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Das Hoff zum Sonntag

Von Füchsen und Gänsen: Spinnen wir alle?

 

Manchmal geht es Journalisten nur darum, die nächste Seite der Zeitung oder die nächsten drei freien Minuten einer Sendung zu füllen. Sie nutzen dafür Geschichten, die gut klingen, aber meist nicht ganz wahr sind. Damit schaden sich die Journalisten selbst, meint Hans Hoff.

von Hans Hoff
19.02.2017 - 09:00 Uhr

Manchmal frage ich mich, ob wir nicht alle ein bisschen gaga sind. Ja, wir alle. Du, ich, sie, er, und die da hinten sowieso. Wir sind alle beteiligt und nicht frei von Schuld. Wir lachen darüber, dass eine Zeitung einen Trump-Parodisten abgebildet hat in der Annahme, es sei der richtige Trump. Geschehen ist das in der Dominikanischen Republik. Hierzulande war das eine vielfach verbreitete Meldung. Eine Bildverwechslung in der Dominikanischen Republik. Haben wir tatsächlich nichts Besseres zu tun? Ich meine, es gibt an jedem Kiosk "Die aktuelle" zu kaufen. Warum dann in die Ferne schweifen?

Weil wir es können? Weil es Spaß macht? Weil wir alle spinnen? Ein bisschen jedenfalls. Wir mischen nämlich alle ein bisschen mit in diesem Trubel, als Leser oder als Macher. Nähme sich ein Detektiv nur lange genug unserer Biographien an, fände er sicherlich die eine oder andere Verfehlung, die uns nicht unbedingt zu Mittätern, aber doch zu zulassenden Mitwissern macht.

Es sind keine gravierenden Verfehlungen, die wir uns zuschreiben lassen müssen, aber die Summe kleiner Lässlichkeiten kann auch als grobe Verantwortungsverweigerung ausgelegt werden. Es geht nicht um Fake-News im beinahe schon klassischen Sinne, es geht um jene verheerende Wucht, die auch vermeintlich weiche Themen entwickeln können, wenn man sie nicht mit der notwendigen Sorgfalt behandelt. Wenn wir zu schnell den schön klingenden Geschichten auf den Leim gehen, sie vor allem besinnungslos oder zur eigenen Profilierung weitergeben und noch mit einem kleinen Zusatzgag versehen, auf den wir mörderstolz sind, dann sind wir Teil des Problems und weit davon entfernt, an einer Lösung zu arbeiten.

Mir wurde es in dieser Hinsicht am Mittwoch unbehaglich. Da zappte ich bei "Stern TV" hinein und stieß auf Hinrich Lührssen. Der galt einst mal als investigativer Reporter, der sich traute, Türen aufzustoßen, die anderen verschlossen schienen. Inzwischen umweht ihn indes eine gewisse Tragik. Bei "Stern TV" hält man ihn sich als internen Mario Barth, also als einen, der offenstehende Türen eintritt und die Skandale aufdeckt, die eh schon jeder kennt.

Am Mittwoch hatte Lührssen das Glockenspiel am Limburger Rathaus auf dem Kieker.  Das ist ja angeblich geändert worden, weil eine Veganerin gebeten haben soll, das Lied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" nicht mehr zu spielen. Der Bitte hat der Bürgermeister, der zufällig auch noch Hahn heißt (toller Gag, Hammer), wohl entsprochen, wie er sagt, als Lührssen in seine Amtsstuben vorgedrungen ist. Lührssen verleiht dem Hahn dann den "Stern der Woche", und der Bürgermeister nimmt das Teil notgedrungen entgegen und lächelt gequält.

Das habe ich noch hingenommen, weil es von der üblichen Peinlichkeit war, die solche Lührssen-Aktionen regelmäßig versprühen. Ist halt Alltag bei einem um Aufmerksamkeit kämpfenden Magazin.

Übel wurde mir allerdings, als Lührssen sein Mikrofon durch die Limburger Straßen schob und vielfach nach der Veganerin fragte, die das Ganze ausgelöst haben soll. Er fand sie nicht. Gottseidank. Ich gehe mal zu seinen Gunsten davon aus, dass er sie in Wahrheit gar nicht finden wollte, denn so, wie er in seiner betont süffisanten Art nach ihr fragte, hatte das ein bisschen was von Treibjagd und klang, als lauere der wackere Reporter auf Beute. Werden wir schon kriegen die Sau, lautete trotzdem der Unterton.

