Herr Hegemann, Sie verkörpern in einem neuen ZDF-Film Olivia Jones. Wie lange saßen Sie während der Dreharbeiten täglich in der Maske?

Johannes Hegemann: Wenn ich in das komplette Drag-Outfit gegangen bin und entsprechend geschminkt wurde, hat das eineinhalb Stunden gedauert. Eher noch ein bisschen mehr.

Wie vertreibt man sich da die Zeit?

Ich hatte tolle Gespräche mit meiner Maskenbildnerin. Wir haben Musik gehört, ich habe am Handy geschaut und manchmal habe ich auch geschlafen.

Sowas geht?

(lacht) Ja, es war teilweise so früh - 5:30 Uhr. Ich hatte während der Dreharbeiten nicht viel Schlaf, weil ich parallel dazu Abends am Theater Vorstellungen gespielt habe. Da kommt man spät ins Bett und muss morgens früh aufstehen, um im Maskenmobil sitzen. Meine Maskenbildnerin hat mich in dem Fall aber immer weiter geschminkt und dann bin ich irgendwann aufgewacht und war Olivia Jones.

Wie sind Sie zur Rolle gekommen? Ganz klassisch über ein Casting?

Ja, das ist relativ klassisch verlaufen. Ich habe erstmal ein Self Tape aufgenommen, zu der Zeit war ich gerade im Urlaub und hatte kein Equipment. Ich habe mir dann notdürftig in einem kleinen Dorf in Italien Schminke gekauft und die Verkäuferin dachte die ganze Zeit, ich würde das für meine Freundin kaufen. Sie hat es als Geschenk eingepackt. Das war unnötig, aber mein italienisch war nicht gut genug, um ihr das zu sagen. Später gab es dann ein Live-Casting in Hamburg und irgendwann hatte ich die Zusage.

Welches Verhältnis hatten Sie zuvor zur Figur? Sie wohnen ja auch in Hamburg, dort ist Olivia Jones, oder Oliver Knöbel, wie er bürgerlich heißt, noch bekannter als in anderen Teilen des Landes.

Ich kannte natürlich die Figur, aber eher als Persönlichkeit hier aus Hamburg. Auf dem Kiez in St. Pauli kommt man an Olivia und ihren Bars nicht vorbei. Ich fand das immer toll, hatte mich aber nie tiefergehend mit ihrem Leben und Werdegang beschäftigt. Das ist erst in Vorbereitung auf das Casting und den Film passiert.

Olivia Jones, Johannes Hegemann © ZDF/Georg Wendt Das Original und die Film-Olivia: Olivia Jones und Johannes Hegemann zusammen am Set.

Wie haben Sie sich dann konkret auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie sich mit ihr getroffen?

Ich habe viel von Olivia geguckt und versucht, Material auch von ganz früher zu bekommen. Zu den Zeiten, als sie noch richtig wild war, also aus den 90ern. Da habe ich auch eine alte Spiegel TV-Doku gefunden, in der Olivia zu einer Zeit begleitet wurde, als sie noch nicht bekannt war. Ich habe generell viel über die Travestie-Szene, gerade in Hamburg, und die damalige Zeit gesehen und gelesen. Und natürlich habe ich mich auch mit Olivia unterhalten. Wir hatten ein langes Zoom-Gespräch und da durfte ich alles fragen, es gab keine Tabus. Und es ging für mich auch technisch darum zu lernen, wie ich mich auf hohen Schuhen bewege. Ich hatte in der Zeit damals sehr oft High Heels an, auch zu Hause.

Woran mussten Sie sich am meisten gewöhnen?

Gewöhnungsbedürftig ist es gewesen, einen ganzen Tag lang mit sehr langen Fake-Wimpern herumzulaufen. Die sind schwer, übrigens ebenso wie eine Perücke. Es hat auch etwas gedauert, bis ich mich mit den High Heels sicher, sexy und erhaben gefühlt habe.

 

Für mich war es sehr besonders zu sehen, wie viel Schmerz, Ablehnung, Zweifel und Enttäuschungen in diesem Werdegang stecken.  

 

Weil Sie sagten, es habe im Gespräch mit Olivia Jones keine Tabus gegeben. Was wollten Sie wissen? Was war Ihnen wichtig?

Es ging viel um das Verhältnis zwischen Oliver und seiner Mutter. Oder zwischen ihm und seinen Mitschülern. Also vor allem um die Zeit, bevor er nach St. Pauli gekommen ist. Wie ist es gewesen, in einem kleinen Dorf aufzuwachsen und zu merken, dass man anders ist als viele andere? Wie hat er gemerkt, dass er einen gewissen Geltungsdrang hat und im Rampenlicht stehen will? Oliver ist damals viel diskriminiert worden, ihm wurde gesagt, er sei nicht richtig und pervers. Das war für ihn ein langer Weg. Wir haben viel über Zweifel, Ängste, Liebe und vieles mehr gesprochen.

