Die Inhalte eines Fernsehsenders können noch so hervorragend sein – wenn die Verteilung und Verbreitung schlecht sind, nimmt sie trotzdem kaum jemand wahr. Deshalb ist die Frage, wie Serien, Filme, Shows, Realitys & Co. auf der richtigen Plattform zur richtigen Zielgruppe gelangen und dort Reichweite und Umsatz bringen, im Wettbewerb mit anderen Programmanbietern überlebenswichtig. Bei ProSiebenSat.1 kümmert sich um diese technische, strategische und wirtschaftliche Kernaufgabe hauptverantwortlich, ¡Hola!, eine Frau.

Nicole Agudo Berbel heißt sie und trägt seit diesem April den Titel „Chief Distribution & Partnerships Officer“ der Seven.One Entertainment Group. Das Distributionsgeschäft baut sie in Unterföhring bereits seit 2013 in verschiedenen Funktionen zur zentralen Monetarisierungssäule aus.

Es ist ein Fachgebiet, für das sich zu Agudo Berbels Bedauern bislang nur wenige andere Frauen begeistern können. Aber nicht nur fachlich, auch hierarchisch gesehen kann man bei der Medienmanagerin fast schon von einer Ausnahmeerscheinung sprechen.

Die obere Führungsebene ihres Konzerns, zu der sie gehört, präsentierte sich jedenfalls schon einmal deutlich weiblicher als heute. Eun-Kyung Park (Ex-Chief Digital Officer Entertainment), Katja Hofem (Ex-Chief Content & Marketing Officer), Wiebke Schodder (Ex-Sixx-Chefin) oder Katharina Frömsdorf (Ex-Chief Transformation Officer) – alle nicht mehr da.

Nicole Agudo Berbel © Seven.One
Ist Nicole Agudo Berbel also eine Art last chief woman standing von ProSiebenSat.1? Woher rührt eigentlich ihre Begeisterung für die Distribution von Inhalten und nicht deren Kreation? Wie sehr kann sie sich für die neuen Mehrheitseigner aus Italien begeistern – und wie sehr für das Schmieden von Partnerschaften, was qua Titel ihr Job ist, mit ARD/ZDF, RTL/Sky und wem auch immer?

Nicht zuletzt gefragt: Könnte man das „Nahaufnahme“-Gespräch mit ihr auch auf Spanisch führen, wie ihr klangvoller Nachname vermuten lässt?

Madre dio, podemos hablar español“, reagiert Nicole Agudo Berbel hoch erfreut auf letztere Frage. Und erklärt dann, dass sie zwar in Köln geboren wurde und die Familie mütterlicherseits in Deutschland verwurzelt ist. Aber vom Vater hat sie die spanischen Gene. Leider Gottes sind die Sprachkenntnisse der Interviewerin nicht ausreichend, sodass die Halbspanierin ihre Vatersprache im beruflichen Kontext wieder einmal nicht anwenden kann, was sie bedauert.

Wobei: Seit vorigem September, seit der Übernahme von ProSiebenSat.1 durch die italienische MediaForEurope (MFE), mehren sich die Gelegenheiten. Verkehrssprache in den Calls mit den Italienern ist Englisch, doch mit den Kollegen der MFE-Tochter Mediaset España kommuniziert Agudo Berbel auch auf Spanisch.

Spanien war für den von Silvio Berlusconi gegründeten Medienkonzern traditionell einer der zwei Kernmärkte neben Italien, bis Deutschland als dritter hinzukam. Gerade überraschte MFE mit einem kleinen Betriebsgewinn im ersten Quartal, nach zweistelligen Verlusten im Jahr zuvor, und das obwohl der Zukauf in Germania Sorgen bereitet. Trotzdem stimmen auch die jüngsten ProSiebenSat.1-Quartalszahlen ein wenig hoffnungsfroh: „Trotz Umsatzrückgang zurück in Gewinnzone“, berichtete DWDL.de. Insbesondere Joyn erwies sich als „unser digitales Zugpferd“, wie Agudo Berbel den hauseigenen Streamer nennt, mit 12,5 Mio. Zuschauern im April („der beste Monat aller Zeiten“) und einem Vier-Prozent-Plus bei den Distributionserlösen insgesamt.

