© paulniestroj / photocase.com
Das Hoff zum Sonntag

Das Medienjahr 2018: War alles nur ein Fake?

 

Der Fall Relotius beim Spiegel wirft die Frage auf, worauf man sich eigentlich noch verlassen kann. Hans Hoff blickt auf das Jahr zurück und fragt sich, ob das Aus der "Lindenstraße" nicht ebenso ein Fake ist wie das Ende des "Tatortreinigers".

von Hans Hoff
23.12.2018 - 08:30 Uhr

Jetzt, wo das mit Relotius beim Spiegel raus ist, kann ich gleich auch noch den Rest offenbaren. Das ganze Fernsehjahr 2018 ist in großen Teilen gefälscht gewesen, erfunden von gewissenlosen Machern, die Angst hatten, ein paar Prozentpunkte an die Konkurrenz zu verlieren oder möglicherweise beim Fernsehpreis leer auszugehen.

Wie anders ließen sich die vielen Abschiede erklären, die wie große Fackeln in der aufziehenden Finsternis lodern. Bjarne Mädel wird nie mehr „Tatortreiniger“ sein, Ranga Yogeshwar ist raus als Moderator bei „Quarks“, und das Ende der „Lindenstraße“ ist auch besiegelt. Alles rausgekommen in den letzten anderthalb Monaten. Ein Schelm, wer bei diesem massenhaften Sturz von Denkmälern nicht misstrauisch wird.

Ich erwarte also in Kürze den Auftritt einiger Intendanten, die bekennen, dass sie von ihrer Mannschaft hinters Licht geführt wurden, dass große Teile dessen, was sie in der Vergangenheit verkünden ließen, nicht der Wahrheit entsprach, nicht der Wahrheit entsprechen kann. Wie soll man sich denn ein Leben vorstellen ohne „Tatortreiniger“? Man kann das vielleicht hinkriegen, ein Leben ohne „Tatortreiniger“, aber es wäre doch in weiten Teilen sinnlos. Deutschland ohne „Lindenstraße“? Wie soll das bitte gehen? Auf was soll man denn dann noch abfällig hinabblicken, wenn man von betulichem 80er-Jahre-Fernsehen spricht? Und wieso muss die „Lindenstraße“ gehen, und Schrottproduktionen wie „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“ dürfen weitersenden?

Das ergibt alles keinen Sinn. So viel ist passiert, das in der Zeit nach Relotius in den Zweifel gezogen werden kann, in den Zweifel gezogen werden muss. Das Abgleiten des Sat.1-Frühstücksfernsehens in einen Mordor-Moloch aus dümmlichem AfD-Populismus und Strunz-dummen Rechtsaußenkommentaren, kann doch nicht ernsthaft wahr sein? Das riecht doch nach bewusster Fälschung. Oder um es mit dem schmerzlich vermissten Rio Reiser auf eine Kurzformel zu bringen: Alles Lüge.

Und die zunehmende Plastifikation des RTL-Programms ist mit irdischen Theorien doch auch nicht zu erklären. Man weiß ja schon seit Jahren, dass der Sender, der früher durchaus mal als einschaltbar galt, langsam ins Privateigentum von seiner Überheblichkeit Graf von und zu Bohlendieter übergeht. Aber dass es so schnell gehen würde mit dem Abstieg in die Gruft, hätte doch niemand gedacht, weshalb es nicht wirklich wahr sein kann. Da wird doch massiv gefälscht in Köln. Ich bin sicher. Eines Tages kommt heraus, dass es Sylvie Meis gar nicht gibt, dass sie lediglich eine Erfindung der Unterwäsche- und Barbie-Industrie ist.

Und dann noch „Babylon Berlin“, die ARD-Serie, die groß begann, dann als eine Art Klamotten- und Ausstattungsstadl weiterging und schließlich mit unglaubwürdigen Actionszenen als Parodie ihrer selbst endete, das war doch bestimmt nur ein großer Witz, oder? Aber aufatmen. Auch die Fußball-WM war gefälscht. In Wahrheit sind weder die Mannschaft noch der Trainer schuld. Wie jetzt herauskam, hat ein ukrainischer Friseur Jogi Löw den Pony so geschnitten, dass sein Träger immer nur die Hälfte des Spielfeldes sehen konnte. In Köln arbeitet in den Videobeweis-Katakomben gerade eine Kommission an der Aufarbeitung dieses Skandals, der ganz sicher einer ist, denn es gilt inzwischen doch als relativ unwahrscheinlich, dass der deutsche Fußball einfach an seiner eigenen Unfähigkeit gescheitert sein könnte.

Schließlich der WDR. Geschüttelt von MeToo und der Aufarbeitung diverser Missbrauchsfälle hat man dort vergessen, was der Auftrag ist und stopft nun panisch das Programm zu mit dümmlichen Yvonne-Willicks-Beiträgen. Das kann nicht stimmen, das darf nicht stimmen.

Beim SWR läuft es ähnlich. Dort ist man nicht im Willicks-Fieber, sondern folgt der irrigen Idee, jede zur Verfügung stehende Sendung im Dritten und in der ARD mit Guido Cantz besetzen zu müssen. Auch das nährt Misstrauen. Kann es tatsächlich sein, dass 2018 das Jahr des Guido Cantz war? Unglaublich! Ausgerechnet in dem Jahr, da sein Vater in Bad Münstereifel den 130. Geburtstag seins Toupets feiert, wird der kleine Guido aus Köln-Proll die Allmachtswaffe des südwestlichen Schaustellergewerbes. Kann das mit rechten Dingen zugehen?

Nein, nein, da ist Schmu im Spiel. Oder wie anders wäre zu erklären, dass Stefan Raabs Showbaby „Das Ding des Jahres“ zum Beginn des Jahres ratzfatz zum inhaltlichen Vollflop mutierte? Eine von Raab erdachte Show floppt! Im deutschen Fernsehen! Früher undenkbar. Was stimmt da nicht mit dem System? Und wieso wurde Deutschland beim Eurovision Song Contest Vierter? Galt nicht mehr das alte Abo auf eine im hinteren zweistelligen Bereich zu verortende Platzierung? Haben sich da die Westländer wieder mal die Punkte zugeschoben? Deutschland beim ESC ganz vorne – wie lächerlich ist das denn? Letztendlich der Echo. Eine allein der Kunst gewidmete Veranstaltung wurde dem Erdboden gleich gemacht, weil ein paar Rabauken ihren verbalen Dünnpfiff nicht mehr in den Griff bekamen?

Keine Frage, das mediale 2018 ist in großen Teilen eine Fälschung und erfüllt vor allem nicht die Abgasnormen für Hirnareale, die mit einem IQ über Toastbrot ausgestattet sind. Ich erkläre daher feierlich das Fernsehjahr 2018 für ungültig und ordne einen sofortigen Rückruf aller schlechten Sendungen an. Gleichzeitig verhänge ich Empfangsverbot für Wohnungen, in denen Menschen leben, die intellektuell komplett abhängig sind von seelenlosem Junkfood. Ausgenommen vom Sendeverbot sind Arte, 3sat und Phoenix. Alle anderen Sender werden erst wieder zugelassen, wenn das Programm einen gewissen Mindestanspruch erfüllt und weitgehend frei ist von Willicks-, Bohlen-, Meis- oder Cantz-Partikeln.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen