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Das Hoff zum Sonntag

Journalismus-Trend des Jahres: Die Zugstattflugreportage

 

Greta sei dank: Kein Medium kam in den letzten Wochen und Monaten ohne sie aus: Die Zugstattflugreportage. Auch Hans Hoff hat sich ganz vorne an die Front begeben und wollte brandheiß berichten - bis das W-LAN streikte.

von Hans Hoff
12.01.2020 - 08:46 Uhr

Neulich wollte ich von Düsseldorf nach Köln fliegen, aber dann kam mir Greta Thunberg in den Sinn, und die Kinder erzählten mir was von Flugscham. Also habe ich mich schweren Herzens dazu entschlossen, die Riesenreise nicht mit dem Jet, sondern mit der Deutschen Bahn zu absolvieren. Und was soll ich sagen? Deutsche Bahn!!!!

So ungefähr muss sie beginnen. Die typische Reportage aus dem 2019 neu eingeführten journalistischen Genre Zugstattflug. Man konnte im abgelaufenen Jahr ja kaum noch eine Zeitschrift, kaum noch einen Onlinedienst, kaum noch eine Zeitung konsultieren, ohne dass einem nicht spätestens nach drei Seiten oder fünf Klicks eine Zugstattflugreprotage angedient wurde, zwischendrin auch in der Variation Flixbusstattflugreportage oder EndlichwiederNachtzug oder MeineNachtaufdemErsteKlasseGang.

Doch, das ist so. Überall scheint es so, als habe der Chefredakteur verkündet, dass die Mannschaft jetzt aber (Achtung: Schlechtes Wortspiel) zügigst auch mal so einen Text brauche, in dem jemand schreibt, wie vernünftig das ist, wenn man nicht mehr fliegt und sich stattdessen selbst auf Schienen setzt. Natürlich schreibt man dabei auch auf, wie schwer das alles ist mit der Bahn. Dazu gehört, dass in jedem Text mindestens eine Teilstrecke mit einem unpünktlichen Zug in umgekehrter Wagenreihung absolviert werden muss.

En passant werden dann alle Unzulänglichkeiten einer typischen Bahnreise aufgelistet, von fehlender Sitzplatzreservierung über stinkende Mitreisende und nicht aufzufindendes oder unduldsames Zugpersonal bis zur Tatsache, dass nicht nur Greta Thunberg Bekanntschaft mit der Auslegeware der Bahn schließen musste. Es ist dieser Journalismusgattung geradezu immanent, dass alle wichtigen Defizite des Bahnreisens auf einen einzelnen Fahrgast einprasseln. Fast so, als habe man sich das beim „Spiegel“ ausgedacht nach dem Motto: „Dann brauchen wir noch eine alleinerziehende Mutter, die nicht ins Mutterkindabteil darf, und irgendwer muss vor der Zugtoilette hocken.“

Der Schreiber ist übrigens nach der Bahnreise, die gefühlt regelmäßig 30 Stunden und mehr dauert, fix und fertig, aber auch glücklich und reinen Herzens, denn er hat ja den krachenden Kerosinschleudern den Stinkefinger gezeigt und kann jetzt damit beginnen, die „Gretas Hits“ seiner Umweltwohltaten in die Nähe einer RTL-Rankingshow zu rücken.

Früher war es ja vor allem so, dass Großstadtredaktionen regelmäßig, oft vor Wahlen, einzelne Journalisten auserkoren, die dann in die Provinz reisen und dort nachschauen mussten, was die Menschen in Kleinstädten und Dörfern so treiben, ob sie schon Internet haben und warum sie den neuesten Metropolentrends immer noch nicht nachhecheln und warum sie so oft Scheißparteien wählen.

Stets kamen die Gesandten wieder zurück aus der Provinz und reportierten brav, dass in eben dieser Provinz ganz normale Menschen leben, also quasi Menschen wie du und ich. Oder im Falle urban geschulter Reporterfüchse vielleicht doch eher wie du. Ein bisschen hintenan sind diese Provinzler möglicherweise, aber im Großen und Ganzen doch ganz in Ordnung.

