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Das Hoff zum Sonntag

Gewinner oder Verlierer? Chancen in der Corona-Krise

 

Das Coronavirus verändert momentan alles. Und Hans Hoff ist überzeugt: Auch wenn diese Zeit überstanden ist, wird nicht mehr alles werden, wie es vorher war. Höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie man sich für die Post-Virus-Zeit aufstellen soll.

von Hans Hoff
15.03.2020 - 12:00 Uhr

Am Mittwoch hat James Blunt für die Kunden von Magenta TV ein Konzert in der leeren Elbphilharmonie gegeben, und prompt ist am Donnerstag die Telekom-Aktie um über zehn Prozent abgeschmiert. Ein Schelm, wer da keinen Zusammenhang sieht. Nein, ist nur ein Spaß, den James Blunt wahrscheinlich längst selbst verbreitet hat. Humor hat er ja .

Das Streaming des Konzerts ist aber vielleicht trotzdem ein bemerkenswerter Moment, an den in künftigen Zeiten noch einmal erinnert werden könnte. Dann sagt man vielleicht: Schau, damals fing es an, dass sich etwas veränderte. Damals brauchten die Menschen noch die Bedrohung durch das Corona-Virus, um ihr Verhalten zu überdenken. Aber heute ist es gang und gäbe, dass Konzerte gestreamt werden, dass man sich nicht mehr überteuerte Tickets kauft, um mal zwei Stunden mit überschätzten Popstars in einem Raum verbringen zu dürfen.

Es ist nur eine Momentaufnahme, aber sie löst auch Gedanken aus, die über das aktuelle Geschehen, die Bedrohung und die Lage von morgen und übermorgen hinausgehen. Es stellt sich nämlich, auch wenn das angesichts der sich stündlich verschärfenden Situation möglicherweise zynisch klingt, die Frage, wie alles weitergehen soll, wenn das Virus nicht mehr die Top-Meldung in jeder Nachrichtensendung ist. Was wird dann anders sein? Was wird sich verschoben haben?

Wenn Sender und Anbieter klug sind, dann richten sie flugs Teams ein, die sich mit eben dieser Frage befassen, welche Chancen die Post-Corona-Zeit bietet. Wie muss man aufgestellt sein, um als Medienunternehmen nicht nur zu überleben, sondern sich neu zu positionieren in einer veränderten Welt?

Vielleicht wird die Krise dem Digitalen genau den Schub geben, der so lange vermisst wurde, weil man hierzulande viel zu lange dachte, dass man sich schon irgendwie durchwurschteln kann mit Edge und Kupferkabel. Möglicherweise bildet sich in den Zeiten, da viele Menschen ihr soziales Leben erst einmal eine Weile online gestalten müssen, ein neues Bewusstsein heraus für das, was dringend nötig ist und auch für das, was möglicherweise als überflüssig erachtet wird.

Es wird Gewinner und Verlierer geben. Fluglinien, Reise- und Konzertveranstalter und viele Einzelhändler werden eher zu Letzteren gehören. In diesen Branchen wird es in der Post-Virus-Zeit kein Weiter-so geben. Wer einmal erlebt hat, dass Leben auch ohne Flüge zu sinnlosen Konferenzen und zweifelhaften Meetings funktioniert, weil man die auch online abhandeln kann, der wird hinterher nicht unbedingt zwingend zum alten Verhalten zurückkehren. Vielleicht macht sich ja die Einsicht breit, dass Reisen nicht mehr garantiert bildet, so wie es einst ein geflügeltes Wort versprach, dass klassische Reisen in seiner Mehrheit nur noch aus durchkonfektionierten Angeboten besteht, die frei sind von wirklichen Überraschungen.

Wer heute noch echtes Abenteuer sucht, dem sei ein Hamsterkauf bei Aldi empfohlen oder ein Erkundungstrip zu den Umerziehungslagern in der Autonomieregion Xinjiang, in denen die chinesische Regierung grundlos Uiguren gefangen hält. Dort mal anklopfen und fragen, ob man mal reinschauen darf, das wäre gewagt, das wäre neu, das würde bilden. Ein organisierter Trip durch den Dschungel von Laos oder Vietnam mit integrierter Tempelbesichtigung dagegen bildet nicht mehr als eine ordentliche Doku. Möglicherweise hat also das Virus überzeugendere Argumente, das mit der Vielfliegerei zu lassen, als Fridays For Future.

Verlierer sind auch all jene, deren Angebote noch im Rang von Pillepalle rangieren. Wer interessiert sich noch für "Big Brother", wenn es 1000 Dinge gibt, die wichtiger sind, wenn das wirklich echte Leben anklopft? Andererseits wirft das Menschen-in-Kisten-Programm natürlich auch interessante Fragen auf. Wie geht es denen, die da schon seit Vorkrisenzeiten drin sind? Sind sie glücklich zu schätzen, weil sie die ganze Zeit schon in Quarantäne leben und nicht viel mitbekommen von der Verunsicherung draußen? Was passiert, wenn die Ahnungslosen wieder in die Welt entlassen werden? Möchten sie dann gleich wieder rein? Sind sie dann den Verhältnissen genau so schutzlos ausgeliefert wie es einst Urwaldvölker waren, die keinerlei Immunabwehr gegen läppische Erkältungen hatten und deshalb nach der Entdeckung durch zivilisiert genannte Forscher vom nächstbesten Schnupfen dahingerafft wurden?

