Paul Ronzheimer © Bild
Das Hoff zum Sonntag

Rauch, Gefahr, Krise: Ich Selfie, also bin ich

 

Wann auch immer es gefährlich zu werden droht, schickt die "Bild" ihren Reporter Paul Ronzheimer los. Doch er ist längst nicht der einzige, der sein Gesicht in die Kamera hält. Hans Hoff über den Selfie-Wahnsinn im Journalismus...

von Hans Hoff
20.09.2015 - 09:26 Uhr

Ich kündige. Ich will auch einer von diesen tollen Hechten sein, die immer ins Bild drängen. So wie früher nur die Fernsehreporter bei ihren Aufsagern. Sowas können jetzt alle, auch die Angeleinten und die Printenmänner. Sie tun es, und sie haben die Regeln geändert. Nachrichten sind jetzt nur noch dann Nachrichten, wenn ein Reporter zu sehen ist.

Krieg? Nur echt mit Paul Ronzheimer im Bild. Am besten mit Helm. Wahrscheinlich geklaut von meiner Lieblingskriegsreporterin.

Siggi Pop auf Auslandsreise? Nur echt mit Bela Anda. Noch ohne Helm. Aber gefährlich ist das bestimmt auch neben dem Vizekanzler.

Brasiliens berühmtester Fußballfan stirbt? Aber nicht alleine. Kurz vorher war noch ein Reporter bei ihm und hat sich natürlich im Bild festgehalten.

Früher hieß es: Der Reporter macht sich ein Bild. Heute muss es heißen: Der Reporter macht von sich ein Bild. Dass daneben auch das Objekt der Berichterstattung erscheint, wird zunehmend zum visuellen Kollateralschaden. Wichtig ist der Reporter. Im Bild.

Früher sagte man noch: The medium is the message. Alles Quatsch. The man is the message. Was wirklich passiert, ist wurscht. Fakten sind Quatsch. Wichtig ist, dass der Reporter im Bild ist.

Ich stelle mir vor, wie ich irgendwo stehe mit einem feschen Helm auf dem Kopf, und dann teile ich der Welt mit, dass es dort, wo ich stehe, schwer gefährlich ist. Warum es gefährlich ist? Mann, ey, was laberst du? Es ist gefährlich, weil ich da stehe. Wo ich stehe, ist es immer gefährlich, sonst stünde ich doch nicht da, du Depp, Alter.

Gefahr herrscht, wo Selfie ist. Das haben die Jungs von der Blödpresse vielleicht nicht als erste kapiert, aber sie haben es perfektioniert. Journalistische Philosophie buchstabiert sich heute neu: Ich bin im Bild, also wichtig.

Was vor Ort geschieht, ist wurscht. Es reicht, dass ich behaupte, dass Krise herrscht, dass etwas passiert. Wenn man nur oft genug twittert, dass es nach Rauch riecht, wird schon jemand kommen und „Feuer“ rufen. Oder Feuer legen?

Das funktioniert oft hervorragend, und der, der Krise gerufen hat, ist an nichts schuld. Prima System das.

Ich will damit nicht sagen, dass die Blöd-Jungs aus der Selfie-statt-Journalismus-Abteilung etwas damit zu tun haben könnten. Nein, jeder einzelne ist von unbefleckter Natur. Es gilt die Unschuldsvermutung. Aber wenn ganz viele unschuldig Krise rufen, kann da schnell eine große Angst entstehen.

Aber darauf wollte ich ja gar nicht hinaus. Ich will einfach nur ins Bild und klasse aussehen. So wie der „Bild“-Man of the year Paul Ronzheimer, von dem ich bald alles weiß. Ultracoole Sau, dieser Typ. The next Elyas M’Barek quasi. Hat sich die Sohlen durchgelaufen, als er mit Flüchtlingen unterwegs war. Woher ich das weiß: Von Paul. Paul hat es gezeigt. Bei Twitter oder in seinem YouTube-Kanal? Keine Ahnung. Er hat es gezeigt, und ich habe es gesehen.

Ich will auch so sein. Ich habe mich schon nach solch einer hippen Ronzheimer-Brille umgeschaut. Will ich haben. Ich will Paul Ronzheimer sein und in den Selfie-Einsatz. Dafür wird Paule demnächst ohnehin keine Zeit mehr haben, weil bestimmt irgendein hippes Magazin eine geile Modestrecke mit ihm inszenieren möchte. Paul in den Trümmern einer Krise, unter der schusssicheren Weste ein hippes Designerleibchen. Für so einen könnte ich glatt meine sexuelle Orientierung aufs Spiel setzen. Leider ist meine Frau dagegen. Also begnüge ich mich mit dem Wunsch: I wanna be like Paul.

Ich habe heute am Morgen schon das Rasieren unterlassen, weil Kriegsreporter ohne Bart irgendwie albern aussehen. Man könnte dann annehmen, dass sie die Nacht in einem ordentlichen Hotel verbracht haben und dann mal schnell zur Front gesprintet sind. Selfie machen, Twittermeldung absetzen, von Rauch reden. Und von Gefahr. Rauch. Gefahr. Krise. Das wirkt.

Ich glaube nicht, dass die Blöd-Jungs das so machen, ich meine nur, dass ich es wohl so machen würde. Ich bin halt nicht ganz so mutig wie diese ultrafeschen Kerle. Ich bin letztens schon gescheitert, als ich vom großen Gewitter berichten wollte. Ich wollte raus und ein Selfie machen. Ich und der Blitz im Hintergrund. Dazu noch ein bisschen Rauch twittern und Krise rufen, dann würden alle denken, dass ich schon ein echter Journalistenhecht bin. Der traut sich was, sollten alle denken.

Leider ist mein Vorhaben gescheitert. Erst habe ich meinen Helm nicht gefunden, dann ging der Regenschirm nicht auf, und als ich dann endlich an der Front war, schien schon wieder die Sonne. Ich hab’s halt noch nicht so drauf wie die echten Jungs, die Selfie-Boys.

Aber ich verspreche, ich übe. Und wenn ich richtig gut bin im Hier-bin-ich-Sagen- und -Zeigen, dann bewerbe ich mich bei der „Bild“ als the next Paul Ronzheimer. Ich werde dann alle, die nicht so sind wie ich als Sofa-Reporter beschimpfen und damit klarstellen, dass ich so einer nicht bin, dass ich besser bin. Ich bin Paul.

Stellt den Henri-Nannen-Preis schon mal warm. Ich Selfie, also bin ich. Rauch, Gefahr, Krise…

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