Welchen Anteil die Chef-Distributorin daran hat?

Von außen ist das schwer einzuschätzen. Sie selbst stellt sich und ihr Tun im Gespräch nie in den Vordergrund. Spricht stets von „wir“ statt „ich“. Und bleibt im Ungefähren und Vagen, wenn man sie zum Beispiel konkret nach den Veränderungen ihres Handlungsauftrags fragt, seit die Berlusconi-Firma in Unterföhring das Sagen hat.

Nach Jahren der Joyn-First-Strategie will der neue CEO, Marco Giordani, nun auch die linearen Kanäle wieder stärker in den Fokus nehmen. Agudo Berbel lässt sich dazu nur entlocken, dass Giordani der Distributionsgedanke „wirklich wichtig“ sei. Daraus ergebe sich für sie die Aufgabe: „Alles, was wir distribuieren können, ist gleichermaßen relevant und muss mitgedacht werden, also sowohl unser TV-Sender-Portfolio in Deutschland, Österreich und der Schweiz als auch Joyn – und idealerweise auch innerhalb eines europäischen Kontextes.“

Dass in der neuen Konstellation mit den Kollegen von MFE auch eine „europäische Perspektive hinzugekommen ist“, findet die Chef-Distributorin „durchaus sinnvoll“ im Hinblick auf den Wettbewerb mit den Global Playern. Welche Synergien sich daraus ziehen lassen könnten? Das zu kommunizieren sei Aufgabe des Vorstands, weicht Agudo Berbel aus und ergänzt lachend: „Es gibt einen sehr regen Austausch. So würde ich es mal formulieren.“

So muss sie es wohl auch formulieren als Mitarbeiterin eines börsennotierten Unternehmens. Als studierte Volljuristin weiß sie ohnehin, dass bei jeder Aussage jedes i-Tüpfelchen zählt.

 

"Das Verhandeln, das Netzwerken, das liegt mir."

 

Jura zog Agudo Berbel in ihrer Heimatstadt Köln bis zum Zweiten Staatsexamen durch. Es war „kein leichtes Studium“, aber es machte ihr „Spaß“. Und es sollte sie „breiter aufstellen“ für ihren „Traumberuf“: Journalistin wollte sie ursprünglich werden. Neben Paragrafenbüffeln an der Uni jobbte sie in den 1990ern als freie Mitarbeiterin in verschiedenen Redaktionen. Bei Teuto Press etwa, die damals RTL mit Nachrichten- und Sportbeiträgen belieferten. Im WDR-Hörfunk bei der (2011 eingestellten) Verbrauchersendung „Quintessenz“ und den Börsennachrichten. Sowohl in der Rechtsabteilung von Super RTL als auch später als Referendarin im ZDF-Justiziariat durfte sie „links und rechts in die Redaktionen schauen“.

Über diese Schiene ist Agudo Berbel dann zwar nicht in den Journalismus gerutscht, aber letztlich in den Medien gelandet. Nicht nur ihr Studienschwerpunkt Medien- und Urheberrecht, sondern auch ihre Vielsprachigkeit (neben deutsch und spanisch auch englisch und französisch) waren die perfekte Grundlage für den Berufseinstieg 1999 im Europareferat des VPRT, der seinerzeit noch in Bonn-Bad Godesberg residierte. Den heute in Vaunet umbenannten Verband der privaten Medienunternehmen führte Jürgen Doetz, in Personalunion Sat.1-Geschäftsführer und ProSiebenSat.1-Vorstand.

Über den auch als „Neil Armstrong des Privatfernsehens“ legendär gewordenen Medienmanager Doetz lernte die Berufsanfängerin das Who is Who der Branche kennen. Und merkte: „Das Verhandeln, das Netzwerken, das liegt mir.“ Neben den großen medienpolitischen und regulatorischen Themen gab es drei Bereiche, in denen sich der VPRT Anfang der 2000er Jahre für die Mitglieder stark machte – und in denen sich Agudo Berbel profilieren konnte: das Urheberrecht bei der Nutzung von Musik, die Filmförderung und die Kabelverbreitung.

