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Das Hoff zum Sonntag

Das ewig unsinnige Schimpfen auf ARD und ZDF

 

ARD und ZDF werden oft und gerne kritisiert, doch diese Kritik trifft oft die falschen Personen, meint Hans Hoff. Denn es sind vor allem die Politiker in den Landesparlamenten, die das System entscheidend beeinflussen könnten - den Status Quo aber eigentlich gerne behalten würden.

von Hans Hoff
15.04.2018 - 10:01 Uhr

Es ist so leicht, auf die öffentlich-rechtlichen Sender einzuhauen. Man findet täglich irgendetwas, das im Kosmos zwischen ARD, ZDF und ihren Anhängseln nicht in Ordnung ist. Man kann etwas sagen gegen Tom Buhrows üppiges Salär, gegen die Überalterung des Publikums, gegen die Ranschmeiße an den plumpesten Boulevard, gegen die unentschlossene Aufklärung von Missbrauchsfällen. Geht alles in Ordnung und verheißt vor allem jede Menge Beifall. Sagt man dann noch, dass sich die Anstalten extrem reformresistent verhalten, glühen die Hände der klatschenden Zustimmer. Ja, gib es denen von ARD und ZDF mal richtig.

So etwas prägt. Es entwickelt sich eine Art moderne Ablasspraxis. Fällt mir morgens die Zahnbürste ins Klo, sage ich: Scheiß ARD. Mault der Chef an meinen Leistungen herum, murmele ich "Staatsfunk" in mich hinein. Und wenn ich dann wegen zu schnellen Fahrens angehalten werde, komme ich mit dem ultimativen Argument und brülle so laut, dass sich alle erschrecken: "Zwangsgebühr."

Da werden Passanten stehenbleiben und klatschend skandieren. "Zwangsgebühr, Zwangsgebühr, Zwangsgebühr." Schnell schaukelt sich so etwas hoch und wird zum Gruppenrausch, der rasch jenem ähnelt, in den sich die Mitmarschierer von Dumpfbackenversammlungen steigern, wenn sie gemeinsam "Lügenpresse" grölen.

Was dabei ein wenig aus dem Fokus gerät, ist die Tatsache, dass ich meist die Falschen kritisiere. Es sind nun mal nicht ARD und ZDF, die allein bestimmen, wie dieses System funktioniert, es sind die Politiker in den Landtagen, die vorgeben, wie das öffentlich-rechtliche Sendersystem zu funktionieren hat. Ohne Abgeordnete, Staatssekretäre und Ministerpräsidenten, die auskungeln, was in die Gesetze kommt, die über das Wohl und Wehe bestimmen, geht es nicht. Wann aber stand zuletzt ein Protestgrüppchen vor der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei und brüllte ihren Unmut über die "Zwangsgebühr" hinaus?

Es wird allen schwer fallen, sich an solch ein Ereignis zu erinnern, denn anstatt beim richtigen Adressaten mit dem Protest vorstellig zu werden, haut man lieber auf Intendanten und Programmdirektoren ein. Nun möchte ich diese nicht übermäßig in Schutz nehmen, denn die meisten sind erstarrt in jahrelanger Senderroutine. Sie tun nicht, was sie für richtig halten, sie tun das, was ihnen möglich ist, und wenn man als Zuschauer Pech hat, tun sie das auch noch sehr schlecht.

Allerdings können sie sehr wenig fürs System. Das haben Landtage zu verantworten, bei denen nun mal die Rundfunkhoheit liegt. Jeder Landtag könnte problemlos die Aufgaben seines Senders neu definieren, ihn beschränken oder zu anderer Schwerpunktsetzung animieren. Natürlich nicht, indem man bestimmt, wer denn nun der nächste "Tatort"-Kommissar wird oder wen man bei "Hart aber fair" einzuladen hat. Das verbietet das Prinzip der Staatsferne. Direkt einmischen geht nicht. Was aber geht, ist, die Aufgabenstellung zu verändern.

Gerade sind die Ministerpräsidenten dabei, aber schon jetzt ist absehbar, dass sie am Ende nicht mehr als ein paar Stellschrauben anziehen oder lockern. Von großartigen Veränderungen kann da keine Rede sein. Das ist jetzt schon deutlich absehbar.

Das liegt natürlich auch an den Sendern, die der Aufforderung, doch mal vorab selbst an ihrer Aufgabenbeschreibung und Struktur herumzudoktern, zu sagen, was ihnen wichtig ist und was weniger, nur sehr zögerlich nachgekommen sind. Wie auch anders? Man fragt doch nicht die Frösche, wenn man einen Sumpf trockenlegen will. Man legt einfach los.

Davor schrecken die Länderparlamente allerdings zurück, weil die Politiker nämlich selbst das größte Interesse am Bestand des bestehenden Systems haben. Immer noch bilden sie sich nämlich ein, sie würden im Fernsehen nicht mehr vorkommen, wenn man insbesondere aus dem üppigen System der vielen ARD-Dritten mal die Boulevardluft lassen würde.

Um es nochmal kurz zu sagen: Wenn mir die Zahnbürste ins Klo fällt, dann tragen nicht ARD und ZDF die Schuld, dann hilft es nicht "Zwangsgebühr" zu rufen. Ich muss mich schon an die Politik wenden und von den Politikern, die ich wähle, ein bisschen mehr Reformwillen einfordern. Von den Politikern.

Lasst also die armen Gestalten in den Sendern mal eine Weile in Ruhe und stellt euch vor, sie seien nichts anderes als fette Frösche, die Angst um ihren Sumpf haben. Und dann wendet euch an den Bauern mit dem Traktor, wenn euch euer Anliegen wirklich so wichtig ist, dass ihr dafür auch mal ein bisschen mehr wagen wollt als nur morgens rumzubrüllen.

Oder geht es am Ende gar nicht um ARD und ZDF? Geht es eher darum, jemand zu finden, den ihr für ein als verpfuscht empfundenes Leben verantwortlich machen wollt?

Mist, Zahnbürste ins Klo gefallen. Scheiß ARD.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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