„Echt jetzt?“ Ja, so schallte es den aus dem Kampfeinsatz an der Provinzfront zurückkehrenden Kriegsreportern regelmäßig entgegen, wenn sie von ihren irren Abenteuern da ganz weit draußen berichteten und kaum einer diese exotischen Schilderungen glauben mochte.

Meist war danach dann erst mal wieder eine Weile Schluss mit Provinzrecherche, und man konzentrierte sich wieder auf die Kernkompetenz von hippen Redaktionen, also auf das Aufspüren von großstädtischen Megatrends für Mover und Shaker.

Was früher die Provinzreportagen waren, sind heute die „Papa fährt Bahn“-Geschichten, die sich in der Regel wirklich putzig und sehr unterhaltsam lesen, auch wenn sie natürlich dem durchschnittlichen Bonusmeilensammler ein bisschen vorkommen wie Stories From Outta Space. Aber es gilt nun mal weiterhin der zuverlässige Merksatz, dass Dinge, die ein Journalist entdeckt, genau dann neu sind, wenn der Journalist sie entdeckt. Mögen sie Jahre vorher schon in Berlin-Mitte als Trend ausgelaufen seien, wenn ein Journalist in Irgendwo sie als neu entdeckt, dann sind sie neu. Vor allem, wenn ein leitender Journalist sie entdeckt. Wenn der etwa die Devise ausgibt, es gebe da draußen eine neue Lust auf Lunch, dann gibt es immer weniger Menschen, die es wagen, ihm zu widersprechen.

Schon gar nicht wagen das Freiberufler, die darauf angewiesen sind, vom Leitenden Redakteur Aufträge zu bekommen. Wie schnell sind manche von denen bei Fuß und sabbern brav nach, was das für die Honorare zuständige Herrchen gerade verkündet hat: Ja, es gibt eine neue Lust auf Lunch. Der Leitende denkt dann natürlich, dass er nicht ganz falsch liegen kann mit seinem Gespür für Trends, weil ja die Freiberufler, die im Gegensatz zu ihm nicht den ganzen Tag in einem tristen Büro hocken müssen und auch mal rauskommen, das mit der neuen Lust auf Lunch ebenso sehen wie er.

Im Prinzip gleichen Trendthemen ein bisschen den saisonüblichen Virusinfektionen oder Hämorrhoiden. Irgendwann kriegt sie jeder, irgendwann schnupfen alle, oder es juckt rückwärtig. Einziger Unterschied: Gegen Provinzrecherche, Lust auf Lunch oder die Zugstattflugreportage gibt es kein probates Gegenmittel. Man kriegt sie, und dann steht man sie einfach durch.

Ich habe mich also mit den Kindern auf die ganz große Reise gemacht. Wir haben uns am Düsseldorfer Bahnhof postiert und schon mal vom Reiseproviant probiert, mit dem wir uns reichlich eingedeckt hatten, da ereilte uns die Durchsage. Fünf Minuten Verspätung! Und dann noch eine veränderte Wagenreihung! Ich wollte schon in der Redaktion anrufen und sagen, sie sollten die Reportagen aus dem Mittelmeer kippen, da käme von mir etwas ganz Heißes aus dem Herzen von Deutschland.

Leider funktionierte das W-LAN an Bord dann nicht, weshalb ich mich entschloss, die Story erst noch einmal reifen zu lassen und in vollen Zügen zu genießen, was mir die Arbeit im neuen Genre zu bieten hatte.

Wir kamen schließlich irgendwann in Köln an. Wir waren alle fix und fertig. Bevor ich in einen seligen Schlummer versank, dachte ich nur noch: Relotius steh mir bei! Was für eine geile Story! Macht schon mal alle verfügbaren Journalistenpreise für mich warm.

Im Traum sah ich dann Barbara Schöneberger in Kontrolleusenuniform auf die Bühne treten. Sie öffnete einen Umschlag und sagte: Und der Preis in der Reportagekategorie „Zugstattflug“ geht in diesem Jahr an…

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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