„Ich glaube, die Sender waren ganz zufrieden mit dem, was wir bei den Vertragsverhandlungen zusammen erreicht haben“, gibt sich die heute Mittfünfzigerin bescheiden. Beim Verband brachte sie es in sechs Jahren bis zur stellvertretenden Geschäftsführerin inkl. Büroumzug nach Berlin. Es war ihr zufolge „auf alle Fälle die Initialzündung für das, was ich heute mache“.

Ab 2005 begleitete Agudo Berbel erstmal beim europäischen Satellitenbetreiber SES Astra den ersten Versuch, eine Plattform aufzubauen, um HD zu verschlüsseln, aber nur kurz. Das Angebot aus München, von Discovery Communications, war zu verlockend, ebenso die Perspektive, der Hauptstadt, mit der sie und ihre junge Familie nie richtig warum wurden, Tschüss zu sagen.

Bei Discovery habe sie „Distribution von der Pike auf gelernt“, auch im internationalen Kontext, erinnert sich Agudo Berbel. Ihr persönliches Highlight: Mit DMAX kam 2006 das erste Free-TV-Baby im Discovery-Konzern auf die Welt. (Der „Kreißsaal“ war übrigens eine alte Fabrikhalle in Hamburg und unter den Hebammen auch ein gewisser Stefan Aust . . .) Sehr aufregende Zeiten waren das damals für die „Director Affiliate Sales and Business Development“, mit viel Aufbauarbeit und „echten Lernkurven“ verbunden, aber sie konnte auch „viel bewegen“. Mit nachhaltigem Erfolg. DMAX ist ja immer noch on Air.

Es war dann ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert, der die erfahrene Business Developerin und Distributorin 2013 aus dem schicken Lehel zur Medienallee in Unterföhring lotste. Der damalige CEO Thomas Ebeling, vorher bei Novartis, pustete neue Geschäftsideen außerhalb des klassischen Fernsehens durch den Medienladen, kaufte unter anderem das Vergleichsportal Verivox (was 2025 wieder abgestoßen wurde). Als „aufregend, aber auch toll“ beschreibt Agudo Berbel die Ebeling-Phase. Sie findet: „Dieser Geist, sich ständig neu zu erfinden in einer sich rasant wandelnden Medienwelt und Wachstumsfelder zu identifizieren, zieht sich bis heute bei uns durch. ProSiebenSat.1 transformiert sich ständig. Mir macht es Spaß, das zu begleiten.“

In Agudo Berbels Diktum gesprochen: Spaßig muss auch die Gründung der Streaming-Plattform Joyn gewesen sein, zunächst als Joint-Venture mit Discovery. Die ehemalige Discovery-Managerin würde allerdings nicht so weit gehen zu behaupten, sie hätte die Konstruktion aufgrund ihrer alten Kontakte „eingefädelt“, aber sie war „beteiligt“ am Prozess, der in erster Linie über das M&A-Team lief.

Joyn, das ist Agudo Berbel in diesem Zusammen wichtig zu betonen, sei anders als andere Streamer: „Joyn ist ein Aggregator. Wir haben ein eigenes Portfolio, das wir auf der Plattform ausspielen, suchen aber auch die Kooperation mit anderen Playern.“ Das gelinge „wirklich gut“. So sei Warner Bros. Discovery weiter ein starker Partner auch nach der Auflösung des gemeinsamen Joint-Ventures. Und mit der Telekom habe man gerade eine große Partnerschaft geschlossen, die eine „Win-Win-Situation für beide Seiten“ sei. Für sie sei es „die ideale Vorstellung, wenn nach langen Verhandlungen beide Parteien zu dem Schluss kommen: Das passt.“

 

"Wir sind in sehr guten und partnerschaftlichen Gesprächen mit ARD und ZDF. Wir schauen noch vorn."

 

Das weckt natürlich Erwartungen, dass es bald auch mit einer Partnerschaft mit ARD und ZDF „passt“. Die erste Anbahnung muss man ja als misslungen bezeichnen.

