Was steht im Börsenprospekt von Anthropic drin - und was nicht?
Ein Börsenprospekt soll Anlegern ja sagen, worauf sie sich einlassen. Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten Claude, nutzt dafür 335 Seiten. Allein der Abschnitt über Risiken umfasst rund 94 Seiten: von Sicherheitsvorfällen mit KI-Modellen bis zu möglichen „katastrophalen oder existenziellen Risiken.“ Das scheint löblich und transparent. Doch ausgerechnet einige Zahlen, die für eine Anlageentscheidung zentral wären, fehlen noch. Das macht die erste Lektüre des S-1, das bei der Börsenaufsicht SEC eingereicht wurde, so aufschlussreich und für viele Kommentatoren dankbar. Anthropic zeigt ein Unternehmen, dessen Umsatz in der ersten Hälfte dieses Jahres auf 16,3 Milliarden US-Dollar gestiegen ist. Im Vorjahreszeitraum waren es 1,2 Milliarden. Der ausgewiesene Verlust von 80,7 Milliarden US-Dollar klingt hingegen nach einem wirtschaftlichen Desaster, relativiert sich aber erheblich. 72,4 Milliarden davon entfallen auf einen einmaligen Bewertungseffekt bei Finanzierungsvereinbarungen. Und im zweiten Quartal erzielte Anthropic erstmals einen operativen Gewinn.
Die Zahlen erzählen also von rasantem Wachstum. Aber auch davon, wie schwierig es ist, die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens zu lesen, dessen Bewertung und Finanzierung eng mit der KI-Euphorie verbunden sind, die bloß nicht abebben darf. Gleichzeitig legt Anthropic offen, wie teuer dieses Wachstum werden kann. Der Konzern muss Rechenleistung und Infrastruktur langfristig sichern, einzelne Vereinbarungen reichen weit in die Zukunft. Die Kunden dagegen bezahlen nutzungsabhängig. Wenn die Nachfrage nachlässt, könnten die Einnahmen schneller sinken als die gebundenen Kosten. Das ist die riskante Wette hinter dem Geschäftsmodell. Die Nachfrage muss dauerhaft wachsen und die Nutzung der KI somit profitabler werden. Was der vorläufige Prospekt noch nicht verrät, ist genau für diese Wette entscheidend: die Umsätze des dritten Quartals, die Zahl der angebotenen Aktien, die Preisspanne und damit die Bewertung, zu der Anleger einsteigen sollen. Auch die Gesamtsumme der Compute-Verpflichtungen bleibt offen. Das sind nicht natürliche alles keine Belege für etwas Unlauteres. Ein erster Börsenprospekt wird ergänzt, manche Vertragsdetails sind schlicht vertraulich. Aber ohne diese Angaben lässt sich schwer beurteilen, was das Wachstum kostet. Und was davon am Ende bei den Aktionären ankommt. Und: Anthropics Gründer bitten mögliche Anleger, den Kauf nicht „rein transaktional“ zu verstehen. Gleichzeitig wollen sie nach dem Börsengang die Mehrheit der Stimmrechte behalten. Anleger sollen also Teil einer Mission werden, aber Bitteschön nicht gleichberechtigt über ihren Kurs entscheiden. Das S-1 erzählt schon, warum Anthropic die Zukunft prägen könnte. Ob der Börsenpreis diese Zukunft realistisch abbildet, wird sich zeigen. Man darf sehr gespannt auf den tatsächlichen IPO sein.
Wie viel Zukunft steckt in einer Reform, deren erste große Bestandsaufnahme erst fünf Jahre nach den Empfehlungen vorliegen soll?
