© Mike Kollöffel / DR
Das Hoff zum Sonntag

"Borgen" setzt Maßstäbe für Forderungen ans Fernsehen

 

Die dänische Serie "Borgen" ist bereits neun Jahre alt, doch durch einen Zufall ist Hans Hoff noch einmal darauf gestoßen. Das weckte den kritischen Geist unseres Kolumnisten neu: Warum "Borgen" eine Gefahr für mittelmäßige Produktionen darstellt...

von Hans Hoff
22.09.2019 - 08:40 Uhr

Es gibt gute Serien und gute Serien. Dazwischen liegen Welten. „Borgen“ ist eine gute Serie, auch wenn der deutsche Untertitel „Gefährliche Seilschaften“ ein bisschen einfältig klingt. Wie gut diese Serie ist, habe ich vor fünf Jahren schon einmal aufgeschrieben. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht Ulrike Klodes brillante Seriendialoge-Folge von 2017, in der auch erörtert wird, warum „Borgen“ so gut ist.

Nun ist eine Serie, die 2010 im dänischen Fernsehen gestartet und 2012 auch bei uns angelaufen ist, normalerweise kein Thema für einen Text in 2019. Wäre da nicht der Kulturkanal Arte, der gerade alle drei Staffeln von „Borgen“ wiederholt und sämtliche 30 Folgen bis 15. Dezember in seiner Mediathek zum Bingewatchen bereithält.


Ich bin vor zehn Tagen mehr oder weniger zufällig reingeraten in den Start der ersten Staffel und habe sofort die ersten fünf Folgen am Stück weggeguckt. Passiert mir höchstselten, dass ich mich so reinziehen lassen, aber bei „Borgen“ hat es so gut funktioniert, dass ich bei jedem neuen Vorspann senkrecht stand und die wunderbar skandinavisch klingenden Rollennamen mitsprach. Ich hörte mich Birgitte Nyborg sagen und Kasper Jul und Katrine Fønsmark und Sidse Babett Knudsen.

Ich war erneut regelrecht begeistert vom Spiel der Akteure, hingerissen von der Tiefe der Drehbücher, berauscht von der Komposition der Bilder, der kunstvollen Verflechtung der Handlungsstränge. Alles nahezu perfekt. Ich wollte das erst nicht begreifen, weil ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, dass vor rund zehn Jahren gedrehte Geschichten mich beim Wiedersehen derart einnehmen könnten. Normalerweise altert doch nichts so schnell wie Serienfutter, ist nichts so schal wie Sex mit der Ex. Wie viele weggebingte Serien-DVDs stehen noch bei mir im Regal und warten vergeblich auf Wiederaufführung? Es sind etliche.

Bei „Borgen“ ist nun alles anders. Diese Serie erweist sich als geradezu zeitlos, und sie hat mir viel erzählt über die Art und Weise, wie das Bewertungssystem eines durchschnittlichen Fernsehkonsumenten funktionieren kann. „Borgen“ hat mich nicht nur bei der Wiederholung komplett begeistert, die Serie hat mich auch mit einem anderen Blick schauen lassen auf all die Serien, die ich in den vergangenen Jahren für gut befunden hatte.

Ich war wie viele lange dem Serienrausch verfallen. Ich definierte meinen Alltag über meinen unbedingten Wunsch, immer mehr Serien zu schauen, mein Leben, meine sozialen Kontakte rund um Serien einzurichten. Wenn ich mich mit Freunden traf, redeten wir über Serien. „Hast du XY gesehen“, lautete eine der häufigsten Fragen, und natürlich hatte ich XY gesehen, weil ich stets darauf achtete, mitreden zu können.

Ich fand natürlich gut, was alle gut fanden und leistete mir nur hier und da ein paar exotische Ausnahmen, um ein wenig Individualität vorzutäuschen. Ich fand Serien gut, weil ich sie gut finden wollte, weil ich etwas haben wollte, das so wertvoll ist, dass es sich lohnt, es gut zu finden, denn wenn ich nicht irgendetwas gut finde, was bedeutet mein Leben dann?

Die „Borgen“-Wiederholung hat mein Bewertungssystem komplett über den Haufen geworfen. Die Begeisterung, die von der Wiederholung ausgelöst wurde, zeigte mir, wie sehr ich mich im Mittelmaß eingerichtet hatte, wie die Gewöhnung an Durchschnittliches langsam aber sicher mein Geschmackslevel absenkte.

Es ist nicht so, dass die Serien, die ich sah und für gut befand, auf einmal als schlecht zu bewerten sind. Sie sind in meinen Augen immer noch gut, aber eben nicht so gut wie „Borgen“. „Borgen“ hat mir wieder gezeigt, was Begeisterung ist, hat meine Sinne geschärft für das, was wirklich zählt.

Ich hätte das alles wissen können aus meiner Jury-Arbeit beim Grimme Preis. Wie oft haben wir da gesessen, eine Produktion nach der anderen angeschaut und unseren Geist vernebeln lassen von mittelmäßigen Shows oder Filmchen. Wir fanden Vorteile, weil wir wollten, dass da Vorteile sind, weil man ja als Jurymitglied ganz schön doof dasteht, wenn man in all dem nominierten Kram nichts von Belang entdeckt. 

Gottseidank gab es dann aber immer wieder den Moment, in dem etwas auf dem Bildschirm aufblinkte, das die Verhältnisse gerade rückte. Plötzlich war da eine Produktion, die nicht nur nett und okay war, sondern begeisterte, die mich zum entschlossenen Kämpfer für das Bessere werden ließ. Mit einem Schlag war all das, was ich vorher gesehen und als gut eingeordnet hatte, abgewertet. Auf einmal galt wieder, dass nur gut ist, was wirklich gut ist. Auf einmal war das Gewöhnungstier in mir besiegt.

Genauso ging es mir nun wieder bei „Borgen“. In mir erwachte erneut mein kritischer Geist, der offenbar ziemlich lang gepennt und den Winterschlaf mit einem Sommerschlaf verbunden hatte. Auf einmal wollte ich wieder mehr, auch weil ich nun wieder weiß, dass man mehr und mehr und mehr fordern muss, um das zu kriegen, was wirklich zählt.

„Borgen“ zählt wirklich. „Borgen“ ist ein großartig nachhaltiges Beispiel dafür wie Fernsehen sein kann. „Borgen“ ist aber auch eine Gefahr und zwar für alle mittelmäßigen Produktionen, die darauf setzen, dass die Zuschauer schon mögen werden, was sie vorgesetzt bekommen, weil sie wirkliche Qualität lange nicht mehr gesehen haben. „Borgen“ setzt die Maßstäbe für Forderungen ans Fernsehen. „Borgen“ ist ein Tritt in den Hintern aller zu durchschnittlichen Serien. „Borgen“ ist gut! Richtig gut!

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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