Ein kurzer Blick zurück in den Februar 2025:

ProSiebenSat.1 kaperte die Mediatheken von ARD und ZDF, ohne deren Zustimmung wohlgemerkt. „Tatort“, „Bergdoktor“ und Co. waren plötzlich auch auf dem P7S1-Streamer Joyn verfügbar. Das fanden die Öffentlich-Rechtlichen gar nicht toll. Es kam zum Rechtsstreit. Nach vier Wochen Betatest wurde die Einbettungsaktion still und heimlich beendet. Gesicht des modernen Raubrittertums war Vorstandsmitglied Markus Breitenecker. Der gebürtige Wiener ist inzwischen aus dem Unternehmen ausgeschieden – was ihn aber nicht daran hindert, erstens die Übernahme seines ehemaligen Arbeitgebers durch die Medienholding MFE öffentlich zu kritisieren und zweitens weiter für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien zu trommeln.

Nicole Agudo Berbel © Seven.One
Fragt man Nicole Agudo Berbel, wie sie über einen Deal mit ARD und ZDF denkt und ob sie womöglich eine weniger breitbeinige Strategie gewählt hätte, hält sie sich – man ahnt es schon – gewohnt bedeckt:

„Zunächst einmal: Es war eine Unternehmensentscheidung. Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen.“ Was den heutigen Status Quo betrifft, könne sie nur sagen: „Wir sind in sehr guten und partnerschaftlichen Gesprächen mit ARD und ZDF. Wir schauen noch vorn.“ Der neue Medienstaatsvertrag habe da eine neue rechtliche Grundlage geschaffen, „auf der wir uns gut bewegen können“.

Die grundsätzliche Bewegungsrichtung, das macht Agudo Berbel klar, ist: keine Joyn-Zukunft ohne Partner. „Partnerschaften in alle Richtungen zu vereinbaren, ist mein Job und meine DNA“, sagt sie. Das schließt ihr zufolge einen Deal mit RTL Deutschland absolut nicht aus. Ihre Hand zu den Kölner Kollegen ist ausgestreckt. Daran ändere auch nichts, dass die Konkurrenz am Rhein mit Sky noch größer wird: „Unsere Strategie bei Joyn bleibt davon unberührt. Wir konzentrieren uns weiter auf AVoD und den Werbemarkt und haben parallel gerade unser Premium-Angebot Joyn+ gestärkt.“

Die frische News, dass ein anderer Konkurrent, nämlich Netflix, sein Ökosystem für Werbung weiter öffnet (nachzulesen im DWDL.de-Interview mit DACH-Werbechefin Susanne Aigner) und damit in Joyn-Revier wildert, dürfte Nicole Agudo Berbel aufgeschreckt haben. Nachfragen dazu wird man ihr bestimmt am kommenden Dienstag auf der dann beginnenden Anga Com in Köln stellen können, wo sie gleich doppelter Panel-Gast ist.

Für die ProSiebenSat.1-Managerin ist die Fachmesse nicht nur ein willkommener Anlass, um ihre Geburtsstadt zu besuchen. Die Anga Com ist sozusagen auch eine Plattform, um für ihr Fachgebiet zu werben, generell, aber auch im eigenen Unternehmen.

Nicole Agudo Berbel hat es sich zum Ziel gemacht, die Kolleginnen „für den Distributionsbereich zu öffnen“ und engagiert sich deshalb auch im hauseigenen Mentoring-Programm, wo sie ihre Begeisterung und Taktik aus Verhandlungen teilt. Im besten Fall schaffen die Frauen durch ihren Rat „den Sprung nach oben“, wo sie sich übrigens gar nicht so einsam fühlt, wie man annehmen könnte. Es gebe ja nicht nur die erste Führungsebene, sondern auch die zweite, von der Frauen nachkommen könnten. Gerne teile sie mit Kolleginnen auch Persönliches, wie man Beruf, Familie und Kinder unter einen Hut bekomme.

Ob ihre eigenen Kinder in ihr ein Role Model sehen, will man von der Chef-Distributorin zu guter Letzt wissen. Nicole Agudo Berbel lacht: „Das weiß ich nicht, ich hoffe es natürlich. Ich versuche auf jeden Fall, ihnen Dinge vorzuleben.“