Wenn mir vor fünf Jahren jemand erzählt hätte, dass einer der größten ARD-Publikumshits näherer Zukunft eine düstere Crime-Serie ist, die sich mittendrin zum Vampir-Thriller formwandelt, hätte ich mein Gegenüber vermutlich für plemplem erklärt. Aber genau so ist es Anfang 2024 gekommen, und an diesem Freitag startet bereits die zweite Staffel des überraschenden ARD-Genre-Twists "Oderbruch".

Der rekurriert in seiner Fortsetzung zwar immer wieder auf die Heimat der beiden Hauptprotagonist:innen im deutsch-polnischen Grenzgebiet, das noch genauso moorig und düster inszeniert ist wie in Staffel eins.

Im gleißenden Sonnenlicht

Gleichzeitig wechselt er den Hauptschauplatz ins sonnenhelle Spanien und bildet damit einen im wahrsten Sinne des Wortes blendenden inszenatorischen Kontrast, den man sich auch erstmal trauen muss, wenn man ausgerechnet die Überlebensanstrengungen eines uralten Vampirordens erzählen möchte – im gleißenden Sonnenlicht. (Glücklicherweise ist's wenigstens im Kloster der Strigoi, in dem sich der zweite Handlungsstrang entwickelt, immerzu dunkel.)

Das, was "Oderbruch" diesmal an Überraschungseffekt fehlt, macht die Serie von Adolfo J. Kolmerer, Arend Remmers und Christian Alvart mit einer ambitionierten Anschlusstory wieder wett: Maggie und Kai (Karoline Schuch und Julius Gause) haben sich nach den Ereignissen im Oderbruch abgesetzt und reisen nun im Breaking-Bad-Camper durch ganz Europa, um Artgenossen zu terminieren, die es mit ihrem Blutdurst übertreiben. So hofft Kai die Schuld, die er daheim auf sich geladen hat, auszugleichen.

Maggie folgt ihm, hat aber einen anderen Antrieb: Sie will ihre in Spanien studierende Tochter finden, die sie nach der Geburt heimlich weggegeben hat, als sie nach dem vermeintlichen Tod ihres Bruders wegzog. Gleichzeitig ist die eigene Sippschaft hinter ihr her, weil Maggie als eine der wenigen weiblichen Vampirinnen das Überleben der Art sichern könnte.

Blutzapfen vor ARD-Logo

Die sechs neuen "Oderbruch"-Folgen sind vollgepackt mit Schlüsselszenen – und Pathos: "Alles musste genau so geschehen, um uns auf den Weg zur bringen, auf dem wir jetzt sind", sagt Kai. Maggie will am liebsten aussteigen, kann aber gleichzeitig den eigenen Blutdurst kaum noch kontrollieren: "Wie lange wollen wir das noch machen? Wann ist das Ende? Wann ist deine Schuld begleichen?" Kai aber schwört: "Ich bin bereit alles zu tun, um die Welt von dieser Krankheit zu befreien."

Gleich zu Beginn wird man als Zuschauer:in daran erinnert, dass der Absender dieser Erzählung mindestens genauso ungewöhnlich ist wie die Geschichte selbst: Als die Kring-Geschwister einen Artgenossen im norwegischen Wald zur Strecke gebracht haben und Maggie das Blut aus ihrem Opfer zapft, um einen kräftigen Schluck davon zu nehmen, erscheint am unteren Bildschirmrand das ARD-Logo.

Es ist also wirklich alles: kaum zu glauben.

Ein sehr vampirfreundlicher Sendeplatz

Für die erste Staffel meldete die ARD fast 13 Millionen Abrufe in der Mediathek, wo "Oderbruch" auch diesmal wieder Premiere hat: am Freitagmorgen um 5.30 Uhr, 39 Minuten vor Sonnenaufgang.

Gleichzeitig hat man sich in München dazu entschlossen, die Serie auch wieder linear zu zeigen: die ersten beiden Episoden am Sonntagabend, direkt nach dem Dortmunder "Tatort". Die verbliebenen dann fünf Tage später: am Freitag, zu vampirfreundlicheren Zeit von 23.55 Uhr bis 3.15 Uhr. Und während sich aus dem Sonntag noch sowas wie die Ambition lesen lässt, der Serie im Anschluss an einen sicheren TV-Hit neue Zuschauer:innen zuzuführen, ist der Freitag eigentlich gar kein Sendeplatz mehr, sondern – ein Geständnis.

Weil sich wohl niemand der zuvor angeworbenen Fans die Nacht von Freitag auf Samstag um die Ohren schlagen wird, um zu sehen, ob Maggie sich und ihre Tochter vor den Strigoi retten kann, wenn das auch deutlich komfortabler geht.

Es ist aber auch keine Überraschung. Denn die ARD weiß schon, dass "Oderbruch" am linearen Programmrand nicht funktioniert: Bereits Staffel eins lief – in zwei Viererblöcken – am späten Abend. Das Ergebnis: zwischen 1 und 3 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen.