Dass die Sau keine ist, las ich am nächsten Morgen im Blog des Journalisten und Tierrechtsaktivisten Thomas Laschyk. Der war der ach so attraktiven Geschichte auf den Grund gegangen, hatte tatsächlich mit der Veganerin gesprochen und herausgefunden, dass der Auslöser eine heitere Facebook-Korrespondenz zwischen ihr und dem Bürgermeister war. In der hatte sie wohl eher scherzhaft angefragt, ob man das Lied nicht mal auswechseln könne. Und weil die Lieder im Glockenspiel eh turnusgemäß gewechselt werden, hat der Amtsträger halt den Fuchs rausgenommen. Keiner hat es gemerkt.

Erst als der Bürgermeister sein Tun in einer Büttenrede erwähnte, wurde ein medialer Schuh draus. Auf einmal war diese ach so toll klingende Geschichte über den Irrsinn in dieser Welt Schlagzeilenstoff. Das Resultat waren jede Menge tolle Geschichten mit jeder Menge süffisanter Bemerkungen und der Auswirkung, dass die Veganerin Drohungen bekam und ärztlichen Beistand in Anspruch nehmen musste. Wegen eines Scherzes.

Ich bin immer skeptisch bei Veganern und bei Tierrechtsaktivisten sowieso, und ich habe den Blogbeitrag auch nicht penibel nachrecherchiert. Aber erschrocken bin ich trotzdem, denn das Beispiel zeigt doch, wie leicht wir Medienmenschen uns verführen lassen von einer toll klingenden Geschichte, die alles hat, was eine toll klingende Geschichte braucht. Sie hat eine historische Wahrheit, die eng mit Tradition verbunden ist, sie spielt mit der Unlust von Menschen, Dinge verändern zu müssen, die sie gewohnt sind, und sie bietet die Möglichkeit über die Person der Bittstellerin gleich eine ganze Gruppe als Sündenbock zu kategorisieren.

Die Veganer, die haben alle einen Knall. Sowieso. Mit der Botschaft zwischen den Zeilen lässt sich doch in Fleischfresserland immer etwas verkaufen. Das hat doch schon einmal prima funktioniert, als die Grünen empfahlen, es könnte doch eventuell mal in Kantinen einmal die Woche einen Veggie-Day geben, und dann kam die "Bild" daher und behauptete, dass die Grünen den Deutschen das Fleischessen verbieten wollen. Stimmte zwar nicht, las sich aber gut.

Ich will nun niemanden, der diese Geschichte aufgegriffen hat, verunglimpfen. Wäre sie mir in die Finger geraten und ich hätte eine Zeitungsseite oder eine bunte Sendung im Fernsehen vollmachen müssen, hätte ich sie vielleicht auch genommen und noch dabei gekichert.

Aber vielleicht kann jetzt, da die Luft aus dem Thema raus ist, wieder mal so etwas wie Nachdenken über Verantwortung einsetzen. Möglicherweise besinnt sich ja der eine oder andere, bevor er den beharrenden Kräften im Lande wieder mal eine Propagandazeile zum Fraß vorwirft.

Es geht dabei auch um Details. Wahrscheinlich steht in 90 Prozent der präsentierten Geschichten nichts Gegendarstellungsfähiges, und für sich genommen, ist auch wenig komplett Falsches vermeldet worden. Zudem hat sich der Bürgermeister von Limburg in der Geschichte auch nicht durchweg geschickt verhalten. Leider aber ergeben ein paar stimmig klingende Fakten manchmal trotzdem ein falsches Bild, weil der Rahmen schief hängt und am Ende aus dem gutgemeinten Scherz ein böser Fluch werden kann.

Das sollte sich jeder überlegen, der künftig eine schön klingende Geschichte verbreitet. Jeder ist verantwortlich für das, was er weitergibt, und wenn man nicht sicher ist, ob das, was man weiterverbreitet komplett richtig ist, dann sollte man es vielleicht besser nicht weiterverbreiten oder wenigstens mit einem Bedenkensternchen als Verweis auf eine warnende Fußnote kenntlich machen.

Schöne Geschichten sind eben nicht unbedingt jene, die schön klingen. Schöne Geschichten sind vor allem jene, die auch wahr sind.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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