Wolfram Weimer hat sich erneut zu seinem scheinbaren Lieblingsthema geäußert und beklagt nun „Denkverbote“ beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Uwe Mantel hält im DWDL-Kommentar dagegen: Es habe nicht nur keine Denkverbote gegeben, sondern mit dem Zukunftsrat sogar eine ganze Denkfabrik. Der entscheidende Punkt sei nicht, dass niemand über Reformen nachdenken dürfe, sondern dass von den Vorschlägen so wenig umgesetzt worden sei. Ist das so? Ein Blick zurück lohnt. Der von den Ländern eingesetzte Zukunftsrat legte seine Empfehlungen im Januar 2024 vor. Die Länder einigten sich im Oktober desselben Jahres auf den Reformstaatsvertrag. Nach Unterzeichnung und Zustimmung aller 16 Landesparlamente trat er schließlich am 1. Dezember 2025 in Kraft. Übernommen wurden vor allem eine Schärfung des Auftrags, mehr Zusammenarbeit, regelmäßige Leistungsanalysen und ein Medienrat. Auch das Angebot wird gebündelt: Die ARD soll ihre terrestrischen Radiowellen von 70 auf 53 reduzieren. ARD und ZDF stellen drei lineare Kanäle ein und betreiben bekanntermaßen ab 2027 gemeinsame Angebote.
Nicht übernommen wurde der empfohlene große institutionelle Umbau: keine zentrale ARD-Dachanstalt mit umfassender Steuerungsmacht, keine Verlagerung der Landesrundfunkanstalten auf bloß regionale Aufgaben und keine Ablösung des Intendantenmodells durch kollegiale Geschäftsleitungen. Auch die vorgeschlagene grundlegende Änderung des Finanzierungsverfahrens kam nicht. Stattdessen gibt es aber einen neuen Medienrat. Er ersetzt die bestehenden Aufsichtsgremien nicht, sondern ergänzt sie. Der Medienrat soll nun alle zwei Jahre prüfen, wie ARD, ZDF und Deutschlandradio ihren Auftrag insgesamt erfüllen. Dafür arbeitet er an Bewertungsmethoden, erste externe Gutachten zu Kennzahlen und Verfahren sind scheinbar bereits vergeben. Wer sie erhält, ist bislang öffentlich nicht benannt. Auch die Besetzung des Rats überzeugt nicht uneingeschränkt. Vier Mitglieder wurden von Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender gewählt, zwei von den Länderchefs berufen. Das Gremium ist fachlich sicher qualifiziert, aber akademisch und öffentlich-rechtlich geprägt. Eine aktive Stimme aus der privaten Medienwirtschaft fehlt. Dabei soll der Auftrag auch im Vergleich mit anderen inländischen und ausländischen Angeboten bewertet werden. Der eigentliche Clou: Der erste Auftragsbericht wird nach derzeitiger Planung Ende 2028 (!) erwartet. Also fast fünf Jahre nach dem Bericht des Zukunftsrats. Dieser Bericht wird methodisch sicherlich sehr sorgfältig sein und trotzdem zu spät kommen, um die aktuelle Entwicklung zu erfassen. Ein sehr langsam arbeitendes System bewertet so eine Medienlandschaft, die sich längst weitergedreht hat. Mein Zweifel ist groß, ob dieses Verfahren ihrem Veränderungstempo noch gerecht werden kann.
Was bedeutet das VeYou-Aus für deutsche Microdrama-Apps?
Eine neue Streaming-App, große Hollywood-Credits und der Anspruch, das „HBO der Microdramas“ zu werden. VeYou wollte zeigen, dass vertikale Kurzserien mehr sein können als schnell produzierte Liebesdramen fürs Smartphone. Nun soll die App schon am 6. November schließen, rund sechs Monate nach dem Start. Tommy Harper, der als Produzent an Filmen wie Star Wars und Top Gun: Maverick gearbeitet hat, gibt die Serienproduktion jedoch nicht auf. Er will künftig für TikTok, YouTube und andere Partner produzieren. VeYou setzte auf aufwendiger erzählte und produzierte Serien. Neben eigenen Stoffen bot die App auch zugekaufte Titel an. Doch Qualität allein verschafft noch keine Reichweite. Der Aufbau einer eigenen App kostet. Man muss Nutzerinnen und Nutzer erst dazu bringen, sie herunterzuladen, und sie dann zum Wiederkommen und Bezahlen bewegen. TikTok, YouTube und Meta haben dafür bereits Publikum, Empfehlungsalgorithmen und Werbegeschäft. Harper selbst begründet den Strategiewechsel mit dem Einstieg dieser großen Plattformen ins Kurzdrama.
