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Das Hoff zum Sonntag

Warum müssen Wirtschaftsredakteure noch arbeiten?

 

Sie geben in der Zeitung und auf dem Frankfurt Parkett tolle Tipps, wie man sein Geld vermehren kann. Doch Hans Hoff fragt sich, weshalb Wirtschaftsredakteure überhaupt arbeiten müssen. Müssten Sie in Wahrheit nicht alle steinreich sein?

von Hans Hoff
21.10.2018 - 11:00 Uhr

Es gibt ein paar Mysterien in der Welt, die nicht einmal „Galileo“ oder Ranga Yogeshwar plausibel erklären können. Diese Mysterien gleichen Naturgesetzen. Es handelt sich nicht um die Frage, warum der Toast beim Herunterfallen immer auf der Marmeladenseite landet. Auch nicht um das Problem, dass, als ich noch Nussnougatcreme liebte, die Folie beim ersten Öffnen immer einriss und so gut wie nie in einem Stück zu entfernen war.

Alles geklärt. Unbeantwortet ist dagegen die Frage, warum Zustimmungsklicks zu Cookies oder den Regeln der Datenschutzgrundverordnung oder zu den AGB auch akzeptiert werden, wenn die Zeit zwischen dem Aufploppen des Zustimmungsknöpfchens und dem Anklicken so kurz ausfällt, dass der Nutzer unmöglich mehr als nur eine Zeile des Textes gelesen haben kann, wenn also durch den zeitlichen Ablauf der Ereignisse überdeutlich wird, dass beim Konsumenten weder Bewusstseins- noch Willensprozesse in Gang gesetzt worden sein können. Mysterium, Mysterium.

Noch gewichtiger erscheint indes die Frage, warum Wirtschaftsredakteure in ihrer inneren Haltung immer konservativer sind als ihre Kollegen im Feuilleton oder im Bunten. Man kann das bei Zeitungen beobachten, aber auch bei etlichen Sendern. Das Verständnis für die Belange großer Firmen fällt in der Wirtschaftsredaktion immer höher als bei den Moralisten von der Kultur. Hardware-Nachrüstung bei Drecksdieseln? Geht nicht, sagen Wirtschaftsheinis. Müsste aber gehen, sagen die Feuilletonisten. Selbst wenn Letztere richtig konservative Knochen sind, schaffen es die Wirtschaftsredakteure stets, noch konservativer zu erscheinen.

Noch unüberwindlicher als diese Diskrepanz erscheint jedoch der Zwiespalt zwischen dem, was Wirtschaftsredakteure tun und was sie sind. Eigentlich dürften Wirtschaftsredakteure nämlich gar nicht mehr arbeiten, denn wenn man ihren Worten glaubt, haben sie den Weg zum Topf voll Gold am Ende des Regenbogens lange schon gefunden. Sie wissen, wie man reich wird. Man muss nur Aktien kaufen. Aktien. Immer wieder Aktien.

Man kann Wirtschaftsteile kaum ein paar Tage lesen, ohne dass man über einen Text stolpert, in dem beschworen wird, dass Aktien der Schlüssel zum Wohlstand sind. Aktien schlagen Betongold, Aktien schlagen Edelmetalle, Aktien schlagen alles, möglicherweise helfen sie sogar gegen Zahnschmerzen.

So sicher die Wirtschaftsredakteure sind, dass Aktien der Türöffner zum Wohlstand sind, so groß ist jedes Mal ihre Verwunderung darüber, dass trotzdem so wenige Menschen Aktien besitzen. Gerade mal 16 Prozent der Deutschen haben demnach Aktien im Depot. Die Zahl changiert und hängt ein bisschen davon ab, wen man fragt. Mal sind es ein paar Prozentpunkte weniger, mal ein paar mehr. Um die Jahrtausendwende waren es wesentlich mehr Menschen, die ihr Glück in Aktien suchten, dann aber vielfach nur Telekom-Aktien auf dem Höchststand fanden.

Man könnte zu den großen Mysterien auch noch die Frage addieren, warum es denn trotz der gleichbleibend niedrigen Prozentzahlen trotzdem so viele Börsensendungen gibt. Andauernd wird zum Frankfurter Parkett geschaltet, was wohl Ehrfurcht erzeugen soll, aber letztlich nur darauf hindeutet, dass diese Wendung darauf hindeutet, dass sie aus einer Zeit stammt, als noch kaum jemand Parkett hatte. Auf dem Parkett erklärt auf jeden Fall ein Experte genannter Wirtschaftsredakteur, warum die Kurse gefallen oder gestiegen sind. In Wahrheit erklärt er natürlich nichts, sondern schwafelt sich durch ein paar Wirtschaftsmeldungen, die man sonst anderswo in der Sendung hätte unterbringen müssen. Und dann sagt er noch, dass man eigentlich hätte erwarten müssen, dass die Kurse der Firma XY fallen. Dass diese trotzdem gestiegen seien, liege aber offensichtlich daran, dass einige Käufer andere Ansichten zur Sache hegten.

Würden Wetterberichte nach derselben Methode erstellt, stünde Claudia Kleinert vor der Wetterwand und beschriebe einen Sturm, der übers Land getost sei, obwohl er eigentlich ganz woanders hätte wüten sollen. Dass er das nicht getan habe, könne sie sich aber auch nicht erklären. Offensichtlich hegten da einige Wettergötter andere Ansichten zur Sache.

Auch die Prognosen für die nächsten Tage fielen anders aus. Sie folgten dann wohl häufiger dem Motto: Eigentlich sollte, aber man weiß ja nie. Oder: Some say so, some say so.

Im Prinzip sind diese Schalten zum Frankfurter Parkett natürlich eine tolle Sache, denn sie halten ein paar Wirtschaftsredakteure davon ab, auch noch Texte zu verfassen, die zum Kauf von Aktien raten. Weil die doch über die letzten 197 Jahre gerechnet immer ein riesiges Plus gebracht hätten, außer natürlich den Doofies, die um die Jahrtausendwende Telekom auf dem Höchststand, sie wissen schon…

Ein bisschen was haben diese ewigen Kauft-Aktien-Predigten von Totemtänzen wilder Medizinmänner, die durch stetes Stampfen auf den Boden für Regen sorgen sollen. Mal klappt’s, mal klappt es nicht.

Und die Grundfrage, warum die Wirtschaftsredakteure anstatt in Gold zu baden immer noch arbeiten, obwohl sie doch den todsicheren Tipp haben, diese Frage bleibt eine fürs ewige Buch der Mysterien.

Vielleicht mal ein Tipp für eine spannende Fernsehserie. Treatment: Der Wirtschaftsredakteur, der es immer besser wusste und doch nie reich wurde. Stoff für eine Tragikkomödie. Input erfolgt über den Wirtschaftsteil irgendeiner Zeitung oder über die Schalte zum Frankfurter Parkett. Möglicher Serientitel: Der traurige Dax.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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