Wer nicht sucht, der findet auch nix

Damit ist die Serie keine Ausnahme, sondern die Regel: Die ARD produziert inzwischen regelmäßig Inhalte, die im Streaming Erfolge feiern, linear aber systematisch scheitern. Die Reality-Spielshow "Werwölfe – Das Spiel von List und Täuschung" wertete man in München im vergangenen Jahr mit über 5 Millionen Abrufen im Netz als fortsetzungswürdig. Der linear an einem Donnerstag um 22.50 Uhr gezeigte Appetizer wurde zeitgleich mit knapp zwei bis drei Prozent Marktanteil von der jungen Zielgruppe fast komplett ignoriert. Und die Bergretter-Doku "In höchster Not", vom BR als Mediatheken-Publikumsrenner gefeiert und sofort nachbestellt, beförderte das Erste im Vorjahr zur Primetime hinter einer "Inspector Barnaby"-Wiederholung auf ZDFneo.

Die dahinter liegende Systematik ist nicht neu: Zuschauer:innen unter 50 Jahren haben sich zu großen Teilen vom linearen Fernsehen verabschiedet und sehen für sie relevante zeitunkritische Inhalte online.

Laut ARD-ZDF-Medienstudie 2025 schauten die 30-49-Jährigen zuletzt zu 65 Prozent non-linear. Bei den 14- bis 29-Jährigen waren es bereits 88 Prozent. Ist ja klar, dass sie deswegen im klassischen TV-Programm selbst Inhalte, die speziell für sie produziert worden sind, nicht mehr suchen oder finden.

Warum zeigen Sender diese Inhalte dann überhaupt noch dort?

Sogar der Gesetzgeber hat's kapiert

Eine Verpflichtung, die sich zumindest für die öffentlich-rechtlichen Anbieter lange Zeit aus Staatsvertrag und Telemedienkonzepten ergab, gibt es so inzwischen für Eigenproduktionen nicht mehr. Mit dem im Dezember 2025 in Kraft getretenen Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks plattformneutraler formuliert. Selbst der Gesetzgeber hat also anerkannt, dass Inhalte dort gezeigt werden dürfen, wo ihr jeweiliges Publikum ist – ohne lineare Pflichtausstrahlung. Die Sender hinken dieser Erkenntnis hinterher.

Dafür mag es allerlei (auch kuriose) Gründe geben. Man könnte sogar argumentieren, dass die Sender den Spagat, für verschiedene Zielgruppen senden zu müssen, ja seit Jahrzehnten verinnerlicht haben.

Aber damals saßen beide Gruppen noch vor demselben Bildschirm. Heute sitzen sie in komplett verschiedenen Ökosystemen. Das ist kein gradueller Unterschied mehr – das ist ein Systembruch. Und genau den verdrängen die Sender mit der gängigen Praxis, einen fürs non-lineare Publikum kreierten Inhalt auch ins Lineare zu zwängen.

Nur fürs Non-Lineare viel zu schade?

Die Konsequenz ist brutal einfach: Die lineare Ausstrahlung eines Streaming-Inhalts erreicht das anvisierte Publikum nicht verspätet. Sie erreicht es gar nicht mehr. (Ob der Sendeplatz nach dem "Tatort" sich als Ausnahme eignet, wissen wir Montagfrüh.)

Bei der ARD argumentiert man, "Oderbruch" sei zwar "speziell für die Mediathek und eine jüngere Mystery-affine Zielgruppe konzipiert". Aber: "Geeignete Produktionen strahlen wir zusätzlich im linearen Programm aus, um möglichst viele Menschen zu erreichen und das lineare Publikum für Highlights in der Mediathek zu begeistern. Manchmal komplett – manchmal nur mit 1-2 Folgen, um dann in die Mediathek zu verweisen." Diese Mechanik nutze man auch im Dokumentarischen, zuletzt u.a. bei "Being Franziska van Almsick".

Dabei sind lineares Fernsehen und Streaming nicht (mehr) dasselbe Medium in zwei Ausspielwegen – sie haben grundverschiedene Stärken. Und es wird allerhöchste Zeit, das nicht nur zu begreifen, sondern auch konsequenter umzusetzen.

Die zwei Betriebsmodi von Linear

Deutsche Sendergruppen haben im Grunde genommen ein Ressourcenproblem mit Ablaufdatum: Linear schrumpft, Streaming wächst, irgendwann kippt es ganz – aber bis dahin muss man beides bedienen, ohne sich kaputtzumachen, während Netflix & Co. mit höheren Budgets konsequenter planen können.

Das heißt nicht, dass Linear kein vielfältiges Programm mehr anbieten kann. Aber es heißt, dass lineares Fernsehen Mut zur Konvention braucht. Nicht langweilig im schlechten Sinn – aber so, dass es seinem verbliebenen Publikum das gibt, was es dort sucht. Während die kreative Energie, die Risikobereitschaft, die Genre-Experimente konsequent ins Streaming fließen. Zumal das schon heute mehrheitlich der Nutzungssituation entspricht, die Medienstudien abbilden. Wer anders handelt, verbrennt bloß Sendeplätze und Geld.

