"Soll ich helfen?" – "Gerne." – "Das wird teuer, ne?" – "Also, ich glaube 80 Euro, oder was." Als Louis Klamroth Ende September an einer Berliner Tankstelle mit ganz normalen Porsche-Fahrern wie dir und mir ins Gespräch kommt, sind sich beim Volltanken sofort alle einig: "Wahnsinn ist das." Aber das ARD-Mediathek-Experiment "Draußenpolitik" hat sich ja zum Ziel gesetzt, den Politik-Talk dahin zu bringen, "wo die Menschen sind". An die Zapfsäule, wo der Liter Super an diesem Tag 2,46 Euro kostet.

Wobei es langsam zu einem ernsthaften Problem wird, dass den Menschen dort seit Monaten permanent das Fernsehen im Weg rumsteht.

Was passiert da in Neuenbrook bei Itzehoe?

Wenige Tage nach Klamroths Talk tritt der zweite Tankrabatt des Jahres in Kraft. Und deutsche Reporter:innen rücken wieder aus, als gelte es, die nächste Mondlandung zu übertragen. "Die Tanknadel steht bei vielen wieder auf Anschlag", moderiert das "Schleswig-Holstein Magazin" seinen Beitrag an, in dem zu sehen ist, wie "über 40 Autos" vormittags "vor einer kleinen Tankstelle in Altenholz bei Kiel stehen". Bernd R. berichtet, von seiner Frau per Handy herbeordert worden zu sein, weil es "hier besonders billig sein soll". Niklas L. schildert dem Kamerateam, wie er aus dem Kreisverkehr kommend von einem LKW angehupt wurde und sich wieder hinten anstellen musste: "Ganz verrückt." Dann geht's weiter zum Tanktreff in Neuenbrook bei Itzehoe im Kreis Steinburg.

Die "Hessenschau" zeigt derweil Präsenz an Tankstellen in Frankfurt und Ober-Mörlen im Wetteraukreis: "Der Andrang: groß heute Vormittag. Diese Tankkunden warten sogar auf der Fahrbahn, weil es sich lohnt." Eine Frau sagt: "Wir haben extra den Urlaub verlängert, um billiger zu tanken."

"Ein kleines bisschen war es wie Weihnachten heute Morgen an der Preistafel", hat der "MDR Sachsenspiegel" an der Agrartankstelle in Kamenz beobachtet, wo "die kompletten 17 Cent Tankrabatt an die Kunden weitergereicht wurden". "Da schlägt mancher gleich richtig zu." Trotzdem herrscht bei vielen Ernüchterung: "Es ist ein kleiner Tropfen."

Leon K. hat sein Portemonnaie vergessen

Bei RTL West hat Schüler Leon K. in Leverkusen, um "endlich mal wieder günstig davon fahren" zu können, "vorher Hoffnung getankt" – aber leider auch "sein Portemonnaie vergessen". "Spritpreise wie aus einer anderen Zeit", haben am Morgen die Kolleg:innen von "17:30 Sat.1 Hamburg und Schleswig-Holstein" beim "landesweiten Tiefpreis von 1,86 für E10" in Nortorf beobachtet, wo sich die Schlange "Stoßstange an Stoßstange (…) über Stunden bis weit in die Hauptstraße" hineinzog und eine wartende Autofahrerin zu Protokoll gab: "Jetzt hab ich erstmal gefrühstückt."

Tagesschau24 schaltet im Laufe des Tages zu Reporterin Pauline Deichelmann, die "für uns in Bildstock im Saarland" ist: "Pauline, was für ein Bild bietet sich heute an den Preistafeln und an den Tankstellen?" (Ein bekanntes.)

Um 20 Uhr übernimmt die Hauptausgabe im Ersten, der das Saarland vielleicht zu piefig war, weshalb sie ein weiteres Team zum Tankreport nach Troisdorf bei Bonn beordert hat, wo Tom R. einem Millionenpublikum mitteilen darf, dass er jetzt nach Köln zu seinem Job fährt.

Insgesamt pendeln mehr als 20 Millionen Menschen täglich zu ihrer Arbeit, rechnet ARD aktuell vor. Und das deutsche Fernsehen hat es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, jeden einzelnen davon in seiner sehr ausführlichen Berichterstattung über die lokalen Konsequenzen des Irankriegs zu Wort kommen zu lassen.

Zu spät für die 12-Uhr-Frist

Und zwar: schon seit dem Frühjahr, als die 12-Uhr-Regelung startete, der zufolge Tankstellen nur noch einmal am Tag ihre Preise erhöhen dürfen. Ein Geschenk der Bundesregierung, das den TV-Redaktionen des Landes einen Showdown beschert hat, der bis auf die Minute planbar ist.

