Philine Janssens, was unterscheidet Erotik von Pornografie?
Philine Janssens: Der größte Unterschied besteht darin, dass im Porno alles, was man sieht, echt ist, nicht gespielt. Als Intimitätskoordinatorin muss ich versuchen, simulierte Sexualität ohne Penetration oder sichtbare Genitalien real wirken zu lassen und dabei die Balance zwischen expliziter und angedeuteter Erotik zu finden.
Und wo genau ziehen Sie dramaturgisch die Grenze?
Dort, wo Sexualität nicht der Erzählung dient, sondern sich selbst. In erotischer Fiktion sollte es anders als in der pornografischen stets einen inhaltlichen Grund für Sex geben. Pornos mögen sich durchaus Narrative geben, dienen aber nur der Kopulation statt umgekehrt. Wenn das der Fall ist, neige ich dazu, Aufträge abzulehnen. Vulgarität stößt mich eher ab. Aber unsere Serie ist ja strikt drama- und character-driven.
Enthält allerdings mehr explizite Sexszenen als vieles, was hierzulande fiktional entsteht.
Da hat mich Bettina Oberli offenbar wegen meiner Erfahrung – auch als Choreografin – gewählt. In Belgien war ich lange Zeit fast die einzige Intimitätskoordinatorin und musste deshalb ständig von Set zu Set hetzen. In dieser Serie gab es dann wirklich außergewöhnlich viel zu koordinieren. Deshalb habe ich vor Drehbeginn einen riesigen Ordner mit Szenen angelegt, die es für alle Beteiligten angenehm und verletzungsfrei zu choreografieren galt. Und ich war auch bei keinem Projekt häufiger am Set als bei diesem.
Wann genau beginnt denn Ihre Arbeit – beim Schreiben des Drehbuchs?
Das kommt vor. In dieser Serie wurde ich aber erst eingebunden, als der Cast stand. Danach beginne ich, Schauspieler auf die Rollen vorzubereiten, ihre Grenzen kennenzulernen oder zu helfen, sich dieser Grenzen überhaupt bewusst zu werden. Es geht immer darum, wie viel Intimität jemand zulassen soll und will – besonders, wenn es wie hier ums Thema Sexsucht geht. Das lässt man besser nicht einfach am Set auf sich zukommen. Dabei ist wichtig, den inneren und äußeren Konsens darüber, was erlaubt ist und was nicht, jederzeit ändern zu können. Dafür bin ich beim Dreh dabei und greife gegebenenfalls ein, wenn sich jemand unwohl fühlt. Intimität vor der Kamera braucht nicht nur einen Plan B, sondern Pläne C, D, E und F.
Nur, um Schaden von der Crew abzuwenden oder auch vom Publikum?
Mein Fokus liegt primär auf Cast und Crew. Kürzlich habe ich zwar etwas betreut, wo K.O.-Tropfen verabreicht wurden und anschließend eine Trigger-Warnung empfohlen. Ansonsten verspüre ich aber nicht die geringste Verantwortung fürs Publikum. Das kann schließlich einfach abschalten, sofern ihm etwas nicht gefällt. Ich bin keine moralische Instanz, möchte jedoch sicherstellen, dass die Darstellung des Körpers und sexuelle Handlungsstränge keine falschen Vorstellungen darüber vermitteln, was Sexualität und Erotik sind oder sein sollten.
© WDR/Fandango Film TV
Szene aus "Naked": Marie (Svenja Jung) hat Sex mit Matthias, während Luis (Noah Saavedra) ihnen dabei zusieht
Dafür stehen Sie also nie mit verschränkten Armen am Set und wachen über Standards?
Um Gottes Willen, nein! (lacht) Damit es dazu gar nicht erst kommt, ist gute Vorbereitung bis hin zu konkreten Ablaufprotokollen jeder intimen Szene wichtig, die vorab nur mit Cast und Regisseur geprobt wird. Zuvor lassen wir die restliche Crew draußen. Von der stehen übrigens weniger als üblich am Set. Regie und Kamera natürlich, Licht und Ton, vielleicht Kostüm und Maske, mit denen ich auch darum eng zusammenarbeite, weil sie die Gefilmten als erste und als letzte am Set treffen. Beide kriegen daher als erste und als letzte mit, wie sich die Darsteller fühlen. Ständiger Kontakt zu den Castern ist da ebenso wichtig für mich. Entscheidend ist aber eine richtige Partnerschaft aller mit allen.
Klingt, als wäre bei der Intimitätskoordination immer auch die Psychologin gefragt.
