Saturday Night Live 44 © NBC
Autor Erik Kenward berichtet

"Warum tun wir uns das an?", oder: So entsteht "SNL"

 

Seit 1975 existiert das NBC-Erfolgsformat "Saturday Night Live" nun schon und ist seitdem fester Bestandteil jeder Emmy-Preisverleihung. Doch wie genau entsteht eine Show dieses Kalibers eigentlich? Zwei Autoren gaben in Edinburgh einen Einblick

von Kevin Hennings
13.09.2019 - 14:35 Uhr

Jahr für Jahr zu einer Preisveranstaltung zu kommen und mit beinahe kompletter Sicherheit davon ausgehen zu können, Gold mit nach Hause zu nehmen, muss ein schönes Gefühl sein. Ein Gefühl, welches "Saturday Night Live" seit nunmehr 44 Jahren mit nach Los Angeles bringt, wenn im September die Primetime und Creative Arts Emmys verliehen werden. 270 Nominierungen hat die NBC-Show bislang erhalten, 65 Mal die begehrte Engels-Statue. Doch obwohl "SNL" schon immer von der Academy berücksichtigt wurde, hat sich die Late-Night-Sketch-Show erst seit 2009 zum absoluten Emmy-Darling mausern können. Während von 1976 bis 2008 101 Nominierungen und 21 Siege eingefahren werden konnten, sind es seit 2009 nun schon 169 Nominierungen und 44 Preise mehr. Die damals für den geplatzten Knoten verantwortliche 34. Staffel hatte sich vor allem der Präsidentschaftswahl zugewandt und mit dementsprechenden Sketchen für ein großes Medienecho gesorgt.

Bereits damals mit dabei war Erik Kenward, ein "SNL"-Veteran. Seit 2001 schreibt und produziert er Woche für Woche eine der legendärsten Shows weltweit, die in faszinierender Manier an Form gewinnt. Zusammen mit seiner Kollegin Anna Drezen, die das Autoren-Team seit 2016 ergänzt, erklärte er kürzlich beim "Edingburgh TV Festival", wie der Prozess bis zur fertigen Sendung im Detail aussieht und wie sich "Saturday Night Live" überhaupt über 40 Jahre halten konnte.

Dreh- und Angelpunkt für die gesamte Erfolgsgeschichte ist Schöpfer Lorne Michaels. Gemeinsam mit Dick Ebersol, dem damaligen Late-Night-Programmchef von NBC, hat er die Show 1975 ins Leben gerufen. Der Anfangscast wurde aus Dan Aykroyd, John Belushi, Chevy Chase, Jane Curtin, Garrett Morris, Laraine Newman, Michael O'Donoghue, Gilda Radner und George Coe gebildet und war zunächst unter dem Titel "NBC's Saturday Night" zu sehen, da die Wortkombination 'Saturday Night Live' bereits in "Saturday Night Live with Howard Cosell" Verwendung fand. Da Cosell jedoch nach 18 Ausgaben abgesetzt wurde, war der nun bis heute gültige Name schnell frei.

"Be willing to change" – so hat Erik Kenward Lorne Michaels Leitgedanken beschrieben, der SNL nach all den Jahren frisch gehalten hat. "Lorne hat neben seinem ganz speziellen Geschmack für Humor auch die Qualität, sich Veränderungen anpassen zu können." So hat er stets Trends erkennen können und sich nicht auf ein starres Sendungskonzept konzentriert. Dass Michaels dieses Mantra auf seine Mitarbeiter übertragt, zeigt der typische Wochenverlauf einer SNL-Produktion, den Kenward durchblicken lässt.

"Montags kommen wir um 15 Uhr im Büro an und sprechen im Autorenkreis über die vermeintlich größten Storys der Woche und über die Gaststars, die schon bestätigt sind. Dann gehen wir gesammelt zu Lorne und sprechen mit dem Cast und dem jeweiligen Host über das erste Brainstorming. Lorne nennt es 'Writers Meeting', wir nennen es Pitch. Denn wir pitchen dem Host unsere Ideen. Viele Hosts werden in diesem Moment nervös, weil sie von knapp 20 Autoren belagert werden und Ideen gepitcht bekommen. Dabei werden sie durchgehend analysiert, ob die Idee witzig ankommt.