"Am späten Vormittag ist spürbar mehr los an den Tankstellen", berichtete die BR-"Abendschau" am 1. April noch mit staunendem Unterton (und einem neben die Preistafel auf ein Stativ montierten Smartphone mit sekundengenauer Zeitanzeige) im Beitrag "High Noon an der Zapfsäule". Während "Hallo Niedersachsen" am selben Abend mit derselben High-Noon-Titelreferenz Erklärungen von nachlässiger Tankkundschaft einforderte, die in Oldenburg erst kurz nach der Mittagszeit aufgetaucht war: "Weil da vorne die Ampeln dreimal rot waren."

Auch Monate danach ist die Regel weiter ein Highlight der TV-Problembetankung. Der HR berichtete auch im Oktober noch, als würde er einem seltenen Naturschauspiel beiwohnen: "So, es ist 12 Uhr. Die einzige Gelegenheit, die Preise zu erhöhen. Und jetzt passiert es." – "Eben war 2,14 Euro und jetzt 2,41 Euro." – "Wir sind zu spät." – "Ja." – "12 Uhr." – "Leider. Ist egal. Muss man tanken."

Vollbeschäftigung bei ADAC-Sprecher:innen

Es bestreitet ja auch niemand, dass die Spritpreise die Leute im Land umtreiben. Aber der Aufwand, mit dem das Fernsehen immer wieder dieselben Bilder und Einordnungen produziert, steht in keinem Verhältnis zu dem, was dabei herauskommt: nichts, was man nicht schon vor einem halben Jahr wusste.

Befragte Kund:innen bringen konsistent ihre Resignation über die aktuelle Lage zum Ausdruck und referieren dazu auf Anhieb bekannte Kritikpunkte an der Regelung ("Gesamtwirtschaftlich ist das Blödsinn", "Wer glaubt, dass man gegen einen Weltmarktpreis ansubventionieren kann, ist auf der falschen Spur"). Unterstützung gibt's jedes Mal von Wissenschaftler:innen, die den Rabatt als wenig zielgerichtet beschreiben und der Politik erklären, wie es besser ginge.

In keinem Beitrag darf das Kartellamt fehlen, das errechnet hat, dass der erste Tankrabatt im Frühjahr nur zu 80 Prozent von den Mineralölkonzernen weitergegeben wurde, von denen inzwischen bekannt sein dürfte, dass sie sich zur Sachlage am liebsten schriftlich äußern.

Ein immerhin erfreuliches Nebenergebnis der Beitragsflut ist, dass unter den von TV-Teams gefragten Sprecher:innen der ADAC-Regionalclubs in diesem Jahr durchgehend Vollbeschäftigung herrschen dürfte.

Auch Tankstellenbetreiber:innen können sich nicht beklagen, zu kurz zu kommen: In jedem zweiten Beitrag wird erwähnt, dass sie wegen fester Margen kein bisschen mehr verdienen als vorher, eher im Gegenteil – weil die Leute keine Riegel mehr kaufen, wenn schon der nichtschokoladige Kraftstoff so teuer war und hinter ihnen der Nächste an die Zapfpistole drängelt.

Endlich ein "Recherche-Roadtrip"!

Die Aufarbeitung des Themas ist derart lückenlos, dass sich die "Aktuelle Stunde" im WDR auch anlässlich des beendeten ersten Tankrabatts Anfang Juli noch einmal zu berichten verpflichtet sah: "Heute tut tanken weh." Um dann direkt zur WM-Berichterstattung überzuleiten: "Und wenn Sie jetzt schon richtig schlechte Laune haben, dann sind wir ja in der richtigen Stimmung, um über Fußball zu reden."

Für alle, die über den Sommer im Urlaub waren, sah der NDR in "Markt" Anfang September nochmal nach dem Rechten: "Kurz vor 12 Uhr mittags. Es ist voll an den Tankstellen. Lange Schlangen, teils bis auf die Straße" – alles in bester Ordnung also.

Und gerade erst nahm sich die RTL-Investigativredaktion "Life" eines bis dato vergessenen Aspekts der Debatte an: "Viele unserer Nachbarn tanken schon lange günstiger als wir. Aber warum eigentlich?" Auftakt für einen "Recherche-Roadtrip auf der Suche nach den cleversten Ideen gegen den Spritpreiswahnsinn"!

So besessen ist das Fernsehen inzwischen von der Tankstelle, dass das Thema in jede noch so kleine Ritze hineintropft. Im Juli meldete sich der RTL-"Bibelclip" zum Tankrabatt-Ende mit einem Zitat aus der Heiligen Schrift: "Hört her, ihr Ausbeuter! Euer ganzes Tun zielt darauf ab, die Armen im Land zu ruinieren" (Buch Amos, Kapitel 8, Vers 4). Und die "Sendung mit der Maus" informierte die Führerscheinprüflinge von morgen jüngst darüber, dass Tankstellen von heute eigentlich "mehr belegte Brötchen und heißen Kaffee als Benzin" verkaufen.