Psychologin bin ich keine, kümmere mich aber schon um die mentale Gesundheit aller Beteiligten und habe Antennen dafür, wer seiner Eigenverantwortung für Körper und Geist gerecht wird. Manche brauchen maximale Entscheidungsfreiheit, manche wollen bemuttert werden, andere von beidem etwas. Hier das jeweils beste Maß zu finden, ist besonders wichtig an meiner Arbeit. Ich muss Bedürfnisse beobachten und idealerweise auch erspüren.
Und dürfen dabei am Set auch mal Cut anstelle der Regisseurin rufen?
Bislang habe ich das noch nie getan. Aber wenn mein Cast in Gefahr ist, ein Stopp-Wort fällt oder die Situation anderweitig entgleist, würde ich nicht zögern und die Regieassistenz darauf hinweisen.
Was qualifiziert Sie eigentlich zu dieser Kompetenz? Eine Berufsausbildung zur Intimitätskoordinatorin gibt es bislang ja keine…
Mein beruflicher Hintergrund ist Tanz-Choreografie. Die hat ja ebenfalls viel mit Intimität zu tun. Mein Arbeitsmaterial ist seit jeher Menschen und ihre Körper. Deren Belastungsgrenzen muss ich kennen und offen darüber kommunizieren.
Sind die bei jemandem wie Svenja Jung, die im Erotikthriller „Fall For Me“ erst kürzlich Erfahrung sammeln konnte, größer als bei Noah Saavedra, für den es der erste Stoff dieser Art ist?
Größer würde ich nicht sagen, Noah ist sehr erfahren, offen, dialog- und lernfähig. Bei Svenja hat man aber schon gemerkt, dass sie Erfahrungen mit einem Intimitätskoordinator hatte und ihre Grenzen genau kennt. Das war für mich zwar sehr komfortabel, aber trotzdem öffnet jede Arbeit völlig neue Herausforderungen. Jeder Film, jede Crew, jeder Partner ist anders.
Was war diesbezüglich an „Naked“ besonders?
Die extrem hohe Dichte intensiver Szenen, bei der meine Anwesenheit öfter als bei jeder Arbeit bisher erforderlich war. Es gab echt viele Grenzen vieler Protagonisten auszuloten.
Schon, weil „Naked“ wie angesprochen ja nicht nur von einer hitzigen Affäre, sondern krankhafter Sexsucht handelt. Anfangs steht sogar sexualisierte Gewalt im Raum.
An welcher Stelle?
Maries beste Freundin fragt einmal, ob die dominante Art von Luis nicht an Vergewaltigung grenze.
Aber darauf antwortet sie, dass diese Dominanz keine Gewalt war. Mir ist bei aller Fürsorge immer wichtig, dass meine Arbeit auch zu meinem Wertekanon passt. Unkommentierte sexualisierte Gewalt würde da nicht hineinpassen. Am Set war die Serie also unbedingt sex-positiv. Ob das in der geschnittenen Endfassung so bleibt, weiß ich nicht; die habe ich nämlich noch nicht gesehen. Aber grundsätzlich gilt am Set ebenso wie privat: einvernehmlich ist nahezu alles erlaubt, wenn es der Geschichte dient.
Bis auf komplette Nacktheit. Dafür tragen die Protagonisten spezielle Kleidung.
Ein bisschen wie bei Barbie und Ken, genau. Bei einigen Totalen sind sie zwar unbekleidet, dadurch aber auch nur unscharf zu sehen.
Hat es bei „Naked“ irgendetwas an der Intimitätskoordination geändert, dass sowohl Regie als auch Drehbuch weiblich waren?
Ich sollte jetzt vermutlich ja sagen (lacht). Aber dafür sind Menschen individuell zu verschieden. Es gibt sanfte Männer, es gibt harte Frauen, um den Einfluss des Geschlechts bei dieser Serie herauszufinden, hätte man sie also einmal mit weiblichem, einmal mit männlichem Regisseur drehen müssen. Ein interessantes, aber unfinanzierbares Experiment. Und ehrlich: ich bin mit James Bond aufgewachsen, mein Blick auf die Welt ist männlich geprägt. Darüber bin ich mir stets im Klaren und arbeite an meinen Vorurteilen Zum Glück ändert sich da aber vieles. Das sieht man ja schon daran, dass es Intimitätskoordinatoren gibt.
Frau Janssens, vielen Dank für das Gespräch.
"Naked" steht ab 2. Oktober in der ARD-Mediathek zum Streamen bereit
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