Mit dem Reform-Staatsvertrag hat es die Politik den Öffentlich-Rechtlichen kürzlich noch einmal explizit ins Aufgabenheft diktiert: Die Sender sollen künftig stärker den Dialog zu und mit ihrem Publikum suchen. Allerorten sprießen daher derzeit Dialog-Formate in den Programmen, die mal mehr, mal weniger gut funktionieren. Ein besonders gelungenes Beispiel gab es vor rund eineinhalb Jahren vom Hessischen Rundfunk. Dort wagte man sich unter dem Motto "Weil Hessen mehr verbindet" an das aufwändige und ungewöhnliche Experiment "Was bewegt euch, Hessen?"

Knapp 40 Personen, die sich vorher nicht kannten und die in etwa einen Querschnitt der hessischen Bevölkerung darstellten, wurden ein Wochenende lang in einem Raum versammelt, um sie dort über all die Themen sprechen zu lassen, die sie bewegen. Ganz ohne Moderation entsponnen sich spannende Gespräche. Und die Tatsache, dass die Diskussion nicht auf ein Thema verengt und zugespitzt wurde, war ein Schlüssel dafür, eine engagierte Diskussion ohne Bildung fester Lager zu ermöglichen. Der Aufbau widersprach klassischen TV-Regeln - und doch gelang es, daraus für alle HR-Ausspielwege eine sehens- und hörenswerte Aufarbeitung zu machen.

Nina Pater © HR/Ben Knabe Nina Pater verantwortet beim HR das Projekt
"Es lohnt sich, Menschen zusammenzubringen und ihnen einen Raum zu geben, in dem sie die Chance haben, über ihre Themen zu reden. Darin steckt eine besondere Magie und das hat mir auch den Glauben daran zurückgegeben, dass das in unserer häufig polarisierten Gesellschaft möglich ist", blickt Nina Pater, in der Programmdirektion des HR seit 2023 für "medienübergreifenden Journalismus" zuständig und damals mitverantwortlich für das Experiment, im Gespräch mit DWDL.de zurück. Weil es sich also lohnt, versucht man das Experiment an diesem Wochenende noch eine Nummer größer zu wiederholen, wieder federführend verantwortet vom HR, diesmal unter Mithilfe von SWR, MDR und NDR und mit Beihilfe vom WDR. Realisiert wird es von der Produktionsfirma doity.

Unter dem Titel "Was Deutschland verbindet" versammelte die ARD diesmal gleich 84 Personen, die einen Querschnitt der knapp 84 Millionen in Deutschland lebenden Menschen abbilden sollen. Sie kommen aus unterschiedlichen Lebenswelten, mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Perspektiven. Da Gespräche in so großer Runde allerdings schwer möglich sind, wurden sie auf zwei Standorte in Baden-Baden und Leipzig aufgeteilt. Die groben Themenkomplexe für die insgesamt sechs Gruppengespräche unter den Überschriften Dialog, Gleichberechtigung, Migration, Demokratie, Meckerkultur und Wandel entstanden im Vorfeld aus zahlreichen Vorgespräche. "Wir reden über die Themen, die die Menschen beschäftigen und nicht über die Themen, von denen wir denken, dass sie die Menschen beschäftigen. Und wir nehmen uns richtig viel Zeit", erklärt Pater.

Es ist schwieriger geworden, Menschen zu finden, die sich trauen, mit ihren Perspektiven und Meinungen nach draußen zu gehen.


Die ARD hat zur Teilnahme bewusst nicht einfach über ihre Kanäle aufgerufen, sondern mit externer Hilfe im ganzen Land gesucht. Das war gar nicht so einfach, wie Pater berichtet: "Ich empfinde es als großes Geschenk, dass sich 84 Menschen aus ganz Deutschland trauen, vor einem großen Publikum mit ihrem Gesicht für ihre Meinung zu stehen. Wir merken im Vergleich zu unserer Aktion in Hessen vor rund anderthalb Jahren, dass es schwieriger geworden ist, Menschen zu finden, die sich trauen, mit ihren Perspektiven und Meinungen nach draußen zu gehen. Man trifft auf Reaktionen wie 'Das will ja keiner hören' oder 'Das macht ja eh keinen Sinn mehr'."

Woran das liegt, kann sie nur mutmaßen. "Wir sind heute nicht mehr so geübt darin, miteinander ins Gespräch zu kommen, weil die Räume, in denen das stattfindet, weniger werden. Im Privaten leben wir oft in einer totalen Bubble und umgeben uns mit Freunden, die relativ ähnlich denken. Aber wo kommt man noch mit Menschen ins Gespräch, die andere Perspektiven auf ein Thema haben?" Dabei sei das heute wichtiger denn je: "Mir gefällt die Frage, die in unserer Werbekampagne für das Projekt gestellt wird: Wann hast du das letzte Mal deine Meinung mit anderen Augen gesehen? Um eine Demokratie zu bewahren, braucht es Austausch und es braucht das Aushalten von anderen Meinungen. Solange man den anderen nicht von der eigenen Meinung überzeugen will, müsste man eigentlich in einem guten Gespräch bleiben können."