Die Tanke als Sehnsuchtsort

Bislang ist aber nur die SWR-"Landesschau Baden-Württemberg" auf die Idee gekommen, die Tankstelle als Sehnsuchtsort zu erzählen – in einer mehrtägigen Dokusoap über den "abwechslungsreichen Arbeitsalltag" einer 24-Stunden-Station in Stuttgart-Wangen: "An dieser Tankstelle ist vieles anders. Denn hier läuft viel mehr als nur Sprit in die Tanks." (Nämlich auch die Kamera des Südwestrundfunks.)

Brötchenaufbackende Auszubildende im Stress, Stammkund:innen aus der Nachbarschaft, die spritluftschnuppernd zum Schachspielen kommen, und Markus aus der Nachtschicht, der vor vier Jahren eine neue Niere erhalten hat. "Hier menschelt es." Stationsleiterin Sandra hat an zwischen Motoröl und Getränkeshop ihren Partner kennengelernt, der muss "seine Liebste" aber teilen: "Ohne Tanke keine Sandra." Alarm, Alarm: Diebstahlverdacht! Wieder hat jemand drei Packungen E-Zigaretten für 36 Euro mitgehen lassen. Die Polizei kommt in Doppelbesetzung zur Schadensaufnahme. "Was wird noch passieren?"

Und morgen: ein Best-of der schönsten Überwachungskamera-Videos! Oder wie es beim SWR heißt: "Tanke – kurios und kriminell. An dieser Tankstelle müssen der Chef und sein Team mit allem rechnen."

"Ärger", "Anspannung", "Tankfrust"

In den regulären Beiträgen gibt sich niemand mehr so viel Mühe. An der Zapfsäule herrscht wahlweise "Ärger", "Anspannung" oder "Tankfrust". Es gibt "lange Gesichter" oder, wenn es gut läuft, "Aufatmen?" und "Entspannung?" – also: bis zum nächsten "Sprit-Schock", natürlich.

Wenn jemand in der Redaktion darauf drängt, doch mal was anders zu machen, wird der Chef eines Logistikunternehmens, ein Brennstoffhändler oder ein Landwirt gefragt, wie sie die Situation sehen. (Ähnlich wie die anderen.) Oder jemand setzt sich zu Pendler:innen ins Auto, wie das "ZDF heute journal", das Markus E. zur Arbeit begleitet hat: "Monatlich gibt der 30-jährige Qualitätsprüfer bis zu 300 Euro für Kraftstoff aus, obwohl er einen sparsamen Kleinwagen fährt." Bevor vier Wochen später die "Tagesschau" (zur Zwischenbilanz!) bei Pendlerin Anja G. mitfahren durfte, von Oberhausen nach Witten und zurück: "Was sie fürs Tanken ausgibt, bestimmt deutlich ihre Alltagsausgaben."

Und das, was alle schon tausendfach gehört haben, bestimmt nach wie vor große Teile des Alltags in deutschen TV-Redaktionen.

Vom anderen Ende der Zapfpistole

Nun könnte man sich überlegen, was möglich wäre, wenn Nachrichtensprecher und Moderatorinnen statt des Spritpreisrepetitoriums in den Sendungen darauf verweisen würden, dass sich ein Best-of der bisherigen Berichterstattung problemlos in der Mediathek abrufen ließe. (Ich stelle gerne eine umfassende Linkauswahl zur Verfügung.)

Es wäre plötzlich massig Zeit, um noch ausführlicher über andere Themen zu berichten – etwa vom anderen Ende der Zapfpistole. Dass der stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen 2027 zum wärmsten Jahr aller Zeiten mache könnte, vielleicht; dass die UN es inzwischen für ausgeschlossen halten, die Erderwärmung ohne deutliches Überschreiten bei 1,5 °C zu begrenzen; oder dass neue Zahlen belegen, dass rund zwei Drittel der Hitzetod-Fälle auf menschengemachten Klimawandel zurückgehen sollen.

Dann bräuchte man in der ARD auch keinen Aktivist:innen mehr abwimmeln, die diese Berichterstattung aus Mangel an Alternativen in den Werbeblock vor der "Tagesschau" einzubuchen versuchen.

Tank-Rotation bis zum Spritpreisdeckel

Aber, klar: Um fünf vor zwölf auf irgendwelchen öden Gletschern rumzustehen, die nächstes Jahr eh nicht mehr da sind, ist nicht halb so attraktiv, wie um Punkt zwölf deutsche Tankstellen mit der Kamera zu kapern. Besser hin kommt man auch: nach Neuenbrook bei Itzehoe im Kreis Steinburg, Bildstock im Saarland, Troisdorf bei Bonn und all die anderen Sehnsuchtsorte deutscher TV-Redaktionen.

Dann eben ein Vorschlag zur Güte: Bis zum angekündigten Spritpreisdeckel im kommenden Jahr zeigen alle Sender einfach jeden Tag denselben Tankstellenbeitrag. Ein Team, eine Zapfsäule, eine Schalte für alle. Mit wöchentlich rotierender Zuständigkeit. Damit dort, wo dem Fernsehen zufolge die Menschen sind, auch wirklich niemand zu kurz kommt.

Und damit: zurück nach Köln.