Schon im Januar habe ich hier darauf hingewiesen, dass TikTok mit PineDrama den eigenständigen Microdrama-Anbietern vor allem durch seine überlegene Distribution und niedrigeren Akquisekosten das Leben schwer machen würde. VeYou liefert dafür nun ein frühes Beispiel. Über Nutzerzahlen oder Umsätze von VeYou ist öffentlich nichts bekannt. Die Schließung beweist also nicht, dass niemand die Serien sehen wollte. Sie legt aber nahe, dass das eigenständige App-Modell nicht schnell genug wirtschaftlich tragfähig wurde. Oder dass Harper die besseren Chancen inzwischen außerhalb der eigenen Plattform sieht. Genau dieses Risiko wartet nun auch in Deutschland. EiLiN, das Projekt der Münchner Firma Vertical Minds, positioniert sich als kuratierte deutschsprachige Plattform. Beim Auftritt auf den Medientagen München stellte Geschäftsführerin Sophie Werdin einen Start mit zehn bis 15 Serien und ein Abo für unter 15 Euro in Aussicht - einen konkreten Starttermin nannte sie nicht. Snäxx von Black Forest Studios soll am 1. November starten. Der Anbieter setzt auf eigene und eingekaufte Stoffe, kostenlose Einstiegsfolgen, Abos und Einzelabrufe. Beide werden vor derselben Grundfrage stehen: Wie wird aus einer guten Serie ein Publikum, das regelmäßig zurückkommt und bezahlt? Gegen TikTok oder YouTube lässt sich der Reichweitenkampf kaum gewinnen. Nötig sind deshalb starke lokale Stoffe, schlanke Kosten und Vertriebspartner, die Publikum mitbringen. Die eigene App sollte zunächst ein Baustein sein. Nicht die teure Wette, dass Zuschauer schon kommen werden. Das kann man aus VeYou schon vor dem eigenen Start lernen.
Wer hat jetzt auch wieder eine neue Chefin?
Das lokale Prime Video Originals Team. Vor zwei Wochen schrieb ich hier noch über den Weggang Philip Pratts zu Disney. Nun kommt einen neue Chefin. Und die kommt ausgerechnet vom Rivalen Netflix. Sasha Bühler, vorher Filmchefin beim Streamer, wird zum 1. Dezember Head of German Originals bei Prime Video und Amazon MGM Studios Deutschland. Sie wird an Tara Erer, Director, Northern European Originals, UK Unscripted & Film, berichten. Diese ist voll des Lobes über die Besetzung: „Sasha bringt außergewöhnlich gute Beziehungen zu Filmemachern, Schauspielern und Produzenten in Deutschland mit und genießt einen hervorragenden Ruf. Sie ist klug, entschlossen, optimistisch und sehr ehrgeizig, wenn es um die Geschichten geht, die sie erzählen möchte, und versteht sowohl das lokale als auch das globale Publikum. Ihr Einstieg ist ein deutliches Zeichen für unser Wachstum und unsere Ambitionen in der Region.“ Das sehe ich auch so. Und habe dies ja auch bei der Personalie Pratt so eingeordnet.