Wir wollen niemanden in seiner Meinung korrigieren, es gibt keinen Faktencheck oder ähnliches.


Ganz wichtig ist der ARD bei dieser Aktion, dass die Gesprächsrunden nicht journalistisch geführt werden. "Wir setzen bewusst keinen Journalisten oder Journalistin in die Runde, der das Ganze moderiert, sondern Gesprächsbegleitende, die nur dafür sorgen sollen, dass die Etikette eingehalten wird", sagt Pater. "Authentizität steht für uns an erster Stelle – jede Meinung soll Raum haben. Wir wollen niemanden in seiner Meinung korrigieren, es gibt keinen Faktencheck oder ähnliches. Eine klare Grenze gibt es allerdings dort, wo Äußerungen nicht mehr mit den Grundwerten des Grundgesetzes vereinbar sind oder strafrechtliche Relevanz erreichen könnten. Auf diese Situation haben wir uns ebenfalls vorbereitet und dabei auch die Verantwortung auf den Plattformen mitgedacht."

Die Diskussionen fließen in zahlreiche Programme ein

Die ARD will die an diesem Wochenende aufgezeichneten Diskussionen noch viel umfangreicher auswerten als beim letzten Mal beim HR. "Wir haben diesmal von Anfang an alle Ausspielwege mitgedacht und wir gehen diesmal schneller auf Sendung", so Pater. Schon am heutigen Sonntag wird es ab 15 Uhr einen Livestream auf Twitch mit Teilnehmenden der Dialogaktion mit Host Verena Ulrich geben, voraussichtlich in der kommenden Woche werden zur Transparenz alle sechs Diskussionsrunden in voller Länge in der ARD-Mediathek veröffentlicht. Die spannendsten Momente aus den Diskussionrunden fließen in die Dokumentation "Was Deutschland verbindet" ein, die am 30. Mai in der ARD-Mediathek veröffentlicht und am 1. Juni um 23:35 Uhr im Ersten gezeigt wird. Zuvor läuft am 1. Juni um 21:15 Uhr "Hart aber fair extra - Der Dialog". Louis Klamroth greift in der Spezialausgabe die zentralen Themen der Dialogrunden auf.

Vom 11. Mai bis zum 1. Juni wird man aber montags bis freitags schon in "Dialog vor acht" auf Inhalte aus den Diskussionen stoßen, Funk begleitet die Aktion mit dem TikTok-Format "Wyn.Wyn" mit Wyn Matthiesen. Auf Reddit gibt's am 11. Juni ein "Ask me anything" mit ARD-Intendant Florian Hager, in das die Inhalte ebenso einfließen sollen. Die ARD-Infowellen BR24, hr-INFO, MDR aktuell, NDR Info, rbb24 Inforadio und SWR Aktuell haben das Format "Mitreden! Deutschland diskutiert" am 11., 14., 18., 21., 25. und 28. Mai ab 20:15 Uhr im Programm, übertragen wird es auch auf dem YouTube-Kanal "ARD Mitreden". Und auch darüber hinaus ist eine umfangreiche ARD-weite Berichterstattung in den Magazinen und Nachrichten, auf Social Media, online und in den Fernseh- und Radiokanälen der Dritten Programme geplant.

Florian Hager © HR/Tim Thiel ARD-Vorsitzender Florian Hager
Der HR-Intendant und ARD-Vorsitzende Florian Hager betont den Stellenwert, den die Aktion für ihn hat: "„Mit ‚Was Deutschland verbindet‘ erfüllt die ARD ihren gesellschaftlichen Programmauftrag in besonderer Weise. Wir schaffen Räume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven respektvoll miteinander ins Gespräch kommen. Gerade in Zeiten von Polarisierung ist es unsere Verantwortung, Verständigung zu ermöglichen, demokratische Werte erlebbar zu machen und sichtbar zu zeigen, was unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält."

Bleibt nur noch die Frage, ob die ARD mit einer solchen Aktion wirklich etwas bewegen kann? Nina Pater formuliert ihr Ziel so: "Ich hoffe, dass wir die Leute anregen können darüber nachzudenken, dass es sich lohnt, sich miteinander zu unterhalten, auch wenn man ganz unterschiedliche Perspektiven hat. Vielleicht können wir die Menschen auch dazu anregen, sich auch selbst wieder Räume zu suchen und zu schaffen, in denen sie wieder mehr ins Gespräch kommen. Denn letztlich geht es darum, unsere Demokratie zu bewahren."