Was haben Sie dadurch über Olivia Jones gelernt?

Für mich war es sehr besonders zu sehen, wie viel Schmerz, Ablehnung, Zweifel und Enttäuschungen in diesem Werdegang stecken. Aber am Ende gibt Olivia nie auf und findet auch nach krassen Erfahrungen der Ablehnung zurück zu ihrer Leichtigkeit. Ihre Zugewandtheit gegenüber anderen Menschen hat sie nie verloren, das macht sie für mich aus. Olivia Jones ist nicht nur die leichte und witzige Entertainment-Person, da steckt viel mehr und ein langer Weg dahinter.

Wie bekommt man das alles in einen 90-minütigen Film? Das sind ja unglaublich viele Themen und Wandlungen.

Der Film ist natürlich verdichtet, das gehört dazu. Am Ende ist es eine Interpretation und der Versuch, diesem vollen und bunten Leben gerecht zu werden. Einige Figuren aus dem Leben von Olivia haben wir zum Beispiel zusammengelegt, um dramaturgisch besser erzählen zu können.

Haben Sie Anfeindungen durch die Rolle erlebt? Ich könnte mir vorstellen, dass es gerade auf Social Media negative Kommentare gegeben hat?

Noch ist der Film nicht ausgestrahlt [das Interview wurde Ende März geführt, Anm.], deshalb gab es bislang kein so großes Echo in diese Richtung. Auf der Premiere in Hamburg beim Filmfest gab es sehr positives Feedback. Unsachliche Kritik und Personen, die ihre privaten Kulturkämpfe ausfechten wollen, werden bestimmt kommen. Dieser Film wird nicht allen gefallen. Ich weiß natürlich, dass Olivia Jones polarisiert und die Kommentare dazu kann man sich ja schon denken. Ich finde: Menschen ihre Daseinsberechtigung abzusprechen, nur weil sie eine andere Identität haben oder anders leben, ist kein Argument in einer sachlichen Diskussion.

Unsachliche Kritik und Personen, die ihre privaten Kulturkämpfe ausfechten wollen, werden bestimmt kommen. Dieser Film wird nicht allen gefallen. 


Wie wichtig ist es, gerade 2026 den Weg von Olivia Jones filmisch zu erzählen? Der Mob auf Social Media wird zumindest immer lauter.

Ja, das denke und merke ich auch. Auf der einen Seite zeigt der Film, wie sehr durch Pioniere und Aktivisten wie Olivia vieles erkämpft wurde - gerade auch in der Rechtsprechung. Dadurch hat sich das ganze Thema normalisiert. Gleichzeitig gilt: Das ist nicht selbstverständlich. Man muss immer wieder für die Rechte von queeren Menschen einstehen. Gerade jetzt, das gesellschaftliche Klima ändert sich. Es gibt wieder vermehrt Übergriffe und Anfeindungen, auch auf den Straßen. Man kann sich als queere Person in gewissen Stadtteilen nicht mehr ausleben. Und sei es nur die Hand des Partners oder der Partnerin halten. Deshalb glaube ich, dass der Film zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Ist "Olivia" ein politischer Film?

Na klar, es ist ein politischer Film. Es ist wichtig, Räume zu schaffen und andere Identitäten zu akzeptieren, die nicht einer heteronormativen Idee entspringen.

Olivia Jones hat schon sehr klar artikuliert, was sie hofft, wer den Film sieht. Zum Beispiel Menschen, die Berührungsängste mit dem ganzen Thema haben. Oder solche, die nie erlebt haben, was Diskriminierung anrichten kann. Was würden Sie sich wünschen? Was sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer mitnehmen?

Ich wünsche mir das auch. Die Menschen sollten sich tiefergehend mit dem Thema beschäftigen. Sie sollen sehen, dass Olivia Jones nicht als Provokation gedacht ist. Dahinter steckt ein Mensch mit einem Leben. Am besten macht der Film vielen Personen klar, dass man Menschen verletzt, wenn man sie diskriminiert. Vermutlich kann man die krassen Hater mit dem Film aber sowieso nicht erreichen. Deshalb will ich vor allem solche Menschen erreichen, die demgegenüber nicht abgeneigt sind, sich damit aber nie wirklich beschäftigt haben. Sie sollen einen Einblick in das Leben von Olivia bekommen. Und das ist ja wirklich besonders an ihr: Olivia sensibilisiert durch alle Gesellschaftsschichten hindurch Menschen für Inklusion und Diversität. Und das schafft sie auf eine lockere und sympathische Art und Weise, ohne Oberlehrerhaft zu sein. Dadurch ist viel gewonnen. Vorurteile bauen sich durch Begegnungen ab und dazu kann auch der Film beitragen.

Vielen Dank für das Gespräch!

"Olivia" ist am 13. Mai um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen. Schon seit dem 5. Mai steht der Film online zum Abruf bereit. 

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