Naturgemäß werden die Gewinner der Krise unter jenen zu suchen sein, die ihr Geschäft lange schon digital abwickeln, die wissen, wie man Menschen verbindet, wie man Online-Unterricht ermöglicht, die verstehen, dass die Menschen drinnen Beschäftigung brauchen, wenn es draußen ungemütlich wird. Das Streaming von Konzerten und der Verzicht auf Tourneen mit aberwitzigem Materialeinsatz sind da nur zwei Möglichkeiten. Im Prinzip muss es doch bei Netflix und Amazon gerade so richtig brummen. Ob die beiden Unternehmen aus ihren sicherlich steigenden Marktanteilen auch etwas für später machen, muss sich indes zeigen.

Im Moment setzen viele Anbieter Lockangebote auf. Sky wollte die Bundesligakonferenz im Free-TV, zeigen, wenn die Spiele dann nicht doch abgesagt worden wäre, und Pornhub schaltet vorübergehend Premium-Inhalte auch für Nichtzahler frei. Wer jetzt geschickt Kunden zu sich lockt und sich ihnen in Zeiten der Krise als treuer Begleiter andient, der kann hinterher möglicherweise mit größerem Umsatz dastehen. Andererseits kann es natürlich auch sein, dass Kunden in der Krise die Streamingangebote extensiv nutzen und sie quasi leer gucken. Da droht natürlich die Gefahr, dass der Kunde kündigt, wenn er glaubt, alles gesehen zu haben. Wenn Anbieter da nicht vorbeugen, nützt ihnen wohl auch der aktuelle Run auf ihre Angebote wenig.

Durcheinandergewirbelt wird gleichfalls die Bürokultur in den Redaktionen. Beschämt werden nun die Großraum-Büro-Apologeten, die immer von gesteigerter Kommunikation in den administrativen Legebatterien gefaselt, letztlich aber nur Einsparung gemeint haben. Sie müssen nun feststellen, dass man sich leichter infiziert, wenn man dicht an dicht arbeitet. Vielleicht rechnet mal jemand aus, wie viel langsamer die Durchseuchung einer Firma im Falle von Einzelbüros vonstatten gegangen wäre.

Es sind nun die Zeiten von Homeoffice angebrochen. Im Prinzip könnte man das, was gerade im Schatten des Virus-Geschehens praktiziert wird, als Großversuch für die Heimarbeit werten. Man wird merken, was funktioniert und was nicht, und danach werden sich im besten Fall Arbeitsstrukturen ändern.

Gewinner der Krise sind auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die gerade miterleben durften, wie die Ministerpräsidenten die von der KEF empfohlene Beitragssteigerung abgenickt haben, wie sie also weitgehend geräuschlos über die Bühne ging. Was hätte das für einen Aufschrei gegeben in ruhigen Zeiten. Die Headlines wären voll gewesen, das übliche ARD- und ZDF-Bashing hätte für fette Schlagzeilen gesorgt. Aber die sind nun mal für Corona reserviert.

Aber ARD und ZDF können sich auch anderweitig freuen, denn in der Krise zeigt sich ihr Wert wie sonst nie. Da erkennen nämlich auch beinharte Kritiker, was sie an Nachrichtenproduzenten haben, die keinem Werbekunden verpflichtet sind, die dementsprechend sachlich informieren können und Anker in rauer Krisensee sind.

Das eröffnet Chancen für die medialen Dickschiffe, die sich nun automatisch auf ihre Tugenden besinnen können, also seriös recherchieren und gut und glaubhaft informieren. Vielleicht vergisst dabei auch so mancher Apparatschik in den öffentlich-rechtlichen Anstalten seine Infizierung mit dem Quoten-Virus, die ihn jahrelang Qualität ausrufen ließ, in Wirklichkeit aber für vermehrtes Schielen auf Einschaltzahlen sorgte.

Nicht nur gute Sender können in diesen Zeiten Partner sein, Partner werden. Es geht da auch und vor allem um das Miteinander. Der Pianist Igor Levit spielt zur Ermutigung aller daheim Festgesetzten Hausmusikkonzerte auf Twitter. Beim ersten kamen über 190 000 Zuhörer zusammen, die für eine kurze Zeit Zerstreuung fanden. So etwas wirkt wie der Zettel im Hausflur, der älteren Mitbürgern anbietet, für sie einkaufen zu gehen. Es ist ein Akt der Mitmenschlichkeit und ein Appell, sorgsam mit dem Nächsten umzugehen. Alle werden etwas verlieren in dieser Krise. Wer hinterher trotzdem als Gewinner dasteht, muss sich zeigen. Es schadet indes nicht, wenn man sich jetzt schon mal ein paar Gedanken macht. Zeit genug haben die Menschen gerade.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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