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Das Hoff zum Sonntag

Echo 2018: Schwarzer Fleck auf der Bertelsmann-Weste

 

Lange hat sich Bertelsmann in der Debatte rund um die umstrittene Echo-Verleihung weggeduckt, nun gibt man sich reumütig, doch der Imageschaden ist längst da. Was Frauke Ludowig, Guido Maria Kretschmer und Volker Volker Kauder damit zu tun haben, erklärt Ihnen Hans Hoff.

von Hans Hoff
22.04.2018 - 08:10 Uhr

Irgendwie muss die Welt durcheinander geraten sein, als ich diese Woche mal kurz ein Nickerchen gemacht habe. Als ich aufwachte, knallte mir das Unglaubliche um die Ohren. Frauke Ludowig und Guido Maria Kretschmer werden im Mai von der royalen Hochzeit in London berichten, lautete die Meldung, die mich in einen Ausnahmezustand versetzte. Ich musste erst nachschauen, wer da überhaupt in London heiratet. Als ich es herausfand, merkte ich, dass es mir komplett egal ist, dass mich aber diese Berichterstatterformation in eine Art Schockstarre versetzt hatte. Da vermählt sich demnächst also auf dem Kommentatorensitz der Liebreiz einer charmanten, einer menschenfreundlichen Person mit Frauke Ludowig. Ähnlich schockierend wäre für mich eigentlich nur die Nachricht gewesen, dass Patricia Riekel und Ed Sheeran ein Duett aufnehmen.

Frauke Ludowig und Guido Maria Kretschmer in einer Sendung. Da kollidieren Welten, wenn auch nur innerhalb eines eher beschränkten Privatsenderuniversums. Hier die alte RTL-Welt, die so langsam merkt, dass man Zynismus doch nicht essen kann, dort Vox mit seinen vielen, ach so menschenfreundlich anmutenden Formaten.

Obwohl das so richtig auch nicht ist, denn bei Vox steht ja nun auch ein veritabler Schaden in der Bilanz, weil der Sender den Echo übertragen hat, weil Vox also die Bühne bereitete für eine sehr absehbar unappetitliche Skandalaufführung. Leider habe ich keinen Echo, den ich zurückgeben könnte, dafür aber die Erkenntnis, dass ich vorher offensichtlich schon klüger war als 90 Prozent der an der Verleihungszeremonie teilnehmenden Künstler, die hinterher so taten, als hätte man gar nicht wissen können, was da auf sie zukam und die Echo-Rückgabestelle verwechselten mit einer Sperrmüllsammlung.

Ich sage: Doch, hätte man wissen können. Es war nie ein Geheimnis, dass der Echo schon seit Jahren als ein runtergerocktes Zwielichtevent galt, das zu meiden eine wichtige Bürgerpflicht hätte sein müssen. Wenn sich selbst die ARD von etwas verabschiedet, die sonst wirklich jede musikalische Milchkannenübergabe zum Event oder zum Quiz aufbläst, sollte man doch misstrauisch sein und das, was man da ins Programm nimmt, besonders genau prüfen.

Hat man bei Vox offensichtlich nicht getan, vielleicht aus dem Selbstvertrauen heraus, dass man doch dieser grundgute Sender ist, der solch herzenswarme Gestalten wie Guido Maria Kretschmer beherbergt und für nur leicht überdrehte Schrulligkeiten steht, die aber stets eine gewisse Menschenfreundlichkeit erkennen lassen. Aber jetzt hat Vox den Echo an den Hacken, selbstverschuldet. Alles andere als ein Abschied von diesem Format wäre eine Fehlentscheidung, dachte ich. Bis ich hörte, dass Volker Kauder dasselbe forderte, also jener CDU-Vorsänger, der einst dem Tote-Hosen-Schlager "Tage wie diese" die Höchststrafe verpasste, indem er es bei einer Siegesfeier intonierte.