Dienstags geht es dann richtig los. Die Autoren kommen erneut gegen 14, 15 Uhr ins Büro und bleiben dieses Mal bis Mittwochmorgen dort. Das ist die intensive Schreibphase, in der die Sketche, die am Montag gut angekommen sind, erste Formen annehmen. Unsere Autoren haben dabei die vollkommene Freiheit, wie sie vorgehen wollen – manche schreiben gerne alleine, manche im Team, manche mit den Darstellern.

Am Mittwochmorgen kommen wir dann alle wieder zusammen und stellen die 35 bis 40 Sketche vor, die in der Nacht geschrieben wurden. Das kann dann auch gerne mal verdammt anstrengend werden. Diese Phase ist aber nicht nur verrückt, weil die meisten in diesem Moment lieber Schlaf nachholen würden. Sondern weil zu diesem Zeitpunkt jedermann versucht, seinen gerade erst fertiggestellten Song oder Sketch mit provisorischen Mitteln zu präsentieren. Je nachdem, wie gut die Ideen hier ankommen, werden zehn bis 14 ausgesucht, die am Abend in die Probe gehen.

Donnerstags fangen wir gegen 12 Uhr an noch einmal alles durchzugehen. Wir schauen uns jeden Sketch an und gucken, was umgeschrieben werde muss. Gleichzeitig versuchen wir festzustellen, wie das Studio für den Sketch präpariert werden muss und wo welche Kamera positioniert wird. Der Lageplan wird bestimmt. Je nach Situation kann es dann sein, dass die Sketche bis in den Abend umgeschrieben werden. Der Donnerstag ist übrigens mein Lieblingstag: Wenn alle Sketche ausgesucht wurden und man in der großen Runde sitzt und beginnt sich kreativ auszutauschen, bringt das am meisten Spaß."

Freitags wird dann, weil wir nun den Inhalt der Show kennen, der Cold Opener geschrieben. Ansonsten wird vor allem geprobt und an Details geschraubt.

Samstags treffen wir uns gegen Mittag und gehen in 15-Minuten-Blöcken noch einmal jeden Sketch durch. Wir haben hintenraus auch etwas Puffer eingeplant, wenn wir tatsächlich noch etwas ändern müssen. Um 20 Uhr geht der Cast in die Maske. Nach der Maske und der letzten Probe entscheiden wir, welche drei bis fünf Sketche noch raus müssen – das hängt ganz davon ab, wie sie kurz vor der Sendung auf uns wirken und wo wir das Gefühl haben, dass es zeitlich doch etwas knapper werden könnte. Um 23:30 Uhr sind wir dann live."

Sofern keine Sommerpause herrscht, geht es am Montag darauf in die nächste Runde. Bei all der peniblen Vorbereitung, die am Ende in live aufgeführten Sketchen mündet, kommt die Frage auf, ob es im Prinzip nicht besser wäre, Großteile der Sendung schlicht vorher abzudrehen. "Jepp", antwortet Anna Drezen darauf. "Es gibt Wochen, da denke ich mir: Das ist verrückt, wir sollten das einfach aufzeichnen. Warum tun wir uns das an?" Kenward fasst jedoch zusammen, dass vor allem der Live-Charakter "Saturday Night Live" so beliebt macht: "Ob Cast oder Publikum – alle erleben den selben Moment, der nur durch das Live-Gefühl erreicht werden kann. Ein Sketch könnte wie ein Nascar-Crash enden und genau deshalb schauen so viele Menschen 'Saturday Night Live'."

Ihren persönlichen Nascar-Crash-Moment fühlte Drezen in ihrem ersten Jahr bei der NBC-Show immer, wenn sie eine Idee pitchen wollte: "Das war für mich der schlimmste Teil der Woche. Ich bin körperlich krank geworden, wenn ich im Flur gegen eine Mülltonne lehnend Kit Harrington angeschaut habe und ihn leise fragte, ob er sich nicht vorstellen könnte, für einen Sketch als Robbe verkleidet auf die Bühne zu kommen."

Drezen zeigt mit dieser Anekdote, dass auch die "SNL"-Crew mit einfachen Mitteln beginnt, Sketchideen zu formen. Die Autoren müssen in solchen Momenten jedoch nicht nur kreativ sein – sondern vor allem weiterhin entspannt. Tina Fey, die von 1997 bis 2006 selbst im Ensemble vertreten war, meinte einst: "Du suchst dir einen Autoren danach aus, ob du ihn oder sie um 2 Uhr morgens umbringen möchtest, oder nicht".

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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