Es wird spannend werden zu beobachten, wie beide ihre sehr guten Talentbeziehungen an neuer Wirkungsstätte ausgestalten werden. Die Verantwortlichen wechseln die Häuser, das Wissen über den Markt und die Kontakte zu Produzenten, Talenten und Kreativen ziehen mit. Man kann sich schon das nächste Medienpanel vorstellen: Katja Hofem für Netflix, Philip Pratt für Disney und Sasha Bühler für Prime Video - nebeneinander und im Gespräch über Investitionen in Deutschland. Das wäre ein hübsches Wiedersehen. Die drei könnten dann aus sehr frischer Erfahrung darüber sprechen, wie wichtig lokale Teams und belastbare Beziehungen sind, wenn internationale Plattformen hierzulande Geschichten entwickeln und finanzieren wollen. Apple wäre dabei die bemerkenswerte Leerstelle. Franziska An der Gassen ist gegangen, eine direkte Nachfolge soll es nicht geben. Die Verantwortung für deutsche Originals wird aus London von Jay Hunt gesteuert. Auch das ist eine Aussage darüber, wie unterschiedlich die Plattformen ihre lokale Präsenz organisieren. Die Personalien erzählen, wo die Plattformen lokale Verantwortung bündeln, wo sie ausbauen - und wo sie Entscheidungswege zentralisieren. Entscheidend wird sein, ob mit den (alten) neuen Namen auch die Ambitionen und Investitionen in deutsche Geschichten wieder wachsen.
Und welchen TV-Moment fand ich sensationell?
Als Graham Norton den Überraschungsgast ankündigt, geht ein Raunen durchs Publikum. Dann sitzt tatsächlich Prinz William auf dem roten Sofa, neben Cate Blanchett, Hannah Waddingham („Ted Lasso“) und Robert Irwin. Der Auftritt ist eine Premiere für den Prince of Wales, aber vor allem ein bemerkenswert entspannter Moment für die Monarchie. Klar ist er nicht zufällig da. William kommt, um für den Earthshot Prize zu werben, ein 2020 von ihm gegründeter Umweltpreis. Doch hängen bleibt nicht nur die Botschaft, sondern vor allem wie selbstverständlich er sich auf das Gespräch einlässt. Graham Nortons Show ist berühmt dafür, dass ihre prominenten Gäste gemeinsam auf dem Sofa sitzen und sich in lockerer, oft sehr witziger Runde gegenseitig zu überraschend offenen Anekdoten inspirieren. William erzählt, dass er als Junge Polizist werden wollte und später eine DJ-Phase hatte. Der Künstlername: „DJ Xara“ mit X. Waddingham findet diesen „rubbish.“ William räumt ein, die Idee sei rasch „uncool“ geworden. Und noch nicht mal für den School DJ hätte sein Talent gereicht. Der künftige König macht sich über die eigene Jugend lustig, ohne aus seiner Rolle eine Pointe zu machen.
Auch mit Robert Irwin, Sohn des legendären Crocodile Hunters Steve Irwin, funktioniert diese Balance. Als auf dem Bildschirm ein Foto des Australiers in Unterwäsche mit einer Python um den Hals erscheint, verteidigt Irwin den vermeintlich anzüglichen Werbeauftritt mit dem Naturschutzgedanken. William wartet ab und sagt dann trocken: „Ich denke immer noch an deine Python.“ Irwin vergräbt sich im Sofa, das Publikum lacht. Es ist ein frecher Satz. Aber einer, der Irwin nicht vorführt. Ähnlich beiläufig erzählt er, er habe bei einem Taylor-Swift-Selfie versucht, Travis Kelce aus dem Bild zu bugsieren. Kelce sei immer wieder hineingekommen. Damals habe William die Bedeutung des Fotos nicht verstanden (Taylor Swift und Travis Kelce zeigten sich hier erstmals zusammen auf ihrem Instagram-Account). Nun, die Monarchie lebt bekanntlich von Würde. Aber Würde muss eben nicht Distanz bedeuten. William wirkt nahbar, weil er eben nicht versucht, sich als ganz normaler Typ auszugeben. Er bleibt der künftige König. Und erlaubt zugleich, dass man über seinen missglückten DJ-Namen und seine schlechten Instinkte beim Gruppenfoto lacht. Darin liegt eine seltene Kunst. Nähe nicht als PR-Geste auszustellen, sondern sie im Gespräch entstehen zu lassen. Die Monarchie wirkt nicht weniger würdevoll, wenn sie nahbar wird. Oder einfacher gesagt: der Typ ist einfach gut.
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