Mitten in meinem Zweifel fiel mir dann ein bemerkenswertes Zeit-Interview mit Sven Regener in die Hände, und ich merkte, dass ich mich wieder einmal auf einem Nebengleis verfahren hatte. Auch Regener war beim Echo. Zu doof? Zu uninformiert? Man erfährt es nicht wirklich. Viel wichtiger erscheint mir sein Hinweis, dass Kollegah und Farid Bang, die aktuell den Skandal ausgelöst haben, sehr viele Platten verkauft haben über die Firma Bertelsmann, ja dass die Bertelsmann Music Group sich seinerzeit noch gebrüstet habe, sie sei mit den beiden Rappern zusammen die Nummer eins in Deutschland.

So, so, Bertelsmann, der gütige Familienbetrieb aus Gütersloh. Der verdient fett Geld mit der Dummbatzigkeit von Gelegenheitsdenkern, hielt sich aber lange aus der gerade abschwellenden Diskussion raus. Sollen doch die Künstler das alles unter sich ausmachen, dachte man offenbar in Ostwestfalen, bis man merkte, dass der Imageschaden weit übers Dach hinaus wuchs.

Auf einmal gab man sich reumütig. "Wir hatten den Vertrag über ein Album. Jetzt lassen wir die Aktivitäten ruhen, um die Haltung beider Parteien zu besprechen", sagte Vorstandschef Hartwig Masuch der FAZ und entschuldigte sich bei "den Menschen, die sich verletzt fühlen." Das klang nach Einsicht, aber dann wurde deutlich, dass man sich ein scheunentorgroßes Mauseloch offenlässt. "Meine Mitarbeiter und ich stehen mit den Künstlern in Kontakt, und die distanzieren sich klar von jeder Form von Antisemitismus. Das tun wir auch." Ganz offensichtlich will hier jemand akut Schadensbegrenzung betreiben, weil die ganze Angelegenheit nun doch auf Bertelsmann zurückzustrahlen droht. Man kennt so ein Verhalten zur Genüge. Ein Unternehmen macht sich klein, lässt Gras über die Sache wachsen und macht dann weiter wie vorher. Da helfen auch nicht 100 000 Euro aus der Konzernschatulle, die Projekte zur Bekämpfung der Welle von Antisemitismus an deutschen Schulen fördern sollen. Der Fleck geht hoffentlich nicht mehr weg auf der Weste der Bertelsmänner.

An deren Tropf hängt übrigens, welch Zufall, auch die RTL-Familie, hängt auch das putzige Vox. Alles Bertelsmann. Hätte ich natürlich wissen müssen. Mea culpa. Aber vielleicht bin ich ja auch nur Opfer einer cleveren Vermeidungsstrategie, die vom Medienkonzern betrieben wird. Immer nur haue ich auf jene drauf, die im Rampenlicht stehen, die wahren Regisseure kommen derweil ungeschoren davon und werden von den Maulhelden nicht einmal auf der Folterbank verraten. Ich weiß nicht, an welche Organisation mich das erinnert, aber ich werde noch drauf kommen.

Wie prima das alles funktioniert, wie wunderbar bei den Bertelsmännern alles ineinandergreift, zeigt sich, wenn man mal die Pressemitteilung zum "Rosenball 2018" zugunsten der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe durchliest. Dieser Ball findet am 5. Mai statt in Berlin. 600 Gäste sind geladen, von Liz Mohn und Bertelsmann. Bryan Ferry wird singen und auch Marius Müller-Westernhagen, ja genau, jener Marius Müller-Westernhagen, der gerade alle seine vielen Echos zurückgegeben hat, weil ihm im südafrikanischen Exil etwas aufgefallen ist. "Eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt", schreibt er bei Facebook. Ich gehe mal zu seinen Gunsten davon aus, dass er bei Bertelsmanns Rosenball ohne Vertrag auftritt.

Ach ja, und noch etwas zeichnet den diesjährigen Rosenball aus. Nicht Kollegah und Farid Bang, die aktuell berühmtesten Pferde im Bertelsmann-Rennstall, übernehmen die Moderation, sondern… Fanfare, Tusch, Trommelwirbel. Man hätte es ahnen müssen: Frauke Ludowig und Guido Maria Kretschmer. Jo, Mann. So ist das bei den Bertelsmännern. Da hängt halt irgendwie alles mit allem zusammen.

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