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Das Hoff zum Sonntag

Steltergate, oder: Ein Veganer im Steakhouse

 

Man stelle sich vor: Ein Veganer geht in ein Steakhouse und bestellt sich ein großes Stück Fleisch, blutig - um sich dann beim Chef des Lokals lautstark darüber zu beschweren. Ähnlichkeiten zu Vorkommnissen der letzten Tage sind natürlich rein zufällig.

von Hans Hoff
03.03.2019 - 08:34 Uhr

Neulich war ich als stadtbekannter Veganer im Steakhouse. Ich habe dort ein fettes Steak bestellt, schön blutig mit allem Zipp und Zapp. Als ich es dann serviert bekam, habe ich mir den Teller gegriffen und bin zum Chef des Lokals gestürmt. Dem habe ich aber mal in ordentlich lautem Ton, so dass es alle im Restaurant vernehmen konnten, ordentlich den Marsch geblasen. Wie er es denn wagen könne, mir so etwas vorzusetzen, habe ich gesagt. Ich sei ja vieles gewohnt, aber das Steak, das sei ja aus Fleisch. Empöööööööörung!

Freunde haben mir später gesagt, dass das Steakhouse eh nicht so dolle sei. Da werde im Frühjahr auch immer Fleisch vom Wal serviert, also das berühmte Spezialgericht „Carne Val“. Da gehe man schon lange nicht mehr hin, das sei eher was für Geschmacksbefreite. Und der Restaurantchef sei auch einer von der abgehalfterten Sorte. Das wisse eigentlich jeder in der Stadt. Nur ich offensichtlich nicht. Mir doch egal.

Am Ende bin ich dann rausgeflogen. Wegen unflätigen Verhaltens und wegen angeblicher Bedrohung des Chefs bin ich aus dem Lokal geleitet worden. Von fetten Bodyguards, die alle so aussahen, als würden sie in ihrer Freizeit wehrlose Küken erwürgen.

Meine Frau hat übrigens alles gefilmt. Sie hat meine gute Laune vorher dokumentiert, und dann ist sie mit mir zum Chef gestürmt und hat abgelichtet, wie ich mich aufrege. Ich sage mal: Wenn ich mich aufrege, dann ist da schon ein paar Bilder wert. Ist alles gespeichert. Meine Wut, meine Empörung. Sehr blutig das alles.

Aber jetzt kommt es. Kein Witz. Ist wirklich geschehen. Ehrlich. Ich habe dem WDR den Film meiner Frau angeboten. Zum Senden. Und der WDR hat abgelehnt, den Film zu senden. ABGELEHNT!!! Ja, wo leben wir denn? Ich sage nur: Zensur. Was bilden die sich eigentlich ein in dieser Kölner Anstalt?

Sie haben mir dann halbgar erklärt, dass sie nun mal sehr viel Material vorrätig hätten und dass jeden Tag neues hereinkäme. Unverlangt eingesandt sozusagen. Und da hätten sie sich nun mal gegen die filmische Dokumentation meiner Frau entschieden, weil auch der Ton des Films eher bescheiden ausgefallen sei. Ich sage es nochmal: Zensur!!! Mit drei bei Til Schweiger ausgeliehenen Ausrufezeichen.

Natürlich haben wir das Video unter dem Titel „Steakhouse Gate“ sofort in allen sozialen Medien hochgeladen. Man braucht den WDR ja dieser Tage eigentlich gar nicht mehr. Der zugehörige Clip hat jede Menge Aufmerksamkeit bekommen. Tausende haben ihn angeklickt und geliked. Und in den Kommentaren darunter war die Hölle los. Von „Zwangsgebühren“ war da schnell die Rede und von „Staatsfunk“. Nimm das, WDR, habe ich gedacht und mich sehr gefreut, als dann noch dpa auf meine Geschichte eingestiegen ist. Die folgenden Schlagzeilen waren bundesweit beachtlich. „Eklat im Steakhouse“, „Wirbel um Veganer“, „Systemsender zensiert“. Ich wurde sogar interviewt und bekam Anfragen von anderen Steakhäusern, ob ich nicht für sie auch einmal Werbung machen könne. Gegen entsprechendes Salär natürlich. Nicht schlecht, Herr Specht, dachte ich, obwohl ich bei allem Wohlgefühl, mit dem mein Ego hier bedacht wurde, die Angelegenheit irgendwann doch ein wenig aufgeplustert fand. War mein Steakhouse-Auftritt tatsächlich solch ein mediales Getöse wert?

Leider waren nicht alle Kommentatoren so sachlich wie jene, die von Zwangsgebühren schrieben. Manche verstiegen sich tatsächlich sehr im Ton und fragten mich unverschämter Weise, wie ich denn als stadtbekannter Veganer auf die Idee kommen könne, in ein abgehalftertes Steakhouse zu gehen, dort Fleisch zu bestellen und mich dann zu wundern, wenn ich Fleisch bekomme. Blödiane! Wahrscheinlich alles WDR-Redakteure, die unter Pseudonym versuchen, das schändliche Verhalten ihres Senders schönzureden. Oder sollte ich statt Sender besser sagen: Zensurbehörde?

Aber ich gebe nicht auf. Ich werde den WDR weiter in die Ecke treiben. Er soll nicht denken, dass er, nur weil er meinen ersten Versuch, Missstände aufzudecken, abwehren konnte, nun Ruhe hat. Ich werde weiter undercover investigativ tätig. „Team Hoff“ is on the Road.

Morgen schon wollen meine Frau und ich ins örtliche Schwimmbad. Als ewiger Nichtschwimmer habe ich das bisher gemieden. Ich werde an der tiefsten Stelle ins Schwimmerbecken springen, und dann wird meine Frau das Versagen der Rettungskräfte dokumentieren. Meine letzten Worte werden sein, dass ich mich ja selten aufrege, dass es aber doch nicht angehen könne, dass man im Schwimmerbecken keinen Grund mehr unter die Füße bekomme.

Den Film kann der WDR nicht ablehnen. Und wenn doch? Dann werde ich mich noch einmal extra aufregen. Live bei dpa. Wenn ich es denn noch kann.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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