich", bilanziert Vox trocken. Aber keiner hört zu, weil gerade der prollige Halbbruder RTLzwei zur Tür reinstolpert und (erneut) beteuert, nach den Sauf-Eskapaden der Vergangenheit endlich erwachsen geworden zu sein. Obwohl er heimlich schon wieder zwanzig neue Realitys in Auftrag gegeben hat, neuerdings auch in Erotik investiert – und laut überlegt, mit ein paar sauber geplanten Geständnissen im Wald von Murwillumbah das familiäre Honorarbudget selbst anzuzapfen: "Die zahlen unfassbar viel Kohle – dann sind das drei, vier Immobilien in Grünwald!"

63 DFB-Pokalspiele und haufenweise "Originals"

Nur einer nimmt den Trubel gelassen: Seitdem Lieblingskind RTL+ dem Kiffen abgeschworen hat und jetzt nicht mehr glaubt, eine zweite Identität als "TV Now" zu besitzen, hat sich der zunehmend monetär erfolgreiche Streaming-Influencer der Familienzusammenführung verschrieben und versucht, die Inhalte aller Mitglieder gleichwertig zu präsentieren.

Wofür er aber – mit Ausnahme von RTL – heimlich gehasst wird. Weil man einen, der einfach so 63 DFB-Pokalspiele und haufenweise "Originals" in den Rachen geschoben bekommen, einfach hassen muss.

Zumal RTL+ permanent mit seinen Abozahlen prahlt ("Meine Ziele mögen für andere Familienmitglieder zu hoch gesteckt sein") – während RTLzwei ihn neulich beim Familiengrillen darauf hinweisen musste: Ein Fünftel deiner gesamten Nutzung stammt von mir!

Willkommen in La Famiglia!

Fünfhundertsiebzig Fahr-Kilometer entfernt im bayerischen Unterföhring geht es nicht minder trubelig zu. Auch dort sorgt das Patchwork-Prinzip für Umwälzungen – wegen des Neuen an Mama Seven-Ones Seite: MFE, dem italienischen patrigno. Der hat nach seinem Einzug prompt den kompletten Vorstand aus dem Familien-Chat geschmissen – und angesichts der 400 Millionen Euro Synergien bei der Haushaltszusammenführung schon Euro-Zeichen in den Pupillen stehen.

Denn das einstige Topmodel aus Unterföhring soll sich in ein Netzwerk einfügen, das Unternehmen aus mehreren Ländern verbindet: La Famiglia! (Die erst kürzlich neu gebaute Büro-Villa bei München darf Seven-One aber vorerst behalten.)

Vor allem wegen des Nachwuchses stehen die Zeichen auf Stunk: Sprössling Joyn tobt vor Wut, weil er nicht mehr so im Mittelpunkt steht, wie es die Mama die ganze Zeit gewollt hatte – "Alles auf Joyn", lautete die Devise ihrer Vorzugsbehandlung, die mit dem MFE-Einzug ein jähes Ende fand. Alles auf Anfang, heißt es jetzt. Wobei sich der Stiefpapa keinerlei Schuld bewusst ist: "Hart heißt ja noch lange nicht, dass ich ein Arschloch bin." Und: "Wer mich kennt, weiß dass ich einen total weichen Kern habe."

Erwachsen, aber immer noch bei der Mama

Eigentlich wäre das ein Grund zur Schadenfreude für die längst erwachsenen, aber immer noch zuhause wohnenden (ProSieben) bzw. nachgezogenen (Sat.1) Kinder. Aber die haben, nachdem Mama ihnen schon die eigenen Websites weggenommen hat, vom Stiefvater jetzt auch noch den Zugriff auf die Kreativkonten gesperrt bekommen.

In der neuen – blabla – "Content-Factory" soll jetzt – blabla – crossplattformös gedacht werden, weswegen die bisherigen Personal Trainer der Kids jetzt mit der Restfamilie als – blabla – "brand representatives" geteilt werden müssen, was super nervt. Oder wie ProSieben zähneknirschend beim Turmspringen mit seinen Spezies zu Protokoll gegeben hat: "Wir freuen uns darauf – und auch ein bisschen nicht."

Während Sat.1 hochgenervt beim Wellness-Wochenende mit den anderen linearen Ü40-Sendern gestand: "In Würde altern – ich hasse diesen Spruch."

Kampf zweier Dynastien voraus

Nur Kabel eins hält sich raus aus dem Zoff, zimmert sich irgendeine Bude auf Barbados – und hat auch kein Problem damit, seine schärfsten Quotenerfolge an die Geschwister auszuleihen. Trotzdem hätte sich Sat.1 für "Roadtrip Amerika – Drei Spitzenköche auf vier Rädern", das der Sender gerade im Spätprogramm aufträgt, mal bedanken können! Oder wie "Kabi" auf dem Weg zum Baumarkt in Bridgetown nüchtern formuliert: "Also wenn jemand pissed sein sollte, dann ja wohl ich."

Wer gedacht hat, das sei alles schon aufregend genug, kann sich eines Besseren belehren lassen – spätestens nämlich, wenn die beiden Gruppen, die einander ja noch nie so ganz grün(wald) waren, in Staffel zwei von "Die Senders" unmittelbar aneinandergeraten. Während draußen die öffentlich-rechtliche Großfamilie und die internationalen Streaming-Nachbarn schon am nächsten Spin-off mit Auswanderer-Komponente basteln ("Goodbye TV-Deutschland!").

Und damit: zurück nach Köln.

Sämtliche verwendeten Zitate stammen aus Ankündigungen der Sendergruppen oder aus der fünften Staffel "Diese Ochsenknechts" (allenfalls geringfügig an die Unternehmensrealitäten angepasst).

RTL zeigt "Diese Ochsenknechts" ab sofort immer sonntags um 19.05 Uhr und bei RTL+.