Carospektive © ZDF/Jens Lindemann
Das Hoff zum Sonntag

Caro Korneli stellt die Fragen, die sich stellen

 

Am Donnerstag war Caro Korneli zum ersten Mal in ihrem neuen ZDFneo-Format "Carospektive" zu sehen. Hans Hoff war begeistert, denn "Korneli stellt nicht die Fragen, die ihr die Redaktion aufgeschrieben hat. Korneli stellt die Fragen, die sich stellen."

von Hans Hoff
13.10.2013 - 10:28 Uhr

Ich muss mal von einer Frau sprechen, die kaum einer auf dem Radar hat. Dabei ist Caroline Korneli eine, die immer mal wieder auftaucht, immer mal wieder einer Sendung ihr verschlafenes Gesicht aufdrückt und damit das Kunststück schafft, eine ganz eigene Farbe im Fernsehgeschäft zu etablieren. Sie moderiert im Radio, sie war schon bei Harald Schmidt, und gemeinsam mit Pierre M. Krause und Jan Böhmermann, der sich einst als Vater mindestens eines ihrer Kinder outete, hat sie vor vier Jahren sogar einen Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Den gab es für die formidable Küppersbusch-Produktion „TV Helden“, die leider bei RTL lief und daher nie eine Chance auf Fortsetzung hatte.

Nun hat Korneli mal wieder einen Nebenjob angetreten bei ZDFneo. Sie präsentiert dort eine Sendung mit dem ziemlich bescheuerten Titel „Carospektive“. Das ist nach „Caro-Ass“ und „Caroma-Club“ Teil einer sehr unseligen Tradition, die schleunigst abgeschafft gehört. Warum? Die Titelgebung wird der zugehörigen Sendung einfach nicht gerecht. Die ist nämlich etwas sehr Besonderes, und das liegt an Korneli. Die hat sich zum Start ihrer vorerst nur dreiteiligen Reihe am Donnerstag mit dem Thema Altern befasst und dabei einen sehr jungen unverstellten Blick auf ein angestaubt wirkendes Thema gewagt.

Nun gibt es viele Talente, die sich an ein heikles Thema heranwagen, die Fragen haben und sich diese live im Fernsehen beantworten lassen. Ich will mal wissen, wie das so ist mit...? Das ist in der Regel die Ausgangslage, und dann zieht ein Reporter oder eine Reporterin los, um klug zu werden. Wie das geht, hat man gesehen bei Micky Beisenherz, bei Sarah Kuttner, und es ist mal von höherem und mal von geringerem Erkenntniswert. Bei Caro Korneli dagegen ist es durchweg spannend, und das liegt an ihr.

Sie hat nicht dieses Ich-will-jetzt-mal-ganz-naiv-fragen-und-dann-klug-werden-Gen. Vielmehr scheinen die Fragen ganz einfach aus ihr herauszusprudeln. Das, was sie recherchiert, stellt sie nicht zur Schau, es scheint sie wirklich zu interessieren. Man kommt nicht gleich darauf, wenn man Korneli das erste Mal sieht. Sie verfügt nämlich erst einmal über einen relativ unbeteiligten Gesichtsausdruck und wirkt, so nebenbei betrachtet, irgendwie dauerbekifft. Wer allerdings genau hinschaut, spürt, dass hinter der lethargischen Fassade ein sehr wacher Geist steckt. Korneli stellt nicht die Fragen, die ihr die Redaktion aufgeschrieben hat. Korneli stellt die Fragen, die sich stellen.

Ich konnte das beim Thema Altern ganz schön nachverfolgen, weil sie dort genau die Fragen stellte, die auch mich als etwas jüngerer Mensch umgetrieben haben. Ich weiß noch, wie ich einst bei einer Zeitung anfing und unbedingt eine Kollegin, die sieben Jahre vor ihrer Pensionierung stand, fragen wollte, wie sich das denn so anfühlt, wenn man bald sterben muss. Mich interessierte das wirklich, diese Nähe zum Tod. Ich habe mich dann aber doch nicht getraut, zu fragen, und heute bin ich genauso alt wie die werte Kollegin damals war. Ich kenne also die Antwort.

Dafür kommt jetzt Caro Korneli und stellt nun Fragen, die ich damals auch noch hatte. Sie verbringt 24 Stunden im Altenheim und biedert sich dabei nicht mit einem Ich-find-euch-alle-dufte-Lächeln an. Sie guckt einfach aus ihren verschlafenen Augen und staunt dann genau so viel, wie es braucht, um noch glaubhaft zu wirken. Dabei hilft ihr die Billigproduktion der Sendung, die auf von der Protagonistin Selbstgedrehtes setzt und Inserts einfach mal durch ins Bild getragene Papptafeln ersetzt.

So darf man mit Korneli auf die Einäscherungsbustour eines Sargdiscounters gehen, darf mit ihr in den Seniorenpuff, und auf einem Schlagerfest fragt sie, warum ältere Menschen eigentlich so gerne so bescheuerte Musik hören. Am Ende ist sie so ratlos wie zuvor. Sie geht nicht mit diesem bekannten Gut-dass-wir-drüber-geredet-haben-Lächeln aus der Show. Sie hinterlässt sich selbst als Fragezeichen.

Diese Frau sollte dringend noch mehr tun. Man sollte sie fragen, welche Fragen sich ihr stellen und sie dann auf ihre ganz besondere Art forschen lassen. Die Frau kann was. Man muss ihr nur den Spielraum lassen oder sie geschickt führen. Dann wird da was draus. Es mag viele Talente im einigermaßen jungen Fernsehnachwuchskosmos geben, aber es gibt nur wenige vom Format einer Caroline Korneli. TV-Völker der Welt, schaut auf diese Frau!

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