Gleichzeitig muss es darum gehen, die Stärken des Linearen besser zu nutzen. Klassisches Fernsehen funktioniert 2026 vereinfacht gesagt in zwei Modi. Frühmorgens, tagsüber und vorabends ist es schon jetzt – ohne das schlechtreden zu wollen – Berieselung, Nebenbei-Medium, Gewohnheit im Alltag: Frühstücksfernsehen, "Volle Kanne", "Deko-Queen", "GZSZ". Abends erfüllt das Medium teilweise eine ähnliche Funktion. Dazu gibt es dort aber einen zweiten Betriebsmodus: das Spektakel.

Programmplanung als Selbstberuhigung

Genau das nutzt das ZDF, wenn es wie angekündigt im November "Wetten dass..?" mit den Kaulitz-Brüdern als Gastgeber neu auflegt – ein ebenso nachvollziehbarer wie genialer Schachzug. Der auch junges Publikum locken wird, weil das Lineare an diesem Abend konsequent seiner Highlight-Funktion gerecht zu werden verspricht. Alle wollen sehen, wie das wird. Die wenigsten werden sagen: Ach, schau ich mir vier Tage später nochmal in aller Ruhe im Stream an.

Was auf jeden Fall nicht funktioniert, ist ein dritter Modus dazwischen: aufmerksamkeitsintensive Streaming-Inhalte auf Sendeplätzen, die niemand aus der Zielgruppe mehr bewusst einschaltet. "Oderbruch" um Mitternacht ist Programmplanung als Selbstberuhigung.

Natürlich ließe sich einwenden: Ist doch egal, was auf den Randplätzen im Programm läuft. Wenn dort ohnehin kaum jemand zuschaut, kann man sie auch mit Streaming-Inhalten füllen – schadet ja nicht.

Es war einmal der Audience Flow

Aber dann stellt sich eine andere Frage: Wozu existieren diese Sendeplätze überhaupt noch? Über Jahrzehnte hat die Branche nach den Regeln des Audience Flows programmiert – jeder Sendeplatz als Brücke zum nächsten, jeder Inhalt als Zuführung für das, was danach kommt.

Wenn diese Regeln plötzlich außer Kraft gesetzt sein sollten, kann der SWR natürlich seine gerade fürs zweite Quartal angekündigte Horror-Mystery-Serie "House of Yang" bald im Anschluss an den nächsten "Schlager-Spaß" zeigen. Oder man macht sich endlich ehrlich und gesteht ein, dass der Borg aus dem gemütlichen Weinlokal eben kein naher Verwandter der kybernetischen Bioorganismen mit Kollektivbewusstsein aus dem Sternenflottenuniversum ist. (Gegenteilige Indizien bitte per Mail einsenden.)

Was folgt aus all dem? Drei Dinge: Lasst Streaming-Inhalte im Streaming! Wer "Oderbruch" oder "Werwölfe" für die Mediathek produziert, soll sie dort feiern – und nicht ins lineare Programm zwingen. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern Respekt vor dem eigenen Produkt.

Einfach wie früher: Sendeschluss

Mut zur linearen Lücke! Wenn Streaming-Inhalte nicht mehr linear gezeigt werden, aber die ohnehin knapper werdenden Budgets nicht doppelt ausgegeben werden können, entstehen naturgemäß Lücken im Programm. Das ist in Ordnung. Wiederholungen, Bewährtes, Nebenbei-Programm werden künftig noch öfter Teil des Linearen sein als bisher. Oder die Veranstalter machen künftig spätabends einfach wie früher: Sendeschluss.

Spielt die Stärken des Linearen konsequent aus! "Wetten, dass..?" nur live, ohne Catch-up und Mediatheken-Sicherheitsnetz. Als Event, das gerade dadurch funktioniert, dass für zweieinhalb Stunden wieder alle gleichzeitig zuschauen.

Und damit schließt sich der Kreis zu "Oderbruch", das ja ein guter Beleg dafür ist, dass man im ARD-Verbund verstanden hat, wie sehr neue Erzählformen für das ans Streaming gewöhnte Publikum notwendig sind. Jetzt fehlt bloß noch die Erkenntnis, dass lineare Ausstrahlungspremieren um 23.55 Uhr keine Notwendigkeit mehr sind. Sondern eher eine Kapitulation. Die kommt aber, wie wir wissen, insbesondere für die sich zwischen Martial-Arts-mäßigen Kampfszenen und Klippensturz bewegenden Vampirgeschwister wirklich ganz und gar nicht in Frage.

Und damit: zurück nach Köln.

Die erste Staffel "Oderbruch" ist in der ARD Mediathek abrufbar. Die zweite startet am Freitag ebendort.